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Rezension: Belletristik Vom Sterben der Zierfische

 ·  Kurz vor der Jahrtausendwende macht eine mysteriöse tödliche Krankheit die Runde. Sie befällt Männer und Frauen, Alte, Junge und sogar Säuglinge, vor allem aber Homosexuelle. Nach kurzer Zeit ist das öffentliche Gesundheitssystem überfordert. Alle Verantwortung für die Todgeweihten bleibt so auf den ...

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Kurz vor der Jahrtausendwende macht eine mysteriöse tödliche Krankheit die Runde. Sie befällt Männer und Frauen, Alte, Junge und sogar Säuglinge, vor allem aber Homosexuelle. Nach kurzer Zeit ist das öffentliche Gesundheitssystem überfordert. Alle Verantwortung für die Todgeweihten bleibt so auf den Schultern eines homosexuellen Friseurs lasten, der eigentlich einen Schönheitssalon führt. Als Scharen der von den Krankenhäusern Abgewiesenen ihn bestürmen, bei ihm den Tod erwarten zu dürfen, stellt das den eingefleischten Ästheten vor die Herausforderung, seinen Kunden ein Sterben in Schönheit zu ermöglichen. Rasch hat er den Salon in ein Sterbehaus umgewandelt und mit Aquarien gefüllt, in denen allerlei Zierfische schwimmen. Doch trotz intensivster Pflege ist diese Schönheit von kurzer Dauer. Wie die Kunden siechen die Fische in Scharen dahin, schließlich auch der Friseur selbst. Was bleibt, ist die immer näher rückende Einsamkeit.

"Jede Art von Unmenschlichkeit wird mit der Zeit menschlich", steht als Lemma über der Erzählung "Der Schönheitssalon". Wäre diese schlichte Handlung ohne nennenswerte Peripetien vor einigen Jahrzehnten als Science-fiction-Geschichte erschienen, ließe sie sich als recht visionäres, neobarockes Sinnbild für die Vergänglichkeit des Irdischen und die menschenverachtende Kälte unserer Zeit lesen. Hält man sich jedoch vor Augen, daß der Text des in Mexiko lebenden Peruaners Mario Bellatin Anfang der neunziger Jahre entstanden ist und offensichtlich auch in dieser Zeit spielt, wird der vage andeutende Parabelcharakter zutiefst fragwürdig. Denn worauf zielt das Gleichnis einer geheimnisvollen Krankheit ab, wenn es doch eine reale Krankheit gibt, die in Symptomen und Verlauf mit der von Bellatin beschriebenen völlig identisch ist? Vor diesem Hintergrund gerät das Anstrengen barocker Vanitas-Allegorien zu einer geschmäcklerischen und zugleich geschmacklosen Strategie, das wirkliche und in seiner Wirklichkeit unweigerlich banale Sterben an Aids mittels eines ornamentalen Weichzeichners ästhetisch zu überhöhen.

Warum diese Hemmung, die Dinge beim Namen zu nennen? Fast entsteht der Verdacht, auf diesem Weg solle das Produkt auch für Leser konsumierbar werden, die ein Buch über Aids niemals in die Hand nähmen. Das ist künstlerisch wenig überzeugend, besonders da die symbolische Parallelschaltung von Schönheit und Tod, Menschen und Zierfischen allzu evident und aufdringlich gearbeitet ist.

In einer seiner TV-Sendungen hat Alexander Kluge einmal ein Interview mit den beiden Leiterinnen eines Sterbehospizes geführt. Die Eindringlichkeit und unbedingte Glaubwürdigkeit dieses Gesprächs entstand aus der minutiösen und ganz natürlichen Beobachtung des täglichen Todes im Bericht dieser Damen, ohne falsche Hemmungen, bizarre Zierfische und netzstrumpftragende Coiffeurkünstler. Neben solchen Sterbehäusern, um die HIV-Infizierte jahrelang oft vergeblich gekämpft haben, wirkt Bellatins konstruierter Schönheits-Sterbesalon trotz aller Grelle farblos. Wenn die Wirklichkeit stärker ist als ihre fiktionale Überhöhung, müssen sich Literaten den einmal bei Büchner formulierten Vorwurf gefallen lassen, sie vergäßen ihren Herrgott über seinen schlechten Kopisten.

FLORIAN BORCHMEYER

Mario Bellatin: "Der Schönheitssalon". Aus dem Spanischen übersetzt von Carina von Enzenberg. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2001. 79 S., geb., 19,80 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2001, Nr. 246 / Seite 50
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