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Rezension: Belletristik Vier Dichter suchen einen Autor

Antonio Tabucchi beschwört die letzten drei Tage des Fernando Pessoa / Von Eberhard Rathgeb

Alles klingt wie in einem Märchen. Es war einmal ein Dichter. Er verbrachte fast sein ganzes Leben in Lissabon. Er war schmächtig und lebte zurückgezogen in bescheidenen Verhältnissen. Sein Brot verdiente er sich als Auslandskorrespondent für unterschiedliche Handelshäuser. Seine Tage verliefen im Gleichklang von Arbeit im Büro und Schreiben daheim. Am 13. Juni des Jahres 1888 war er in Lissabon auf die Welt gekommen, am 30. November 1935 verließ er sie wieder. Als Todesursache diagnostizierte der Arzt eine akute Lebererkrankung.

Als Fernando Pessoa starb, starb er nicht allein. Mit ihm gingen auch Erscheinungen ins Grab, die mehr waren als Figuren aus erfundenen Geschichten; es waren wirkliche Helden der Fiktion. Im Dezember 1928 hatte Pessoa einen Artikel für eine Zeitschrift verfaßt. Dort gab er preis, daß er der Erfinder von drei Dichtern sei, die unter ihrem eigenen Namen schrieben. Er hatte diese drei Autoren so gut erfunden, daß sie auf eigenen Beinen durch die Welt gehen konnten. Die Werke dieser drei Dichter müßte man zusammensehen; sie bildeten "ein dramatisches Ganzes", erklärte Pessoa. Es handle sich um "ein Drama in Leuten statt in Akten". Zu diesen Leuten darf man vielleicht den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares zählen, aus dessen Feder das "Buch der Unruhe" stammt.

Als Pessoa starb, hinterließ er, der im Laufe seines Lebens wenig veröffentlichte, eine Truhe voll mit Manuskripten, über zwanzigtausend Seiten. Seit 1942 werden Pessoas Schriften ediert und veröffentlicht. Und seitdem weiß man, daß Fernando Pessoa zu den bedeutendsten Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts gehört. Kaum kann man mehr Romantik erwarten als diese Geburt eines Dichters aus dem Geist einer Truhe. Nahezu unsichtbar entstand ein Jahrhundertwerk, wanderte vom Schreibpult direkt in eine Kiste, schwoll dort an und ergießt sich acht Jahre nach dem Tod des Autors in eine darüber erstaunte Welt.

Antonio Tabucchi, der sich um das Werk dieses herausragenden Dichters bemüht, ist selber ein bekannter Schriftsteller. Er ist der Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Pessoas und hat einige wichtige Aufsätze vorgelegt, die alle der Frage nachgehen, wer Fernando Pessoa gewesen ist. Nun liegt auf deutsch ein schmales Bändchen vor, das Tabucchi den letzten drei Tagen im Leben Pessoas gewidmet hat. Tabucchi bewundert Pessoa, und deswegen ist er behutsam und zurückhaltend. Das Rätsel Pessoas liegt tief in den von ihm erfundenen Schrifststellern verborgen. Daß einer nicht nur Figuren in seinen Geschichten ersinnt, sondern daß einer Autoren in die Welt setzt, die ein Werk vorlegen, so unterschiedlich und so vollendet, wie nur verschiedene und vorzügliche Schriftsteller es vorlegen können, das ist ein Wunder, dem gegenüber Tabucchi in anregendes Staunen verfällt.

Da lag es für ihn, den Herausgeber und Schriftsteller, fast nahe, eine Szene zu entwerfen, die den großen Dichter mit seinen großen Geschöpfen zusammenbringt. Tabucchi ist vorsichtig. Er möchte Pessoa nicht zu nahetreten. Aber Tabucchi ist auch versiert. Er möchte nicht etwas beginnen, was sich nicht erzählen läßt. Also beschränkt er sich, nimmt die letzten drei Tage im Leben des Fernando Pessoa. Und er läßt alle Realitätspartikel fort, die er nur schwer, wenn überhaupt, zu einem entsprechenden Bild der letzten Tage, wie sie wirklich waren oder hätten sein können, zusammensetzen könnte. Er mag dabei auch dem bewunderten Dichter vertrauen, der das Träumen dem Handeln vorzog und mit seinen Figuren sprach wie mit Lebenden. Tabucchi entscheidet sich für ein Reich, das der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares mit den Worten beschrieb: "Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat . . ." In dieser Schwebe hält Tabucchi seine kleine Andacht für einen Dichter, der sich in seine erfundenen Autoren verflüchtigte und doch auch nur durch sie zu hören ist.

Fernando Pessoa wird am 28. November 1935 ins Krankenhaus gebracht, und alle kommen, die ihn berühmt machten, weil er sie erschuf. Sie grüßen ihn zum letzten Mal, verraten ein kleines Geheimnis, teilen einen Wunsch mit, wecken eine Erinnerung und sagen dann zum letzten Mal ein Lebewohl. Die Szene ist zart, es fällt kein erklärendes Wort, und die an das Bett von Pessoa hintretenden Erscheinungen sind so flüchtig, daß man sie auch nicht befragen möchte, weil man dann Tabucchi aufwecken würde. Denn es ist sein Traum, seine Phantasie, sein Zwischenreich, eine Annährung fern von jeder Analyse und ebenso weit entfernt von reiner Fiktion. Mit den Worten des Hilfsbuchhalters Soares: Es ist "der abstrakte und leibliche Mittelwert" zwischen beiden Text-, zwischen beiden Zugriffsarten.

Antonio Tabucchi hat eine Geistererscheinung geschildert, mit Worten Wolken gedichtet, die Namen haben und eine Geschichte und ein Werk, doch nicht zu fassen sind. "Wolken . . . Sie sind wie ich, ein zerstörter Übergang zwischen Himmel und Erde, der einem unsichtbaren Antrieb nachfolgt, gewittrig oder auch nicht; ihr Weiß erfreut, ihr Schwarz verdunkelt, sie sind Fiktionen des Zwischenraums und der Wegabweichung, fern vom Getöse der Erde und doch ohne die Stille des Himmels. Wolken . . . Sie ziehen noch immer vorbei, ziehen ständig vorbei und werden ständig vorbeiziehen; unstet rollen sie dunkle Gewebe aus und ein und bilden die weitschweifige Ausuferung eines falschen zerstörten Himmels." Mit diesen Worten endet die Eintragung des Hilfsbuchhalters Soares am 15. September 1931. Ja, und schließlich zogen auch die letzten drei Tage des Fernando Pessoa vorbei, und sie können nun ebenfalls immer wieder vorbeiziehen, weil dieser Dichter in der Wirklichkeit einen Schriftsteller fand, der ihn in den kleinen Himmel seines persönlichen Traums erhob.

Antonio Tabucchi: "Die letzten drei Tage des Fernando Pessoa". Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Fleischanderl. Hanser Verlag, München 1998. 67 S., br., 20.- DM.

Die letzten drei Tage des Fernando Pessoa

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.1998, Nr. 279 / Seite L6

 
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Veröffentlicht: 01.12.1998, 12:00 Uhr