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Rezension: Belletristik Wo ist der Familienschmuck?

Schelmenroman: "Zwölf Stühle" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow

Es gibt Bücher, die man als alte Bekannte begrüßt. Wir wundern uns, wo sie so lange gewesen, erinnern uns heiterer Stunden und wollen alles über ihr Schicksal wissen. Zu diesen Büchern zählt, für mich wenigstens, Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows Roman "Zwölf Stühle", eine sowjetische Spitzbuben- und Gaunergeschichte, einzig in ihrer Art, in Rußland ein moderner Klassiker. Sie wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt und siebenmal verfilmt, zweimal in Rußland, in Österreich, Kuba und zuletzt Anfang der achtziger Jahre in Hollywood, von und mit Mel Brooks.

Ilf und Petrow, die beide aus Odessa stammten, hatten ihre eigenen Gründe, als Autorenteam unter anderen Namen zu arbeiten. Ilf hieß eigentlich Ilja Arnoldowitsch Fainsilberberg, und Petrow war der jüngere Bruder des sowjetischen Erfolgsautors Valentin Katajew, der das Sujet der "Zwölf Stühle" Ilf und Petrow überließ, um zu sehen, was sie daraus machten. Die unbekümmerte Fabulierfreudigkeit und die erfinderische Sprachkunst der beiden war Katajew weit voraus - ungeachtet aller Zensureingriffe, die den Text ein wenig, aber nicht radikal beschnitten. Im Verlauf der sowjetischen Editionsgeschichte wurde der Roman zwar immer ein wenig schlanker, aber der vorliegende Text, kreuzfidel und kräftig von Renate und Thomas Reschke übersetzt, folgt der neuesten Moskauer Ausgabe (1997), die das Originalmanuskript restauriert. Man liest mit einiger Rührung, daß diese Ausgabe, nach allem Unheil der russischen Geschichte, noch die Unterstützung der Witwe Ilja Ilfs fand, die alles überlebte.

Im alten spanischen Schelmenroman genügte ein einziger Spitzbube, hier aber tummeln sich gleich drei. Sie besitzen die wunderbare Gabe, kleine Geschäftemacher, Hochstapler, Diebe, korrupte Magistratsbeamte und wenig talentierte Dichter wie magnetisch anzuziehen, den ganzen Bauch der frühen Sowjetunion, ehe noch im Jahr 1928 die strengere Epoche des ersten Fünfjahresplanes beginnt. Die Witwe Petuchowa, die einst dem Bürgertum angehörte, beichtet auf ihrem Totenbett, daß sie den alten Familienschmuck in einem der zwölf Stühle versteckte, die ihre Salongarnitur bildeten. Leider beichtet sie das zweimal, zuerst dem pfiffigen Popen Fjodor, ein andermal ihrem Schwiegersohn Worobjaninow, und die begeben sich sogleich auf Schatzsuche, gefolgt vom einfallsreichen Gauner Ostap, der weiß, daß der Schwiegersohn vor der Revolution ein kleiner Adliger war und deshalb jetzt wehrlos gegen milde Erpressungsversuche ist.

So geht es, wie es einem pikaresken Roman wohl ansteht, kreuz und quer durch die Sowjetunion im letzten Jahre der Neuen Ökonomischen Politik, mit der Lenin durch einen staatlich anerkannten Privatkapitalismus die Wirtschaft beleben wollte. Die Irrfahrt geht von der Kleinstadt nach Moskau, von dort nach Tiflis und der Krim, dann wieder nach Moskau zurück, der zähneknirschende Pope Fjodor immer auf Abwegen, weil er der falschen Information eines bestechlichen Beamten aufgesessen ist. Die erste Station ist Worobjaninows frühere Villa, jetzt ein Heim für alte Frauen, wo man erfährt, daß der Stuhl gerade vom Hausmeister verkauft worden ist, die zweite ein staatliches Möbelmuseum, das die anderen Stühle eben einem Versteigerungsinstitut überlassen hat.

Stühle und Wege laufen katastrophal auseinander, vier werden von einem Theater erstanden, andere von Moskauer Redakteuren und Bürgern, und die beiden Schatzsucher, unterstützt von einer Schar verwahrloster Straßenkinder, müssen allen einzeln nachjagen. Es wird betrogen, gelogen, gestohlen, geheiratet - Ostaps Spezialität, aber nur für ein paar Stunden, denn sobald er den Stuhl der Braut aufgeschlitzt und ein paar ihrer bescheidenen Wertsachen entlehnt hat, verschwindet er wieder. Der "positive Held", nur wenig später die zentrale Figur des Sowjetromans, glänzt durch totale Abwesenheit - vielleicht mit Ausnahme des Ingenieurs Treuchow, der in seiner Kleinstadt endlich neue Verkehrsmittel einführen will. Aber auch er ist kein Held des technologischen Fortschrittes, eher ein komischer Don Quijote der klappernden Straßenbahn. Zuletzt triumphiert doch die Sowjetmacht; im zwölften Stuhle werden die Schätze von Bahnhofsarbeitern entdeckt, und ihre Gewerkschaft erbaut ein schönes Kulturhaus mit Turnhalle und Theatersaal. In der österreichischen Filmfassung, die jeden Hinweis auf die russischen Autoren verschweigt, endet das Ganze in einem Linzer Waisenhaus, wo die Kinder fromme Lieder singen und die Bösewichter das Weite suchen.

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Veröffentlicht: 12.06.2001, 12:00 Uhr