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Rezension: Belletristik : Winkelsumme im Liebesdreieck

  • Aktualisiert am

Jeanette Winterson erfindet "Das Schwesteruniversum"

          Wie könnte eine Erfolgsautorin, die im Alter von achtunddreißig Jahren fünf Romane veröffentlicht hat und mit ihrem lesbischen Liebesleben in der Londoner Literaturszene von sich reden macht, der Versuchung widerstehen, auf einfache Weise im Gespräch zu bleiben und aus den fünfen ein sechstes Buch zu basteln? Jeanette Winterson hat der Versuchung nachgegeben.

          "Das Schwesteruniversum" ist, wie ihr Roman "Kunst und Lügen", ein Geflecht von drei Stimmen, die von der Überschneidung ihrer Leben erzählen. Die Naturwissenschaftlerin Alice, der verheiratete Physiker Jove und dessen Frau Stella gruppieren sich zu einer Dreieckskonstellation, die in allen möglichen Kombinationen durchgespielt wird: Alice-Jove, Alice- Stella, Jove-Stella, Alice-Jove-Stella. Was unverrückbar schien - Ehe, Geschlechterrollen, Zeit -, löst sich in eine verwirrende Vielfalt von Möglichkeiten auf. Joves Ehe verbietet die Affäre mit Alice nicht, Alice darf Jove lieben, aber auch Stella.

          Was für die Körper gilt, gilt auch für die Zeit. Grenzen fallen: Begehrende Erinnerung, Gegenwart der Begierde und begehrte Zukunft verschmelzen zu einer Gleichzeitigkeit, in der die Zeiteinteilungen unserer Welt aufgehoben sind und sich die Einheit mit unserem verlorengegangenen "Schwesteruniversum" andeutet. Das glaubt jedenfalls Alice, die sich mit Haut und Haar dieser selbstgebastelten Realitätstheorie verschreibt und in Jove den kühnen Physiker-Missionar sieht, der auf die Sicherheitsnetze von Linearität und Kontinuität verzichtet.

          Doch allmählich zeigt sich, daß gerade Jove, der sich theoretisch ganz der Vieldimensionalität verpflichtet fühlt, in feste Besitzverhältnisse zurückdrängt. Wie in "Auf den Körper geschrieben", ihrem letzten Roman, setzt Jeanette Winterson den einengenden Besitzansprüchen des Mannes die androgyne Offenheit der Frau entgegen. Das Schwesteruniversum, so Wintersons überdeutliche Botschaft, kann von Männern allenfalls erforscht, aber nur von Frauen am eigenen Leibe erfahren werden. Der Roman schließt mit einer plakativen Geste männlichen Besitzenwollens: "Man ist, was man ißt", behauptet Jove und verspeist Stellas Gesäßbacke.

          Predigerton und unappetitliche Bilder ließen sich vielleicht noch ertragen, weil sie durch die ausführlichen Rückblicke - gekonnt erzählte Episoden aus der Kindheit der drei Figuren - aufgewogen werden. Gänzlich unerträglich wird der Roman allerdings immer dann, wenn Winterson auf der vergeblichen Suche nach einer neuen Sprache der Liebe den populärwissenschaftlich aufgeweichten Begriffsapparat der theoretischen Physik bemüht. In ihrem letzten Roman mußte seitenweise die medizinische Fachsprache für Hymnen auf den Körper der Geliebten herhalten. Hier sind es halbverdaute Theoreme von Heraklit über Hawking bis Hyperspace, in eine ganzheitliche Esoterik gezwungen, die jeden Physiker erschauern ließe.

          In den Zitatbrocken und lehrbuchhaften Einlassungen findet statt der neuen Sprache allzu demonstrativ die Belesenheit der Autorin ihren Ausdruck, die dem derzeit gängigen Interesse an den Überschneidungen zwischen literarischen und naturwissenschaftlichen Diskursen entgegenkommen will. Autoren wie Thomas Pynchon oder John Banville zeigen, wie weit man diese Auseinandersetzung in den literarischen Text selbst hineintreiben kann. Bei Jeanette Winterson dagegen bleibt sie dekoratives Beiwerk, kaum integriert in die konventionell erzählten Lebensgeschichten der drei Figuren.

          Überhaupt entsteht der Verdacht, daß die Autorin mit den Versatzstücken einer politisch korrekten "neuen" Ästhetik hantiert, um die Erwartungshaltung eines auf bestimmte postmoderne Signale eingespielten Lesepublikums zu bedienen. Dazu gehören die sattsam bekannte Spiegelmetaphorik, der systematische Zweifel an der Erzählbarkeit der Welt, die Rede vom Körper als Landkarte oder als Buch, das es zu entziffern gilt, sowie die ständige Verknüpfung von Sexualität und Essen. Am Ende begnügt sich der aufwendig inszenierte Roman mit der "Ahnung, daß das Leben nicht rational ist, nicht eingeteilt". Für diese banale Einsicht wäre ein sechstes Buch kaum nötig gewesen. ANNETTE PEHNT

          Jeanette Winterson: "Das Schwesteruniversum". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Walitzek. Berlin Verlag, Berlin 1997. 267 S., geb., 39,80 DM.

          Das Schwesteruniversum

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.1997, Nr. 295 / Seite 42

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