Home
http://www.faz.net/-gr4-31jr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Vom Sterben der Zierfische

Kurz vor der Jahrtausendwende macht eine mysteriöse tödliche Krankheit die Runde. Sie befällt Männer und Frauen, Alte, Junge und sogar Säuglinge, vor allem aber Homosexuelle. Nach kurzer Zeit ist das öffentliche Gesundheitssystem überfordert. Alle Verantwortung für die Todgeweihten bleibt so auf den ...

Kurz vor der Jahrtausendwende macht eine mysteriöse tödliche Krankheit die Runde. Sie befällt Männer und Frauen, Alte, Junge und sogar Säuglinge, vor allem aber Homosexuelle. Nach kurzer Zeit ist das öffentliche Gesundheitssystem überfordert. Alle Verantwortung für die Todgeweihten bleibt so auf den Schultern eines homosexuellen Friseurs lasten, der eigentlich einen Schönheitssalon führt. Als Scharen der von den Krankenhäusern Abgewiesenen ihn bestürmen, bei ihm den Tod erwarten zu dürfen, stellt das den eingefleischten Ästheten vor die Herausforderung, seinen Kunden ein Sterben in Schönheit zu ermöglichen. Rasch hat er den Salon in ein Sterbehaus umgewandelt und mit Aquarien gefüllt, in denen allerlei Zierfische schwimmen. Doch trotz intensivster Pflege ist diese Schönheit von kurzer Dauer. Wie die Kunden siechen die Fische in Scharen dahin, schließlich auch der Friseur selbst. Was bleibt, ist die immer näher rückende Einsamkeit.

"Jede Art von Unmenschlichkeit wird mit der Zeit menschlich", steht als Lemma über der Erzählung "Der Schönheitssalon". Wäre diese schlichte Handlung ohne nennenswerte Peripetien vor einigen Jahrzehnten als Science-fiction-Geschichte erschienen, ließe sie sich als recht visionäres, neobarockes Sinnbild für die Vergänglichkeit des Irdischen und die menschenverachtende Kälte unserer Zeit lesen. Hält man sich jedoch vor Augen, daß der Text des in Mexiko lebenden Peruaners Mario Bellatin Anfang der neunziger Jahre entstanden ist und offensichtlich auch in dieser Zeit spielt, wird der vage andeutende Parabelcharakter zutiefst fragwürdig. Denn worauf zielt das Gleichnis einer geheimnisvollen Krankheit ab, wenn es doch eine reale Krankheit gibt, die in Symptomen und Verlauf mit der von Bellatin beschriebenen völlig identisch ist? Vor diesem Hintergrund gerät das Anstrengen barocker Vanitas-Allegorien zu einer geschmäcklerischen und zugleich geschmacklosen Strategie, das wirkliche und in seiner Wirklichkeit unweigerlich banale Sterben an Aids mittels eines ornamentalen Weichzeichners ästhetisch zu überhöhen.

Warum diese Hemmung, die Dinge beim Namen zu nennen? Fast entsteht der Verdacht, auf diesem Weg solle das Produkt auch für Leser konsumierbar werden, die ein Buch über Aids niemals in die Hand nähmen. Das ist künstlerisch wenig überzeugend, besonders da die symbolische Parallelschaltung von Schönheit und Tod, Menschen und Zierfischen allzu evident und aufdringlich gearbeitet ist.

In einer seiner TV-Sendungen hat Alexander Kluge einmal ein Interview mit den beiden Leiterinnen eines Sterbehospizes geführt. Die Eindringlichkeit und unbedingte Glaubwürdigkeit dieses Gesprächs entstand aus der minutiösen und ganz natürlichen Beobachtung des täglichen Todes im Bericht dieser Damen, ohne falsche Hemmungen, bizarre Zierfische und netzstrumpftragende Coiffeurkünstler. Neben solchen Sterbehäusern, um die HIV-Infizierte jahrelang oft vergeblich gekämpft haben, wirkt Bellatins konstruierter Schönheits-Sterbesalon trotz aller Grelle farblos. Wenn die Wirklichkeit stärker ist als ihre fiktionale Überhöhung, müssen sich Literaten den einmal bei Büchner formulierten Vorwurf gefallen lassen, sie vergäßen ihren Herrgott über seinen schlechten Kopisten.

FLORIAN BORCHMEYER

Mario Bellatin: "Der Schönheitssalon". Aus dem Spanischen übersetzt von Carina von Enzenberg. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2001. 79 S., geb., 19,80 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2001, Nr. 246 / Seite 50

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kuba In einem Land neben der Zeit

Die Annäherung zwischen Havanna und Washington lässt die Kubaner hoffen. Sie wünschen sich bessere Lebensbedingungen durch die Lockerung des Embargos. Aber noch misstrauen sie dem Castro-Regime. Mehr Von David Klaubert

22.12.2014, 15:13 Uhr | Politik
Harry-Potter ist in Japan angekommen

Seit kurzem lockt ein Harry-Potter-Freizeitpark Besucher im japanischen Osaka in Scharen an. Fans der erfolgreichen Fantasy-Reihe können eintauchen in die Welt der Zauberer und Hexen. Mehr

18.08.2014, 16:03 Uhr | Gesellschaft
Schneller als der Notarzt Leben retten macht regelrecht süchtig

In Israel kümmert sich ein Dienst aus Freiwilligen schon um Notfälle, wenn der Krankenwagen noch unterwegs ist. Der Initiator Eli Beer erklärt, wie das geht und was andere Länder von seinem Helferteam lernen können. Mehr

20.12.2014, 17:09 Uhr | Gesellschaft
Mysteriöse Strandkugeln

An den Strand von Sydney sind hunderte tennisballgroße Kugeln angespült worden. Bei den Gebilden könnte es sich um Algen handeln. Sicher ist bisher nur: diese Kugeln sind sehr selten. Mehr

06.10.2014, 11:16 Uhr | Wissen
Digitale Rechtschreibung Wir stottern, weil die Software es so will

Peggy’s Friseur Salon: Fahren Autokorrektursysteme die deutsche Rechtschreibung endgültig an die Wand? Zumindest bringen sie vieles auseinander, das eigentlich zusammengehört. Mehr Von Constanze Kurz

14.12.2014, 17:13 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.10.2001, 12:00 Uhr