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Rezension: Belletristik Wenn alle Tage Alltag ist

Welch ein Titel: "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" - so ohne rhetorisches Geschick, ohne Koketterie und Geheimnis! Das Buch von Mela Hartwig, die 1893 als Tochter des Zionisten Theodor Herzl geboren wurde, konnte 1933 nicht erscheinen; dennoch darf die unbeholfene Frage nicht als Arbeitstitel gelesen ...

Welch ein Titel: "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" - so ohne rhetorisches Geschick, ohne Koketterie und Geheimnis! Das Buch von Mela Hartwig, die 1893 als Tochter des Zionisten Theodor Herzl geboren wurde, konnte 1933 nicht erscheinen; dennoch darf die unbeholfene Frage nicht als Arbeitstitel gelesen werden. Bereits der Titel ihres 1930 erschienenen ersten Romans "Das Weib ist ein Nichts" kam ohne Schmuck, ohne Klang aus.

Mela Hartwigs literarische Anfänge gehören in den Expressionismus, dieser Roman jedoch, der bereits der letzte der damals noch jungen Autorin sein sollte und der nun zum ersten Mal aus der Handschrift ediert wurde, ist der Neuen Sachlichkeit zuzuzählen, und mit sachlicher Schlichtheit und ohne Umschweife kündigt auch der Titel an, worum es geht: um die Gewissenserforschung einer höchst bescheidenen Weiblichkeit, die nicht schön, nicht intelligent, kaum fleißig ist, nur ehrgeizig, ehrgeizig jedoch allein in der Versessenheit darauf, tief zu fühlen und tiefer noch als alle anderen Menschen sonst. Schuldbewußt zum Beispiel konstatiert die Hauptfigur, Aloisia Schmidt, daß ihre Angst um den Vater, der Soldat geworden ist, im Gang der alltäglichen Geschäfte zunehmend erlischt: "Ich vermute daher, daß ich mir diese Gleichgültigkeit nur deshalb verübelte, weil ich bereits damals den Ehrgeiz hatte, intensiver zu fühlen, als ich zu fühlen fähig bin."

Die Autorin nutzt die Darstellung eines unerbittlichen moralischen Größenwahns, um alle Überbleibsel an idealistischem Kitsch aus dem Frauenroman auszukehren. Das autobiographisch angelegte Werk ist gegen einen romantischen Traum geschrieben, gegen die Wollust eines weiblichen Märtyrertums, das seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur weibliche Gemüter, sondern auch manche Männerphantasie beflügelte, was den großen Erfolg etwa von Luise von François' "Letzter Reckenburgerin" erklärt. Diesem Typus des weiblichen Trivialromans setzt Mela Hartwig die Kargheit ihrer Sprache und die Armseligkeit ihrer Heldin entgegen: "Ich bin Stenotypistin. Ich habe nahezu ein Dutzend Dienstjahre hinter mir. Ich stenographiere äußerst flink und bin eine flotte Maschin(en)schreiberin. Ich erwähne das nicht, um damit zu prahlen. Ich erwähne es nur, weil ich feststellen will, daß ich zu etwas tauge. Denn ich bin ehrgeizig."

Mit diesem Einstieg gibt sich der Roman als Teil der Angestelltenkultur zu erkennen, aus der so viel Literatur, erzählende wie reflektierende, hervorgegangen ist. Mela Hartwigs Skizze des Alltags einer Büroangestellten läßt sich nicht nur wegen des Sujets mit den bedeutenden Romanen dieser Epoche vergleichen; auch ihre Qualität hält der Konfrontation sogar mit den eindrucksvollen Vorläufern dieses Genres, mit Robert Walsers "Possierlichkeiten", stand, zumindest aber mit Irmgard Keuns "Kunstseidenem Mädchen", das gerade erschien, als Hartwig an ihrem Roman schrieb, im Jahr 1931, oder mit den frühen Werken des gleichaltrigen Hans Fallada, die ebenfalls Anfang der dreißiger Jahre erschienen.

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Veröffentlicht: 02.01.2002, 12:00 Uhr