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Rezension: Belletristik : Zeitzünder in der Couchecke

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Daniel Kehlmanns Erzählungsband "Unter der Sonne"

          Daniel Kehlmanns Debütroman "Beerholms Vorstellung" (1997) erhielt zustimmende Kritiken. Der eigentliche Prüfstein für einen gut gestarteten Schriftsteller pflegt sein zweiter Roman zu sein. Nun ist aber Kehlmanns zweites Buch ein Erzählungsband, der zudem einen Allerweltstitel trägt: "Unter der Sonne". Fällt er in die Waagschale wie ein zweiter Roman? Ich denke schon.

          Die Erzählungen stellen klar, daß sich Kehlmann weder der Avantgarde anschließt noch jenen Kultur- und Literaturkonzepten, deren Namen mit der Vorsilbe "Post-" beginnen. Keine Erzähl- und Sprachexperimente, keine Selbstunterminierung des Erzähler-Ichs, keine Flirts mit Lieblingsstellen aus den Werken anderer, keine Selbstbedienung im Supermarkt der Literaturtradition. Unter den Figuren, von denen erzählt wird, überwiegen die merkwürdig gestörten, sich absondernden oder in Isolation geratenen Menschen. Lebensmonotonie und der plötzlich entfachte Wunsch nach dem Ausbruch führen in den meisten Erzählungen zu den Katastrophen. Nicht, daß diese Menschen in Nischen des Unzeitgemäßen lebten. Sie gehen ihrer Arbeit in modernen Berufen nach, als Tonregler bei Aufzeichnungen von Kongreßveranstaltungen, als Fernseh-Elektriker, als Direktor eines Wirtschaftsunternehmens oder als Angestellter, der Formulare überprüft. Die einzige Erzählung, die ein Happy-End hat, ist die erste, "Bankraub", und auch da darf man sicher sein, daß nur der Blackout es dem Erzähler erläßt, von den Qualen des genossenen Glücks zu berichten.

          "Bankraub" handelt von einem jener Fälle, an deren Verhinderung die Kreditinstitute inzwischen fieberhaft arbeiten: durch einen falschen Tastendruck und das Überhören der Warnsignale des Computers werden Hunderttausende oder Millionen auf ein falsches Konto gebucht, und der tat- und drahtlos Beschenkte löst sein Konto auf und fliegt und flieht in irgendeinen entfernten Winkel der Erde. Die Fehlkalkulationen, wie sie den Direktor Lessing aus dem Gleichgewicht bringen, sind wohl der Albtraum so mancher Wirtschaftsmanager. Kehlmann ist alles andere als ein Erzähler im Elfenbeinturm.

          Die Titelerzählung "Unter der Sonne" hat als längster der Texte tatsächlich auch Längen (sofern der Leser nicht Insider ist). Der Philosophie und Literaturwissenschaft studierende Autor malt sich das trübe Gelehrtendasein eines Literaturdozenten aus, dessen akademische Bücher über einen berühmten Gegenwartsschriftsteller auf dem Friedhof der Sekundärliteratur landen (während ein Essayist mit seiner Biographie Furore macht) und der sich für die Verachtung des Berühmten durch einen Besuch an dessen Grab entschädigen will - der Zufall vereitelt selbst diese Genugtuung.

          Die besten Erzählungen betreiben Handlungs- und Ursachenanalyse. Wie in einem Vierzehnjährigen plötzlich die Sicherungen durchbrennen, zeigt "Töten". Es sind die Dumpfheit einer auch durch Comic-Hefte oder Fernsehen nicht mehr zu bannenden Langeweile und die Nähe eines blutrünstig seine Zähne bleckenden Hundes, die plötzlich Killerinstinkte hervorbrechen lassen. Der kalt ausgeführten Tat folgt keine Beunruhigung des Gewissens, sondern eine weitere Vereisung.

          Dieser aus einer verrohten Gefühlswelt entspringenden Mordlust steht das hochbewußte Handeln eines Brandstifters in "Pyr" gegenüber. Ein Elektriker der Fernsehbranche verschafft sich bei Arbeiten in den Häusern Wachsabdrücke von Schlüsseln und bricht während der Urlaubswochen der Besitzer nachts in die Wohnungen ein. Er verteilt Kerosin, baut Zeitzünder ein und verfolgt von draußen die leise Explosion und den gierig um sich greifenden Brand - alles im Dienst der Anbetung des Feuers. Der Ich-Erzähler weiß sich zu rechtfertigen (die Ironie des Autors bleibt dabei allerdings nicht verborgen). Pyromanie ist dem Elektriker keine Krankheit; er hat Freud gelesen, kennt Worte wie Psychose und Paraphilie und argumentiert sogar mit Heraklit.

          Die Stärke der Sprache Kehlmanns ist ihre Schnörkellosigkeit, der Verzicht auf blumige, nicht von der Anschauung gedeckte Metaphorik. Seine Charakterisierung der Personen, die Erklärung psychischer Antriebe und die Beschreibung der Umwelt und der Naturvorgänge gehen auf exakte Beobachtung und Analyse zurück, ohne daß deshalb die Sprache verkarstet. Großartig die Szenerie der vom Schneesturm durchtobten nächtlichen Landschaft, in der sich ein aus der Großstadt versprengter Autofahrer in seinen Untergang hineinverirrt. Da enttäuscht es dann ein wenig, daß Kehlmann doch nicht ohne die abgegriffene Weltende-Symbolik auszukommen glaubt ("Es gab keine Menschen mehr. Sie wurden alle vernichtet, eine kalte Apokalypse fegte über den Planeten").

          "Ein Fall von früher Meisterschaft", lautete das Urteil eines Kritikers über den Debütroman. So frühe Vollendung wäre mir eher verdächtig. Und in der Tat könnte diese Prosa etwas mehr Mut zum sprachlichen und erzählerischen Risiko vertragen. Auf jeden Fall aber: diesen Autor müssen wir im Auge behalten. WALTER HINCK

          Daniel Kehlmann: "Unter der Sonne". Erzählungen. Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, Wien/München 1998. 109 S., geb., 19,90 DM.

          Unter der Sonne

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.1998, Nr. 65 / Seite 42

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