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Veröffentlicht: 02.10.1999, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Wenn die Deutschen kommen

Per Pettersons Roman einer dänischen Kindheit

Auf Seite einhundertsieben kommen die Deutschen, ein schwaches Dröhnen zunächst, lauter werdend, Motorräder mit Maschinenpistolen, schließlich ein Dröhnen, das alles verschlingt. Die Ich-Erzählerin von Per Pettersons Roman beobachtet das alles zusammen mit ihrem Bruder Jesper von einem Versteck aus. Sie ist vierzehneinhalb, wir befinden uns im Norden Dänemarks, und als Leser wissen wir: Jetzt wird es ernst. Denn auf den ersten hundert Seiten dieses langsam erzählten und aus Bildern komponierten Buches ist noch kaum zu ahnen, wohin das alles will. Man liest von der Kindheit der Erzählerin, vom Leben mit ihrem Bruder, und obwohl auch hier mit erschreckenden Szenen nicht gespart wird, erscheint es einem doch so, als befände man sich in einem Buch von Astrid Lindgren, wo man Fahrrad fährt, immerfort die gute Seeluft riecht und der Großvater dann und wann in den Dorfkrug geht. Es sind Szenen aus der dänischen Provinz, ohne Verklärung skizziert, ohne jede idyllische Beigabe, aber als erfahrener Astrid-Lindgren-Leser kann man einfach nicht anders, man liest hier nur "Norden".

Hundert Seiten dänische Kindheit sind eine Menge, besonders wenn der Vater nun auch noch Schreiner ist und die Mutter eine Frömmlerin, und erst recht, wenn die Familie später ein Milchgeschäft betreibt und das Fahrrad zu endlosen Fahrten, auf denen die Milchflaschen ausgetragen werden, herausgeholt werden kann. In alles schleicht sich wie eine Seuche der puren Benennung eine Art von Heimeligkeit ein, manche Häuser sind gelb und die Mädchenhaare lang, und Onkel Nils sitzt auf der Straße vor der Haustür.

Und obwohl Großvater sich dann aufhängt, einfach so, ändert das doch wenig an der Heimeligkeit, es ist beinahe so, als gehörte es sich in diesem tiefen Frieden. Großvater erhängt sich also, und es ist wie eine kleine, winzige Moll-Stelle in einem langen, pianoverhangenen Streicher-Stück von Edvard Grieg. So ist das, man liest gegen lauter Klischees an, gegen Astrid Lindgren und Edvard Grieg, und man bekommt den Kopf einfach nicht frei für dieses nördliche Dänemark kurz bevor die Deutschen kommen.

Für den Roman von Per Petterson ist es also beinahe ein Segen, man muss das so sagen und den Zynismus ertragen. Auf den ersten hundert Seiten hatte Petterson sich nämlich zwei schwierige Aufgaben auf einmal gestellt: aus der Perspektive eines jungen Mädchens zu erzählen und aus einer Zeit, die er selbst (1952 in Oslo geboren) nicht erlebt hat. Die erste Aufgabe bewältigt er, indem er seiner Ich-Erzählerin den Bruder Jesper an die Seite gibt. Jesper ist für das junge Mädchen so etwas wie ein Idol; er ist der Schwarm ihrer Freundinnen, ein lakonischer, auf der Seite des Gerechten stehender Kerl, und er ist manchmal schon ein richtiges Mannsbild, gerade dann, wenn der Vater in dieser Rolle versagt. Im Blick auf Jesper reift das junge Mädchen, ohne es zu ahnen; sie entfernt sich innerlich von den Eltern, und sie nimmt Züge erster Selbstständigkeit an.

Auch die zweite Aufgabe bewältigt Per Petterson, aber er meistert sie nicht so souverän wie die erste. Die Zeit bevor die Deutschen kommen, ist in vielem noch neunzehntes Jahrhundert, alles wirkt etwas zu ordentlich, zu geschnitzt. Die Deutschen bringen in diese altbackenen Kulissen die Unruhe, die Angst und den Schrecken. Nach außen hin verändert sich wenig, aber die Figuren stehen plötzlich auf dem Prüfstand. Jedes Wort zählt, jede Geste kann etwas verraten.

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