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Rezension: Belletristik : Wind und Wiese

  • Aktualisiert am

Eine Vorstadt-Elegie

          Es ist eine künstliche Situation, wie in ein Licht getaucht, das die Farben unnatürlich leuchten läßt. Zum Beispiel das Grün: eine Wiese, darauf zwei Gestalten, die sich umeinander bewegen oder aufeinander zu oder voneinander weg. Zwischen ihnen rennt ein Collie hin und her, er hält die Verbindung. Dieses Bild in Grün, für den Leser wie eine überscharfe, überbelichtete Luftaufnahme, ist Ausgangs-, Mittel- und Endpunkt von Peter Pohls neuem Jugendroman.

          Jörgen, zwölf Jahre alt, gerät auf die Wiese durch die Collie-Hündin mit Namen Mizzi. Sie hat ihn zu ihrer wohlsituierten Familie geholt, ihn, den wortkargen Jungen aus den Wohnblocks der Vorstadt, um den sich niemand richtig kümmert. Nun paßt er auf sie auf, darf sie sogar drei Wochen lang allein hüten, während ihre Besitzer in den Ferien sind. In diese drei Wochen ist die ganze Geschichte hineingepackt; auch das trägt zu ihrer Überbelichtung und Intensität bei. Es ist Jörgens Geschichte, aber er erzählt sie nur, weil Mizzi auch Sally auf die Wiese geholt hat, das fremde, ernste Mädchen, das offenbar ein schweres Geheimnis mit sich herumträgt. Obwohl es die Art von Geheimnis ist, die in letzter Zeit in der Jugendliteratur besonders gerne gelüftet wird; obwohl dies also keine neue Geschichte ist und noch nicht einmal eine sehr realistische; sie ist dennoch überraschend, spannungsvoll und in einem übergreifenden Sinne glaubwürdig.

          Das liegt an der Art, wie Peter Pohl sie von Jörgen selbst erzählen läßt. Erzählen? Zwar reimen sich seine Sätze nicht, und sie haben kein gemeinsames Versmaß, und doch ist es die reine Lyrik. Es ist Jörgens Klagegesang um seine verlorene Freundin, die Elegie eines Vorstadtjungen. Sie geht mal unbedarft an den Rand des Kitsches (". . . irgend etwas Besonderes muß doch an deinen Augen sein, warum sonst hätte der Wind über der Wiese angehalten?"), dann wieder ist der Ton jugendlich locker ("Das ganze Gerede von Augen, die was erzählen, ist bestimmt nichts als romantisches Gefasel"). Oft schleift beides aneinander, von einem Satz zum anderen. Durch diese prekäre Stimmlage kommt Künstlichkeit und eine besondere Helligkeit in die Geschichte. Der Leser vergißt ihr eigentliches Gewicht und nimmt sie auf wie etwas Federleichtes. So ist sie übrigens auch übersetzt, federleicht und ohne Scheu vor starken Wörtern.

          Handlung gibt es nicht viel. Für beide legt das Leben eine kurze Ruhepause ein. Der kleine Teil, in dem etwas Handfestes passiert, kommt überraschend und ist sehr spannend. Sonst: die Sonne auf der Wiese, der Wind, der nach dem Stöckchen suchende Hund, Gedanken und Gespräche, Schweigen und Erinnern. Und immer wieder Sehnsucht. Lauter flüchtige Dinge, von denen zu lesen aber erstaunlich aufregend sein kann. Denn auch, wenn der Junge manchmal allzu altklug und empfindsam wirkt: Hier berichtet einer, der sich der Kostbarkeit des Lebens bewußt wird.

          MONIKA OSBERGHAUS.

          Peter Pohl: "Aber ich vergesse dich nicht". Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Hanser Verlag, München 1998. 152 S., geb., 26,- DM. Ab 13 J.

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