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Rezension: Belletristik : Wie jung sind die Jungen?

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Warum ist kaum ein Debütant unter Vierzig? Das war eine Frage, die noch vor einigen Jahren von Literaturkritikern besorgt diskutiert wurde. Dann brach bekanntlich die literarische Jugendbewegung los. Auf den Debütantenverdruß folgten gute Zeiten für Beginner, aber die Sorgenfalten der Kritiker sind nicht verschwunden.

          Warum ist kaum ein Debütant unter Vierzig? Das war eine Frage, die noch vor einigen Jahren von Literaturkritikern besorgt diskutiert wurde. Dann brach bekanntlich die literarische Jugendbewegung los. Auf den Debütantenverdruß folgten gute Zeiten für Beginner, aber die Sorgenfalten der Kritiker sind nicht verschwunden. Die literarische Qualität bleibe beim Boom des jungen Schreibens oft auf der Strecke, entscheidend seien vielmehr Schlüsselqualifikationen wie "Personality", anmutiges Aussehen und der richtige Auftritt. Solche Urteile lassen sich anhand von vier neuen Anthologien überprüfen, die zusammen fast hundert Autoren präsentieren - ungefähr ein, zwei Reisebusse voller Jungschriftsteller, ein so gedrängtes wie gemischtes Programm, bei dem die Jungklassiker des Jahrzehnts neben den Stars der letzten Saison, die Entdeckungen der Stunde neben den Versprechungen von morgen stehen. Wie jung sind die jungen Autoren wirklich?

          Auf jeden Fall ist es mit hartnäckigen Sitzungen am Schreibtisch nicht mehr getan. Das junge Schreiben ist eng verbunden mit einer öffentlichen Vorlesekultur, die sich allerdings nicht an der traditionellen Literaturhaus-Lesung mit Wasserglas orientiert. Der spoken-word-performer begibt sich direkt in die Partyzone, zum Beispiel in den Hamburger "Machtclub". Literatur und Sünde sind seit je aufeinander angewiesen, und so hat es seine Richtigkeit, daß der Club seit zwei Jahren einmal pro Monat unter starkem Andrang zu nächtlicher Stunde auf der Reeperbahn tagt. Jetzt ist, ganz in Schwarz gehüllt, unter dem Titel "Macht - organisierte Literatur" eine Best-of-Sammlung der Literaturaktivisten erschienen.

          Das Nachwort liest sich großartig, eben so, wie ein Programm oder "Machtwort" klingen muß. Die Gruppe versteht sich als Paternoster zwischen Underground und Hochkultur. Mit anderen Worten: Wer vorliest, will irgendwann auch gelesen werden. Die "nichthierarchische Struktur der Clubszene", heißt es weiter, "ermögliche im öffentlichen Raum eine zunehmende Vernetzung der unterschiedlichen Ansätze", so daß der Autor nicht mehr "vom Ertrinken im eigenen Saft" bedroht sei. Solche Ansätze seien gekennzeichnet durch "fiebrig-halluzinative Gedankenwelten" und eine "mit Neologismen aufgeladene Sprachexzentrik". Die Lektüre zeigt, daß es sich vor allem um Fünf-Minuten-Prosa handelt, um vorlesewirksame Szenen, deren Pointen schnell kommen müssen. Bei aller Rhetorik der vereinten Kräfte - das hauseigene Gütesiegel "Hamburger Well-Made-Story" will man nicht jedem Beitrag verleihen. Manches liest sich einfach nur schnell-made. Ein Vorlese-Hit ist Tina Uebels komische Sechs-Seiten-Satire über ihren Fernsehauftritt bei Jürgen von der Lippe. Von Hamburg ist im übrigen wenig die Rede; Jürgen Noltensmeier ist nicht der einzige, der dem Reeperbahn-Mikrofon lieber ostwestfälische Kindheitstraumata anvertraut.

          Mehr Zusammenhang stiftet eine thematische Vorgabe. Wer hätte nicht schon mal beim Blättern in einem Adreßbüchlein das Gefühl gehabt, den Grundriß einer Existenz in Händen zu halten? Für Schriftsteller muß es ein Vergnügen sein, solche spärlichen Angaben zu Erzählungen auszuphantasieren, wozu die Herausgeber der Anthologie "Wahlverwandtschaften" elf "vielbeachtete junge Autoren" aufgefordert haben. Erwartungsvoll schlägt man das mit seiner Ringbuchästhetik und der in den Umschlag gestanzten Wählscheibe auch recht eigenwillig gestaltete Buch auf, um "wunderbare Telefongeschichten" zu lesen.

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