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Veröffentlicht: 17.03.2002, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik W. G. Sebald: Die Ausgewanderten

Es gab diesen Anfangszweifel, wenn man den Buchladen betrat und ein Buch von W. G. Sebald kaufen wollte, das ärgerliche Gefühl, daß man den Namen des Autors möglicherweise nicht richtig aussprach. Sagte man: "Dubbleyoo-Gee Seabought"? Der Autor lebte schließlich im britischen Norwich, und W. G. klang angelsächsisch.

Es gab diesen Anfangszweifel, wenn man den Buchladen betrat und ein Buch von W. G. Sebald kaufen wollte, das ärgerliche Gefühl, daß man den Namen des Autors möglicherweise nicht richtig aussprach. Sagte man: "Dubbleyoo-Gee Seabought"? Der Autor lebte schließlich im britischen Norwich, und W. G. klang angelsächsisch. Man wußte andererseits, daß Sebald ursprünglich aus dem Allgäu stammte, in der französischen Schweiz gelebt hatte (was hatte er dort eigentlich gemacht? Und warum jetzt: Norwich?). Also "W. G. Sebald", gesagt wie gesprochen. Aber warum "W. G."? Schämte sich der Autor seiner Herkunft, wollte er nach T.S. Elliott klingen? So eigenartig dieser ferne deutsche Autor im englischen Exil wirkte, so seltsam sind auch seine Figuren, Figuren wie Henry Selwyn, einer der vier Exilanten in dem Erzählband "Die Ausgewanderten": Wie er da im hohen Gras seines englischen Landsitzes liegt, im Halbschatten einer hohen Zeder, um die herum seit Generationen der Rasen nicht gemäht wurde, und die Grashalme zählt, "rather irritating, I'm afraid", sagt er zu dem Erzähler, der auf sein Grundstück eindringt, und der Satz könnte als Motto über der ganzen Geschichte stehen.

Selwyn besitzt drei alte Pferde, ihre Zeit war abgelaufen, aber Selwyn hatte sie vor dem Abdecker gerettet, und nun "bleiben ihnen vielleicht noch ein paar gute Jahre": So beginnt die Geschichte des Chirurgen Selwyn, und natürlich ist das Schicksal der Pferde (wie alles, was W. G. Sebald scheinbar beiläufig erwähnt) ein verzerrtes Spiegelbild des Erzählers. Fast immer ist die Natur, wo sie in Sebalds Werk - meist in wuchernder, faulender Form - auftaucht, ein Vor- oder Nachhall der Schicksale seiner Figuren, deren Zeit meist ablief, bevor sie richtig beginnen konnte. "Auch die Natur", sagt Selwyn einmal, "er spüre es mehr und mehr, stöhne und sinke in sich zusammen. Die Verwilderung des einstmals vorbildlichen Gartens habe übrigens den Vorteil, daß das, was wachse in ihm, von einem, wie er meinte, außergewöhnlich feinen Geschmack sei" - und auch diese Szene ist Teil einer großen Parabel über das Weiterleben auf den Ruinen des eigenen Lebens. "Die Ausgewanderten", die das Leben der Exilanten Henry Selwyn, Paul Bereyter, Ambros Adelwarth und Max Aurach erzählen, sind Geschichten zwischen Reportage und Fiktion, die vom Verlust einer Heimat, eines sicher geglaubten Glücks berichten und allesamt sehr trostlos enden. Henry Selwyn wird geplagt von der Sehnsucht nach seiner litauischen Heimat, erkennt, daß er sich mit Luxus und schnellen Sportwagen nur über den Verlust einer glücklichen Vergangenheit hinweggetröstet hatte, die auf keinem Wege mehr einzuholen war; schließlich erschießt er sich auf seinem englischen Landsitz. Der halbjüdische Dorflehrer Paul Bereyter, dessen großes Liebesglück die Nationalsozialisten zerstörten, nimmt sich Jahrzehnte später das Leben auf einem Bahngleis.

"Die Ausgewanderten" ist 1992 erschienen, in einer Zeit, in der die Spuren der Vergangenheit aus den Stadtbildern gelöscht, die alten Akten vernichtet und die eigenen Biographien schöngeredet wurden; "Die Ausgewanderten" war in dieser Zeit des historischen Großreinemachens ein Blick aus der Ferne, eine erzählerische Kunst- und Wunderkammer, in der noch das nebensächlichste Detail, die kleinste Anekdote aufgehoben wurde. Das Buch wimmelt vor Zufällen und Kuriositäten, es ist bebildert mit Photos, auf denen man Äste, Hauseingänge, Porträts von längst verschollenen Menschen sieht, Fragmente verschwundener Geschichten. Was Sebald versuchte, war eine Archäologie des Übersehenen, und sein Blick war so panisch wie das neurotische Kameraauge von David Lynch: Jeder Stein ist der Schlüssel zu einer Reihe von neuen, auf geheimnisvolle Art und Weise zusammenhängenden Rätseln, die nicht aufzulösen sind: weil das so ist, ragen die Fangarme dieser seltsamen Geschichten auch so hartnäckig in das Leben dessen hinein, der sie liest.

nma

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