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Rezension: Belletristik Welche Vielfalt der Manieren!

24.06.2002 ·  Der Friseursalon ist ein Ort voller Magie, zu entdecken in Patrice Lecontes wunderbarem Film "Der Mann der Friseuse" (1990). Zuletzt hat auch die Literatur den Salon als Tatort des ganz normalen Beziehungswahnsinns entdeckt: Picassos Freundschaft zu seinem Friseur wurde ebenso auftoupiert wie das Getratsche der Society unter den Händen von Figaro Gerhard Meir.

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Der Friseursalon ist ein Ort voller Magie, zu entdecken in Patrice Lecontes wunderbarem Film "Der Mann der Friseuse" (1990). Zuletzt hat auch die Literatur den Salon als Tatort des ganz normalen Beziehungswahnsinns entdeckt: Picassos Freundschaft zu seinem Friseur wurde ebenso auftoupiert wie das Getratsche der Society unter den Händen von Figaro Gerhard Meir. Die Blöße, die sich mancher beim Friseur gibt, ohne sich auszuziehen, schildert beiläufig auch Wilhelm Genazino in seinem Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag". Nun ist Wolf Wondratschek dem zeitlosen Charme des Haareschneidens und Frisierens erlegen. Seine Phantasie heißt "Mozarts Friseur", und sie hält, was der Titel verspricht: Wien, alte Perücken und allerlei skurrile Gestalten spielen darin jedenfalls tragende Nebenrollen. Den Leser verpaßt sie jedoch um mehr als Haaresbreite.

Wondratscheks namenloser Friseur verehrt Künstler - fraglos, weil er sich selbst als solchen versteht. Sein Angestellter Karotte und er sind, soviel wird schnell klar, keine Artisten im Umgang mit Schere und Kamm, sondern Lebenskünstler. An ihren Kunden interessiert sie nicht die Haarpracht, sondern das, was darunter liegt. Da ist es nicht verwunderlich, daß die Klientel den Salon nutzt wie ein Wiener Kaffeehaus: Sie kommen aus alter Gewohnheit, eher zum Reden als zum Haareschneiden. Der Ort, den Wondratschek beschreibt, gehört nicht in die Gegenwart - trotz jenem abgebildeten Haus in der Wiener Griechengasse, das der Schriftsteller sich als Kulisse für sein Zauberreich ausgesucht hat.

Mit Wondratschek schlendert man zunächst angeregt durch dieses Reich der Düfte und Tinkturen, der scherenklappernden Gesellen und pikierten Köpfe. Man lauscht absurden Unterhaltungen, begutachtet Mozarts verfilzte Perücke, begegnet Thomas Bernhard, einem Kamel, Punks und einer liebestollen Aristokratin. Wondratscheks Beobachtungen sind bisweilen hinreißend, etwa, wenn er die Frisurenvielfalt des Salons beschreibt: "Werfen wir auch noch einen Blick in eine von ihm einst aus den Staaten mitgebrachte Kostbarkeit, die sich wie die Getränkekarte einer Cocktail-Bar liest und auflistet, was an Frisuren nicht nur in New York, Hollywood oder Hawaii, sondern auch in der Griechengasse sozusagen jederzeit lieferbar ist: Just Peachy, White Mix, Frivolous Fawn, Honey Doux, Titus-cut, Elephant-trunk - dazu jede Menge bobs und, natürlich, Platinum-Variationen, nicht zu vergessen die Entenschwänze, gotischen Locken (in Taubenperlmutt) - und, als Spezialität des Hauses, Scheitel wie Schnittwunden." Doch so heiter und amüsant manche dieser Ideen sind: Ausgebreitet über knapp 150 Seiten, wirken sie nicht als Tonikum, sondern eher als einschläfernde Kopfmassage.

In seinem Erzählungsband "Die große Beleidigung" trat Wondratschek noch an, um das Verhältnis von Kunst und Leben zu untersuchen. Natürlich ging das schlecht aus für die Kunst: Denn diejenigen, die ihr Leben in den Dienst der Kunst stellen, sind bei Wondratschek nicht recht lebendig: Der Stargeiger Auermann beispielsweise geht an der Diskrepanz zwischen seinem vermeintlichen Können und der im Konzert tatsächlich erbrachten Leistung zugrunde. In "Mozarts Friseur" ist es das Mißverhältnis von Aufwand und Inhalt, das es dem Leser schwermacht. Das Personal dieses merkwürdigen kleinen Romans, in dem die Episoden so ungeordnet aufeinanderfolgen wie Kunden in einem Friseursalon, scheint direkt der k. u. k. Monarchie entsprungen und gemahnt in seiner selbstversunkenen Weltfremdheit ans fin de siècle.

Wondratschek hat sich weit entfernt von seinen Achtundsechziger-Anfängen. Die Zeiten, in denen er sich als der letzte Macho gerierte, sind längst vergangen - und das ist gut so. Doch hat er sich mit mächtigen Cowboyschritten von allem entfernt, was ihm damals wichtig schien. Die Außenseiter, die den Friseursalon bevölkern, sind sich selbst und ihrer Welt so fremd wie dem Leser. Wondratschek produziert heute keine Revoluzzersätze mehr, sondern schreibt sehr schöne, sehr elegante Prosasätze - doch fehlt es diesen leider an Leidenschaft. Wienerisch morbide ist er geworden, der Schriftsteller, und hat sich als locus genui die österreichische Hauptstadt ausgesucht, diese "Versuchsanstalt für Vergangenheit".

Vielleicht leidet das Buch aber auch daran, daß es keine Liebesgeschichte zu erzählen weiß. Immer wieder hat Wondratschek bewiesen, daß er am besten schreibt, wenn es um "Männer und Frauen" geht, wie zuletzt in den großartigen "Kelly-Briefen". Da hieß es: "Ein paar Quadratmeter Sand in der Sahara enthalten mehr Wahrheit als die ganze Fifth Avenue zusammen." Diesen Sand hat es nun in den Salon in der Griechengasse geweht - und dem Roman ins Getriebe. Sicher: Wondratschek gelingen auch hier beeindruckende Passagen, in denen sich hinter der Fassade des Friseursalons das Treiben eines orientalischen Markts auftut. Von dem Friseur heißt es, es klappe "beim Nachdenken mit den Gedanken nicht, sie waren nie zu dressieren". Doch dann, im Salon von Signor Scardanelli in Triest, begreift er den Sinn seines Berufs: "Welche Vielfalt an Manieren, Allüren und Ticks! Wie unterschiedlich die Temperamente, die Tonlagen der Stimmen, ihre Streitlust!" Wondratschek hat einmal bekannt, von dem "geheimen Leben" der Menschen fasziniert zu sein: In "Mozarts Friseur" hat er seine diesbezüglichen Beobachtungen gesammelt. Und "so kam es, daß der junge Mann begriff, daß ein Friseur nur im Nebenberuf einer ist, der Haare schneidet". Dann ist wohl auch ein Schriftsteller nur im Nebenberuf einer, der seine Gedanken in Sätze faßt. Der Friseurbesuch jedenfalls ist eine äußerst private Angelegenheit, und das, was unter Trockenhauben gesagt wird, meist nicht für fremde Ohren bestimmt. Vielleicht hätte Wondratschek nicht so lange zuhören sollen.

FELICITAS VON LOVENBERG

Wolf Wondratschek: "Mozarts Friseur". Carl Hanser Verlag, München und Wien 2002. 149 S., geb., 14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2002, Nr. 143 / Seite 42
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