http://www.faz.net/-gr3-6q71x

Rezension: Belletristik : Wo die therapeutische Gemeinde Heilung sucht

  • Aktualisiert am

"Die Maßnahme": Norman Rush spaziert durch einen afrikanischen Garten Eden und sieht allerlei schlimme Dinge · Von Wilhelm Kühlmann

          Wie einst in Tania Blixens legendärem Roman "Out of Africa" wird auch in diesem Prosaepos von einem langen Abschied erzählt. In die Vergangenheit versinkt allerdings nicht die männliche Lebensform der Kaffeefarmer auf den grünen Hügeln Kenias, sondern der Versuch, die Gebrechen des Schwarzen Kontinents gleichsam in der Retorte zu heilen. Die Ich-Erzählerin nimmt den Leser mit auf einen Weg, der von Gaborone, der Hauptstadt Botswanas, nach Tsau, einem weit entlegenen Kaff der Kalahari-Wüste, führt. Dort wirkt Nelson Denoon, der Heros des Romans "Die Maßnahme" von Norman Rush.

          "Autochthone Entwicklung" heißt seine Parole, Selbstorganisation im Rückzug auf eine fast autarke dörfliche Gemeinschaft, in der sich die Ideen einer ökologisch und feministisch bestimmten "Solardemokratie" verwirklichen lassen. Jenseits der abgewirtschafteten Ideologien des Westens und des Ostens soll sich hier "Beschaulichkeit" mit nichtentfremdeter Arbeit vereinen, soll ein Garten Eden entstehen, der dem Elend Afrikas Rettung verheißt. Hier wird noch einmal der Traum vom "dritten Weg" geträumt. Denn Denoon weiß: "Der Kapitalismus erwürgt Schwarzafrika, der Sozialismus wird es begraben!"

          Kaum verleugnen kann der Gralshüter des neuen Jerusalem seine eigenen Wurzeln: die akademische Subkultur Kaliforniens. In der Hauptstadt des südafrikanischen Wüstenstaates wirkt er exotisch und deshalb interessant. Er repräsentiert den Versuch der Tat, wo sonst nur geredet wird. Denn mehr als die Selbsthilfe zählt hier die Sehnsucht nach amerikanischem Wohlstand, und auch die Gruppe der Weißen pflegt allenfalls im blassen Gedankenspiel die radikalen Visionen des Sozialplaners. "Hartnäckige Reaktionäre" aus Tansania, Safaritypen und Missionare mischen sich mit der Denoon weitläufig verwandten Klasse "wissenschaftlicher" Afrika-Experten, die, von zumeist gutwilliger Ahnungslosigkeit beflügelt, den Einheimischen eigentlich so entrückt bleiben wie Zierfische im Aquarium.

          Auch die Erzählerin, in Minnesota geboren, fühlt sich mit ihrer halbfertigen anthropologischen Dissertation als eine in der "Feldforschung" bewanderte Fachfrau. Wie alle Verunsicherten wird sie von dem angezogen, der alles auf eine Karte setzt. Norman Rush schlüpft virtuos in die weibliche Erzählerrolle und entwickelt seinen Roman aus autobiographischen Aufzeichnungen der Protagonistin. Wie kaum anders zu erwarten, wird selbst der nach Afrika entführte Leser keinesfalls verschont von einem verschämt hedonistischen Narzißmus, in dem die Problemchen handgestrickter Sexualpsychologie und notorischer "correctness" ausgebreitet werden.

          Doch solche Reprisen und Relikte zwanghafter Selbstkontrolle im College-Stil bilden glücklicherweise nur die Kontrastfolie eines Abenteuers, das über Schotterpisten in unbekanntes Gelände führt. Der heimliche Aufbruch nach Tsau verwandelt die Neugier der Anthropologin in das Erlebnis einer großen Liebe. Wie dieser Versuch ungeahnter Gemeinsamkeit gelingt und doch schließlich scheitert, gewinnt den Rang eines fesselnden Experiments und einer erhabenen Anstrengung. Dazu trägt die bizarre und drohende Landschaft bei, die durchmessen werden muß und die Grenzen des Gewohnten markiert.

          Nach und nach erschließen sich dem Leser die ausgetüftelten Verhaltensregeln und ökonomisch-politischen Strukturen des von Denoon gestalteten Dorfes. Sie konfrontieren die Erzählerin mit der Frage nach den eigenen Lebenszielen. "Bleiben" oder "erneuter Aufbruch" heißt die Alternative. Sie überschattet das Glück des Beisammenseins und wird auch nicht aufgehoben von den überwältigenden Eindrücken, die das Land und seine Bewohner vermitteln. Beiden verleiht Rush scharfgeschnittene Konturen. Denn das scheinbar so homogene Dorf entpuppt sich nach und nach als durchzogen von Gruppenkonflikten, die sich in Debatten, in Revolten und Sezessionsversuchen entladen.

          Weitere Themen

          Obama würdigt Mandela Video-Seite öffnen

          Mitreißende Rede : Obama würdigt Mandela

          Der Anti-Apartheitskämpfer und erster schwarzer Präsident Südafrikas wäre am Mittwoch 100 Jahre alt geworden. Barack Obama hielt eine hingebungsvolle und mitreißende Rede über Werte, für die Nelson Mandela stand.

          Topmeldungen

          Spaß macht es schon, wenn nur das Aber nicht wär.

          ADHS und Smartphones : Tippen und Klicken bis zum seelischen Umfallen?

          Das Smartphone immer im Anschlag, digital auf Dauerbetrieb. Doch wann ist es zu viel, wann macht die Seele schlapp? Mediziner haben jetzt Tausende Schüler im Zappeltest gehabt und finden Anhaltspunkte für eine digitale Überdosis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.