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Montag, 13. Februar 2012
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Rezension: Belletristik Wieder da

10.10.2001 ·  PARIS, 9. OktoberMan hielt diesen Autor für erledigt, seine Zukunft schien im bröseligen Erzählboden des Nouveau Roman versickert. Die autobiographische Trilogie "Romanesques", deren letzter Teil "Les derniers jours de Corinthe" 1994 herauskam, bestätigte noch den Eindruck, die Möglichkeiten des Nouveau ...

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PARIS, 9. Oktober

Man hielt diesen Autor für erledigt, seine Zukunft schien im bröseligen Erzählboden des Nouveau Roman versickert. Die autobiographische Trilogie "Romanesques", deren letzter Teil "Les derniers jours de Corinthe" 1994 herauskam, bestätigte noch den Eindruck, die Möglichkeiten des Nouveau Roman hätten nicht einmal für ein Autorenleben gereicht.

Nathalie Sarraute hatte mit dem Roman "Kindheit" (1983) sich ja ebenfalls ans Erinnerungsschreiben gemacht und dann im übrigen vor allem das Theater bedient. Claude Simon hatte seinen eigenen Romanstil gefunden, Marguerite Duras mit dem bündig erzählten Roman "Der Liebhaber" 1984 den Publikumserfolg kennengelernt. Robert Pinget schrieb für seine Stammleser bis zu seinem Tod 1997 weiter, ging mit seinen Stücken aber ins Repertoire der Comédie Française ein. Michel Butor wechselte zur Literaturtheorie, Alain Robbe-Grillet als Schloßherr in der Normandie offenbar zur Kakteenaufzucht. Nun hat der bald Achtzigjährige aber bei Minuit seinen neuen Roman "La Reprise" (Die Wiederaufnahme) vorgelegt, der wie ein Feuerwerk noch einmal alle Stilmittel des Nouveau Roman versprüht. Es sei das erfrischendste, heiterste und lustigste Buch der Saison, jubelten manche Kritiker.

Tatsächlich muß, wer im kurzen Anlesen nur die Bestätigung dafür suchte, die Mittel der narrativen Selbstbezüglichkeit, der formalistischen Feinmaserung, verschachtelten Perspektivenstaffelung von Hauptfigur, Erzähler und Autor, der Psychologie- und Subjektlosigkeit, der ständig sich verformenden Figuren, kalauernden Eigennamen, theoriefreudigen Anspielungen und erzählerischen Wortverhärtungen seien erschöpft, bald kapitulierend einfach weiterlesen. Der im noch trümmerhaften Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit spielende Roman ist eine fesselnde Geschichte der permanenten Faktenauflösung nach bester Robbe-Grilletscher Manier: Nicht was war, hält die Spannung, oder was hätte sein können, sondern was immer gerade ganz anders wird. Im Film "Glissements progressifs du plaisir" hatte der Autor dieses Verfahren auch mit der Kamera angewandt.

Sicher scheint im neuen Roman zumindest die am Berliner Gendarmenmarkt, Ecke Jägerstraße, am Boden liegende Leiche zu sein. Der im Zug angereiste französische Geheimdienstagent, den wir zunächst als Henri Robin kennenlernen, hatte den Auftrag, den Mord vom Beobachtungsposten seines Fensters aus zu registrieren. Doch war der Mann wirklich tot? Durch wen getötet? Von wem erzählt? Wie hinter jeder Romanfigur bei Robbe-Grillet sogleich eine andere steht, die ihrerseits von einem Widergänger überragt wird, schaut auch dem Erzähler hier stets ein anderer über die Schulter, streut ihm korrigierende Fußnoten in den Text - und die erzählende Spur führt bis an den Schreibtisch im Schloß der Normandie, wo ein jäh auftauchendes "Ich" die Textseiten ordnet hinter verschlossenen Fensterläden, die ihm den traurigen Blick auf die bei den Dezemberstürmen 1999 verwüstete Parklandschaft draußen ersparen.

Neben der ironischen Selbstanspielung auf die Wiederaufnahme des Romanschreibens, zwanzig Jahre nach dem Buch "Djinn", ist der Titel "La Reprise" vor allem als Fährte ins Spekulationsfeld Kierkegaards über die Wiederkehr des nie ganz Selben zu verstehen. Der Philosoph, dessen wiederholter Realpräsenz am Tatort Berlin 1841 und 1843 im Roman narrativ nachgeschnuppert wird, habe in seinem Werk "Gjentagelsen" eben nicht die sterile Wiederholung, sondern Wiedergängertum, Wiederaufnahme, fast Wiedergutmachung im Sinn gehabt - so erläutert Robbe-Grillet zwischen den Romanzeilen und in bereitwillig gegebenen Begleitinterviews. Das kommt einem poetologischen Programm gleich, dessen Ausführung in diesem Roman auf verblüffende Weise geglückt ist. Motive aus den früheren Werken wirbeln brilliant umeinander und die Leseschlüssel liegen so üppig aus, daß man nur zuzugreifen braucht. Der angereiste Agent Henri Robin, der erzählend sich bald hinter anderen Namen verläuft und dessen Kürzel HR, französisch gesprochen, nur manchmal in der Gegenfigur Marco Ascher, alias Markus von Brücke - ein banaler Dupont - noch aufklingt, verliert sich auch sentimental, angeregt durch die Teenagerin Gigi, im Berlin der Vorkriegszeit, das er als Kind offenbar mit seiner Mutter besuchte. Alain Robbe-Grillet versteht es in diesem über einen Prolog, fünf Tage und einen Epilog sich entwickelnden Roman uns noch einmal in jenen Ereignistaumel der Worte zu versetzen, der vor fünfzig Jahren nicht nur die Literaturexperten Roland Barthes oder Maurice Blanchot erfaßte.

Das Ereignis wird in Frankreich gebührlich gefeiert. Im Verlag Christian Bourgois erscheint unter dem Titel "Le Voyageur" gleichzeitig eine Auswahl mit Aufsätzen und Interviews von Robbe-Grillet aus über fünfzig Jahren. Die Zeitschrift "Critique", einst kritisches Sprachrohr des Nouveau Roman, geht in einer freundschaftlich unkritischen Sondernummer auf den Autor ein. Das "Magazine littéraire" widmet ihm seine Oktober-Ausgabe. Die Freude gilt aber mehr der Wiederkehr eines verschollen geglaubten Autors als einer Rückkehr etwa des Nouveau Roman. Es ist die kurze Freude über die kunstvoll zerstückelte Romanform, die noch einmal das überstrahlt, was Alain Robbe-Grillet als die formlose "Inhaltsliteratur" der französischen Exportmoden Houellebecq und Beigbeder abtut.

JOSEPH HANIMANN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2001, Nr. 235 / Seite 50
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