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Rezension: Belletristik : Vom Beigeschmack des Todes

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Durch das Werk der englischen Schriftstellerin P. D. James geht ein verborgener Choral: "Ex Deo nascimur / In Christo morimur / Per Spiritum Sanctum reviviscimus." Er hat einen hoffnungsfrohen Klang, denn dem morimur der unerbittlichen, in ihren Detektivromanen meist grausam herbeigeführten Tode unterliegt ...

          Durch das Werk der englischen Schriftstellerin P. D. James geht ein verborgener Choral: "Ex Deo nascimur / In Christo morimur / Per Spiritum Sanctum reviviscimus." Er hat einen hoffnungsfrohen Klang, denn dem morimur der unerbittlichen, in ihren Detektivromanen meist grausam herbeigeführten Tode unterliegt das fest im christlichen Glauben ankernde Versprechen auf Erlösung und Ewigkeit.

          James' Charaktere indes sind vollends zurückgeworfen in die Welt nach dem Sündenfall und bewegen sich im Angesicht von Schuld und dauernder Pein - das Opfer oft kaum weniger als dessen Mörder und der ermittelnde Detektiv. Wenn daher in "Tod an heiliger Stätte", dem fünfzehnten Roman der Autorin, der Leichnam des Archidiakons in der kleinen Kirche von St. Anselm aufgefunden wird, entspringt das erschreckende Szenario einem wiederkehrenden Alptraum von Krieg und irdischer Verwüstung und verweist zugleich auf das himmlische Weltgericht, vor dessen mittelalterlicher Darstellung der Tote mit zertrümmertem Schädel liegt, hingestreckt vor dem Bild "wie in einer Pose ekstatischer Anbetung" - und lastet fortan als mahnender Schatten einer unergründlichen höheren Ordnung auf dem kleinen Priesterseminar an der zerklüfteten Küste Suffolks.

          In der strengen Liturgie des englischen Detektivromans ist Mord selten mehr als der Auftakt einer verrätselten Kriminalhandlung: P. D. James jedoch macht ihn in ihren vielschichtigen, zwischen Leben und Tod transponierenden Romanen, zwischen Himmel und Hölle, zu einem metaphysischen Problem, das in ihrem grandiosen Alterswerk "Tod an heiliger Stätte" noch deutlicher zu Tage tritt als jemals zuvor.

          Das Buch spielt in East Anglia, nur wenige Meilen hinter Reydon und Lowestoft, auf der verödeten Landzunge von Ballard's Mere. Das alte Dorf ist vor Jahrhunderten schon in der See versunken, nur die mittelalterliche Kirche thront als Relikt auf den sandigen Klippen. St. Anselm mit seinen neugotischen Erkern und Zinnen, den hohen Ziegelschornsteinen und einem für das kleine anglikanische Seminar allzu gewaltigen Portal, wurde 1861 erbaut; die Schließung steht inzwischen kurz bevor. P. D. James, seit 1991 Baroness James of Holland Park und mittlerweile einundachtzig Jahre alt, hat mit "Tod an heiliger Stätte" einen ihrer besten Romane geschrieben; er ist von souveräner Hand meisterlich inszeniert und dürfte als abschließendes Juwel einem ohnehin höchst erlesenen Werk zu klassischem Glanz verhelfen. Dabei scheint sich der Roman mehr als seine beiden merklich weiträumiger angelegten Vorgänger - "Wer sein Haus auf Sünden baut" ("Original Sin", 1994) und "Was gut und böse ist" ("A Certain Justice", 1997) - behaglich innerhalb der engen Konventionen des Detektivromans einzurichten, wie sie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem von Agatha Christie entwickelt worden waren. Das überschaubare Ensemble der üblichen Figuren versammelt sich an einem abgeschiedenen Ort, ein Verbrechen geschieht und setzt das verwirrende Rätselspiel in Gang, das mit der Auflösung durch den Detektiv und der Restitution der vom Täter zerstörten Ordnung schließlich wieder beendet wird: James' Detektiv, Adam Dalgliesh von Scotland Yard, begibt sich in "Tod an heiliger Stätte" nach St. Anselm, um den vermeintlichen Selbstmord eines Priesterschülers zu verifizieren; der Mord an Archdiakon Crampton ereignet sich bereits in der ersten Nacht. Der Tod, schreibt die Autorin in ihrer 1999 veröffentlichten Autobiographie über ihre persönlichen Motive, habe sie schon immer fasziniert. In ihren Romanen ist er der eigentliche, doch stets flüchtige Protagonist. Die Auffindung von Cramptons Leiche zu Füßen des "Weltgerichts" ist in "Tod an heiliger Stätte" der überragende Höhepunkt des gesamten Romans.

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