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Rezension: Belletristik Wer will unter die Soldaten?

 ·  Der Brief über seine mißliche Lage hätte sicherlich auch andere gerührt als Arno Schmidts Freund Eberhard Schlotter. "Und vergessen Sie nicht", schreibt Schmidt im November 1956 nach einer langen Aufzählung wirtschaftlicher Nöte und beruflicher Rückschläge, "ich erzählte es Ihnen bereits: daß ich die ,Feuerstellung' ...

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Der Brief über seine mißliche Lage hätte sicherlich auch andere gerührt als Arno Schmidts Freund Eberhard Schlotter. "Und vergessen Sie nicht", schreibt Schmidt im November 1956 nach einer langen Aufzählung wirtschaftlicher Nöte und beruflicher Rückschläge, "ich erzählte es Ihnen bereits: daß ich die ,Feuerstellung' in den Ofen gesteckt habe, weil ich nach Kastel erst einmal Brotarbeiten erledigen mußte!" Angezündet hat er die Blätter offenbar nicht, denn die abgebrochene Erzählung hat sich erhalten. Kurz nach Schmidts Tod wurde "Die Feuerstellung" schon einmal an entlegener Stelle publiziert, jetzt erscheint sie in einer prächtigen Faksimile-Edition bei Suhrkamp, zusammen mit "Brüssel", einem bislang unveröffentlichten Fragment.

Es ist bezeichnend, daß gerade diese beiden Vorhaben Schmidts über erste Anfänge nicht hinausgekommen sind, und es leuchtet ein, sie in einem gemeinsamen Band zu versammeln: Beide Texte sprechen vom Krieg, beide Erzähler erleben Facetten des Soldatendaseins, der eine unmittelbare Gefechte, der andere die Monotonie eines Kriegsgefangenenlagers. Damit sind sie unter den Figuren Arno Schmidts in einer besonderen Lage: Zwar teilen sie fast alle mit ihrem Autor eine militärische Vergangenheit; von der ist aber in der Gegenwart der Romanhandlung nur als Rückblick die Rede, in mürrischen Verweisen auf "sieben Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft" etwa, in Stoßseufzern über die endlich überstandene Soldatenzeit oder in wortreichen Erklärungen, daß der Fluch des Soldaten die permanente Nähe zu anderen sei.

Exakt vier Monate, vom 20. April bis zum 20. August 1945, verbrachte Schmidt als Kriegsgefangener in einem Brüsseler Lager. Als er drei Jahre später einen Text mit dem Titel "Brüssel" begann, schilderte er - bisweilen, soweit man dies noch feststellen kann, unverhüllt autobiographisch - den Alltag der Gefangenen in einem Tagebuchstil, der sehr an den seines "Leviathan" erinnert. Da sind die apodiktischen Umkehrungen von allgemein akzeptierten Sinnsprüchen ("Schule der Mannheit? - ein Saustall ist's. Systematische Verrohung und Entadelung des Herzens"), da sind die flehentlichen Seufzer nach Befreiung von der aufgezwungenen Gesellschaft, die immer wieder betonte Unvereinbarkeit der Interessen selbst mit anderen Intellektuellen, die sich in interessanten Einzelheiten der Faksimileedition unterstrichen finden: Benickt der Erzähler einmal "herzlich" die Äußerung eines Mitgefangenen, wird dies später gestrichen und durch "tief überzeugt" ersetzt - zu Herzlichkeit ist der Erzähler seinen Mitgefangenen gegenüber nicht mehr bereit.

Lieber tritt er als unerträglicher Besserwisser auf, und es ist rätselhaft, warum die anderen seine Vorträge so lange ertragen. Umgekehrt nimmt der Erzähler mit feinem Gespür die Bereitschaft seiner Umgebung wahr, sich unterzuordnen, Befehle zu befolgen und damit ein Erbe der braunen Diktatur in die neue Zeit mitzuschleppen. Er hingegen pflegt einen radikalen Individualismus, und die Nähe anderer kann er nur zulassen, wenn er sie seinerseits belehren kann: "Der furchtbarste Fluch bei den Soldaten, daß man nie körperlich allein ist - Wenn ich nur mal 20 Jahre keine Menschen mehr sehen brauchte!"

Die Möglichkeiten, aus diesem Dilemma wenigstens geistig zu fliehen, sind aus Schmidts Werk wohlvertraut, und sie gehören auch in "Brüssel" zu den bevorzugten Techniken des Erzählers: Er taucht tagsüber in stundenlange Logarithmenberechnung ein, während nachts ein "längeres Gedankenspiel", in diesem Fall eine Robinsonade, zur Flucht aus der Misere der Wirklichkeit verhilft.

Auch in der "Feuerstellung" ist eine Gedankenflucht des Helden offenbar beabsichtigt, aber in den Notizen zum geplanten weiteren Verlauf des kurzen Fragments finden sich nur wenige Hinweise auf eine Höhlenwelt, die der Imagination des Erzählers entspringt. Der Text spielt Mitte der fünfziger Jahre in Schmidts ehemaligem Wohnort Kastel, zu Beginn eines Dritten Weltkriegs. Schmidts Alter ego - er gibt sich den Namen Pape, nach einer literarhistorischen Ausgrabung des Autors - rückt mit anderen Soldaten in dem Örtchen ein, nachdem die erste Atombombe bereits gefallen ist. Auf einem Notizzettel klingt der Fortgang der Handlung dann so: "Schießerei - Atombombe in die Saar: Alle vergiftet." Auf einem weiteren Blatt denkt Schmidt über eine Änderung des Titels nach: Die apokalyptische Vision solle nicht mehr "Die Feuerstellung" heißen, schreibt er, sondern: "Bald!"

Für sich genommen, ist diese sorgfältige, besonders in der Typographie auf hilfreiche und dienende Weise originelle Edition wohl nur etwas für ausgesprochene Liebhaber des Autors, die mit seinem Werk vertraut sind. Denn wie andere aufgegebene Projekte Schmidts dienten auch diese beiden Fragmente als Steinbruch für die zu Lebzeiten publizierten Werke: Einzelne Passagen oder Motive aus "Brüssel" finden sich beispielsweise in "Brand's Haide". So liegt ein gewisser Reiz der Fragmente und des beigegebenen Materials aus dem Umkreis der Stücke in den Wiederbegegnungen mit Themen und Motiven der anderen, von Schmidt fertiggestellten Texte: "Eine Heldin mal Wilma nennen", notiert er. Zehn Jahre später, bei der Planung von "Zettels Traum", wurde daraus eine der eindrucksvollsten Frauengestalten, die Schmidt je entworfen hat.

Arno Schmidt: "Brüssel / Die Feuerstellung". Herausgegeben von Susanne Fischer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 70 S., geb., 50,- EUR.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2002, Nr. 64 / Seite 52
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