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Rezension: Belletristik Weit hinaus

Magnus Mills erkennt die Welt beim Zäunebauen

Arbeit ist in Deutschland von jeher eine ernste Sache gewesen. Bei ihrer literarischen Darstellung gab es schon bei Arno Holz und Gerhart Hauptmann nichts zu lachen, geschweige denn im Wiederaufbau zwischen Dortmund und Bitterfeld. Anders in Großbritannien, wo die Arbeit bekanntlich nicht erfunden wurde, weshalb auch die Arbeiterliteratur eine Tradition des komischen Naturalismus herausgebildet hat. Seit den Umwälzungen der Thatcher-Ära wird solcher Humor zunehmend diabolisch instrumentiert. So hat zum Beispiel Jeff Torrington 1998 in "Blechinferno" den grotesken Abgesang auf die alte Bandarbeit intoniert. In dem Roman wird die Welt der entfremdeten Arbeit minutiös in ihrer eigentümlichen Durchtriebenheit und Würde beschrieben und erscheint doch zugleich in chaplinesker Komik, wenn alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Im elektronisch-gentechnischen Zeitalter werden solche Werke langsam zu Denkmälern einer vergangenen Produktionsweise.

Nun hat der ehemalige Zaunbauer Magnus Mills (geb. 1954) sein Metier dokumentiert. In seinem Romandebüt richtet er die Schauplätze so ein, wie es seit Alan Sillitoes "Saturday Night and Sunday Morning" (1958) charakteristisch für das Genre geworden ist: hier die Arbeitswelt und der tägliche Kampf mit der Tücke der Objekte und der Vorgesetzten, dort der Pub, wo man unter Gleichen ist, wenn sich nicht ein paar Mädchen einstellen. Über den Bau von Weidezäunen in ländlichen Gebieten gibt es an sich wenig zu sagen: "Einen Zaun zu bauen ist verhältnismäßig einfach. Zuerst grabt ihr eure Spannpfosten an jedem Ende ein und spannt einen Draht dazwischen. Damit erhaltet ihr eine gerade Linie, an der ihr die zugespitzten Pfosten einschlagen könnt (mit der Spitze nach unten). Danach macht ihr einen Draht nach dem anderen fest und spannt sie dann alle, und fertig ist der Zaun." Bei dieser einfachen Tätigkeit kann allerdings ebenfalls einiges schiefgehen, und das tut es für gewöhnlich auch. Zumal, wenn der Zaunbau-Trupp aus zwei langhaarigen schottischen Heavy-Metal-Fans und einem wenig autoritären englischen Vorarbeiter besteht.

Magnus Mills erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Engländers in einem staubtrockenen Beschreibungsstil, den Katharina Böhmer umstandslos ins Alltagsdeutsche gebracht hat. Passagenweise scheint es, daß dem Leser bei Hunderten von eingeschlagenen Pfosten und etlichen Meilen Draht die Zeit so lang werden soll wie den Zaunbauern in den Bowlands. Allfällige Verrichtungen werden ebenso lakonisch notiert wie die gröbsten Unwahrscheinlichkeiten. Fast unmerklich und ohne jeden Zeigefinger aber verwandelt sich die Geschichte zum Schluß in eine finstere Parabel. Erst dann erkennt man die Kunstfertigkeit des Autors. Die immer schneller und höher zu errichtenden Zäune verwandeln sich in Metaphern des Effizienz-Drucks, durch den der abhängigen Arbeit der ehrwürdige britische Pfusch und mit den zahlreichen Tee- und Zigarettenpausen der letzte Rest von Zeitsouveränität ausgetrieben werden soll. Angesichts des sich zum Zwangssystem formierenden neoliberalistischen Arbeitslebens werden schließlich sogar die Unterschiede zwischen Schotten und Engländern unwesentlich. Das ist der bitterste Kommentar zu Tony Blairs schöner neuer Welt, den das Buch zu bieten hat. (Magnus Mills: "Die Herren der Zäune". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Böhmer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 216 S., geb., 36,- DM.)

FRIEDMAR APEL

Die Herren der Zäune

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000, Nr. 241 / Seite 50

 
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