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Rezension: Belletristik : Wenn Partner den Takt verlieren

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Dem Tango wird nachgesagt, er "sei die Versöhnung zwischen Mann und Frau". Diese therapeutische Wirkung übt er anscheinend nur begrenzt auf jene Thirtysomethings aus, die es seit einigen Jahren in Scharen in die Tangokurse zieht. Das lassen Katrin Dorns "Tangogeschichten" ahnen, in denen es oft weniger um ...

          Dem Tango wird nachgesagt, er "sei die Versöhnung zwischen Mann und Frau". Diese therapeutische Wirkung übt er anscheinend nur begrenzt auf jene Thirtysomethings aus, die es seit einigen Jahren in Scharen in die Tangokurse zieht. Das lassen Katrin Dorns "Tangogeschichten" ahnen, in denen es oft weniger um die Beziehung zum anderen als um die zum guten alten Ego geht: Man hat den theatralischen Tango als dessen angemessene Ausdrucksform entdeckt und umarmt zwischen Berlin und Buenos Aires seine Illusionen zum Klang von Bandoneon und Violine. Dabei fühlt man sich besser - ab und zu, und als leidenschaftliche Frau vorzugsweise in den Armen eines stattlichen Argentiniers.

          Das ist nicht besonders originell und vor allem anstrengend zu lesen, weil das Sujet des Tango auf die Sprache der Autorin keinen guten Einfluß hat. Wenn Tangolyrik Herz und Schmerz ungeniert beim Namen nennt, wird man sich nicht beschweren. Anders sieht es aus, wenn in Erzählungen Bilder und Formulierungen immer wieder heftig und ironiefrei mit dem Kitsch kollidieren: Da "schreien" die Gedanken der Erzählerin, "ihr halb entblößter Körper streckte sich aus, in seiner uralten Sehnsucht nach der Wahrheit solcher Schwüre", ein Mann versteht "jeden Atemzug von ihr" und über allem wölbt sich "das gewaltige Blau".

          Opernhafte Requisiten - ein Taschenmesser mit Stilettklinge, ein zu Boden gleitender Seidenschal - wirken gesucht. Originelle Bilder wie das von den "jungen Tigern auf Glatteis" für eine tanzende Menge bleiben die Ausnahme. Schiefes überwiegt auch, wenn Katrin Dorn einen amüsierten Ton anpeilt: Daß nun wirklich alle belanglosen Beziehungen der Männerslips sammelnden Melancholikerin Marita einen Vornamen haben, der mit H beginnt, ist ein schlechter running gag. Und wer verwechselt schon Hjalmar und Hogard? In einer weiteren Geschichte bleiben einer jungen Frau namens Sabeth Tanzpartner erspart, deren hölzerne innere Monologe - "würdest du bitte mit ihr tanzen, sagte Martin zu sich" - zu ihrem Glück nur der Leser kennt.

          Auch ein paar tangolose Stücke finden sich: Eine groteske Strandszene, ein bißchen jüdische Emigration, ein bißchen deutsch-argentinische Familiengeschichte mit einem ausgewanderten Onkel, der die deutsche Arbeitsmoral preist. Am Ende erzählt eine Frau, daß sie und ihr Tanzpartner sich irgendwie gar nicht verstehen. Auch mit dem Tango klappt's nicht mehr. Aber das macht eigentlich nichts: Hier legt man sich in diesem Fall ins Bett und erträumt sich eine Liebesgeschichte. Und dann wacht man auf: "vor Glück".

          ANNETTE ZERPNER

          Katrin Dorn: "Tangogeschichten". Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002. 175 S., kt., 14,- [Euro].

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