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Veröffentlicht: 05.11.1996, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Wilder Wohlklang aus Westfalen

In schrägen Quinten: Hans Werner Henze erinnert sich / Von Ellen Kohlhaas

Ein egomanes Selbstbild oder die Kunst des Verdrängens können den Blick auf Fakten und Personen bis zur Rufschädigung verzerren. Musikalisch gesprochen, entstehen beim Zusammenprall von Ich und Welt böhmische Quinten, schräge Mehrklänge mit komplizierten Schwingungsverhältnissen. Hans Werner Henze hat seinen "Reiseliedern" solche Störelemente in den Weg gelegt - Momente von autobiographischer "Musica impura", die ihn seit 1972 im Anschluß an Pablo Neruda beschäftigt.

Wer Verborgenes ausgräbt, muß daneben Schutt ablagern. Henze ist ein Meister in diesem verdeckenden Aufdecken. Der überwältigende Abhub von Lebensmaterialien schützt vorm Offenlegen tieferer Bewußtseinsschichten. Wo Henze nichts vergraben kann, reagiert er mit dem ohnmächtigen Zorn des unverstandenen Opfers. Ein Musterbeispiel ist sein "Darmstadt"-Erlebnis, das er offenbar immer noch nicht verarbeitet hat. Die serielle Orthodoxie der Darmstädter Ferienkurse in den fünfziger Jahren sieht er als eine Form von Gleichschaltung und Normierung an. Er wähnt gar eine Verschwörung zwischen der damaligen Avantgarde und den politisch nicht unbefleckten Restauratoren Deutschlands in Adenauers Nachkriegsära: ein Grund für Henzes Flucht nach Italien vor 43 Jahren. In dieser getrübten Sicht auf vermeintliche Kunstdiktate ist er kaum weniger unerbittlich als die angeblichen Zuchtmeister. Heinrich Strobel, die Vaterfigur der Donaueschinger Musiktage, beschimpfte er als "neudeutschen Diktator"; von Liugi Nono, dem einstigen Freund "Gigi", wendet er sich ab.

Das unbeherrschte Kind Hans Werner hatte der Vater beschwichtigt, indem er es unter einer Decke begrub. Dieses Ruhigstellen wird zum Lebensmuster. Wenn Henze seinem "Gefühl der Enttäuschung darüber, daß sich einer nicht genug Mühe gibt . . . mit mir und mit meiner Sache", nicht wortlaut Luft verschaffen kann, dann zieht er die Sache oder Person "rasch aus dem Verkehr", versteckt sie "unter einer schwarzen Decke". Wohl prominentestes Beispiel für dieses Verdecken als Selbstschutz ist Henzes aufsehenerregende Auseinandersetzung mit Helmut Lachenmann über die Verwertbarkeit herkömmlichen musikalischen Materials. Sie kommt in Henzes Buch ebenso wenig vor wie die Namen bedeutender Komponisten und Zeitgenossen wie Jahn Cage, Morton Feldmann, György Ligeti, Witold Lutoslawski, Jannis Xenakis.

Erwähnenswert dagegen findet er Menschen, die ihm "Einverständnis und Solidarität" entgegenbringen: René Leibowitz, Karl Amadeus Hartmann, William Walton, seinen Nachbarn auf Ischia, obwohl Henze dessen ästhetische Überzeugungen nicht teilt. Diese Porträts geraten ebenso lebendig und warmherzig wie das der Mutter, von deren Nähe über den Tod hinaus er sich freilich wortspielerisch distanziert: Frau Mutter, die Grete. Ungebrochen innig gedenkt er hingegen Ingeborg Bachmanns, der fast gleichaltrigen großen Zwillingsschwester im Geist. Ihre Rätselgestalt macht ihn zum Dichter im Nachvollzug ihrer "elfenhaften Erscheinung, wie von der Nachtigall geboren". Sie wird ihm zur gleichwertigen Muse in sechs gemeinsamen Werken, zur partnerschaftlichen Entdeckerin von Künsten und Philosophie. Gemeinsam erkunden und erleben sie Italien und die Politik.

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