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Rezension: Belletristik : Welt im Würfelbecher

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Ilija Trojanows Debütroman · Von Hubert Spiegel

          Das Märchen beginnt in einer Bank. Sie steht in einer fernen Stadt, "die sich so in den Bergen versteckt hielt, daß kein Steuereintreiber sie kannte und selbst die Geographen von Sultanen, Zaren und Generalsekretären sie nicht auf ihren gierigen Karten verzeichneten". Auch die Zeitangabe ist merkwürdig verrätselt. Was hier erzählt wird, geschah "vor vielen, vielen Würfelwürfen". Die Bank ist ein verwunschenes Schloß, es gibt keine Angestellten und keine Kunden. Ihr Direktor ist ein König ohne Reich und doch der wichtigste Mann des Ortes. Denn Bai Dan ist der "Meister des Spiels in der heimlichen Hauptstadt der Spieler". Jeden Tag verläßt der "Magier" der Würfel pünktlich zur selben Stunde die Bank und sucht das Kaffeehaus auf, den Treffpunkt der Spieler. Was er in der seit langem schon geschlossenen Bank macht, scheint niemand zu wissen.

          "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", der erste Roman des gebürtigen Bulgaren Ilija Trojanow, beginnt und endet in einem Zockerparadies in den Bergen des Balkans. Las Vegas ist fern. Hier gibt es keine Casinos und keine Drogen, keine schönen Frauen oder kühlen Killer. Die Spieler spielen mit heiligem Ernst, aber allein zu ihrem Vergnügen. Ihr Spiel ist eine zahme Sucht, die keine Opfer verlangt. Diese glückliche Spielhölle ist die Heimat von Alexandar Luxow.

          Bevor sich Trojanow seinem Helden zuwendet, erzählt er die Chronik des Gebirgs-Casinos ab urbe condita und die Familiengeschichte der Luxows bis zu Alexandars Urgroßeltern. Man weiß zunächst nicht recht, wer diese Familiensaga berichtet, ein namenloser Erzähler oder Alexandars Onkel und Taufpate Bai Dan, der den Leser zuweilen unvermittelt anspricht. Aber schon wenige Seiten nach seiner Geburt meldet sich auch Alexandar zu Wort, dem sein Autor alles mitgegeben hat, was ein anständiger Picaro braucht. Die politischen Verhältnisse in dem Balkanstaat sind marode, ein drittes Ohr an der Stelle des Bauchnabels sowie ein entschlossenes Fingerschnippen schon im Kindbett verheißen ungewöhnliche Anlagen, zu deren Ausbildung mit dem geheimnisvollen Onkel und Meisterwürfler auch der ideale Lehrmeister bereitsteht. Aber was Alexandar zu berichten hat, klingt wenig nach einem Picaro.

          Während Bai Dan die Familiengeschichte in den buntesten Farben schildert, sich an Details berauscht, liebevoll die Eigenheiten der Großmutter, ihre Liebe zur Oper und ihre Gier nach Süßem beschreibt, sind Alexandars Notate grau und belanglos. Sie künden von einem ziellosen Leben in einer deutschen Stadt, ganz der Gegenwart und dem Augenblick verpflichtet, ohne Verbindung zur Vergangenheit und ohne Blick für die Zukunft. Der erwachsene Alexandar ist ein aus der Art geschlagener Schelm, ein Lebenskünstler, der seiner Zunft Schande bereitet.

          Aber Trojanow erzählt nicht die ganze Geschichte. Zwischen der Flucht aus der Heimat, dem erzählerischen Höhepunkt des Buches, der in ein italienisches Auffanglager für Asylbewerber führt, und Alexandars Notaten klafft eine Lücke von fast zwanzig Jahren. Was in dieser Zeit passiert ist, erfährt der Leser nicht, denn auch sein greiser Gewährsmann Bai Dan weiß darüber nichts. Der einzige, der davon berichten könnte, Alexandar nämlich, liegt in einem Krankenhaus, apathisch, von einer nicht näher bezeichneten Krankheit befallen, die sein Taufpate später kurzerhand als "Oblomowitis" diagnostizieren und während einer Weltreise kurieren wird. Welche Krankheit Alexandar befallen hat, wie er aus Italien nach Deutschland geraten ist, wann er seine Eltern verloren und wie er seine Jugend verbracht hat - all das bleibt im dunkeln. Von der neuen Welt, in der der Exilant lebt, tauchen nur Bruchstücke auf: eine freudlose Liaison mit einer Aushilfe im Fast-food-Restaurant, die deprimierende Atmosphäre im Hospital und später, schon auf der Weltreise, randalierende Jugendliche in der Pariser U-Bahn, die einen Griot, einen afrikanischen Märchenerzähler und Chronisten, grundlos zusammenschlagen. Das "Gelobte", Alexandars Sammelbegriff für die Welt westlich des Eisernen Vorhangs, hat für Leute, die noch Geschichten erzählen, nicht viel übrig.

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