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Rezension: Belletristik Viel Moral, wenig Geld

Glaubt man den ägyptischen Schriftstellern, ist es um Ägypten seit der Ära Sadat miserabel bestellt. Dieses Verdikt wird mit solcher Einigkeit quer durch die literarischen Schulen und Generationen propagiert, daß man fast schon wieder daran zweifeln möchte. Ob bekannt oder unbekannt, ob Nobelpreisträger ...

Glaubt man den ägyptischen Schriftstellern, ist es um Ägypten seit der Ära Sadat miserabel bestellt. Dieses Verdikt wird mit solcher Einigkeit quer durch die literarischen Schulen und Generationen propagiert, daß man fast schon wieder daran zweifeln möchte. Ob bekannt oder unbekannt, ob Nobelpreisträger wie Nagib Machfus oder Nagib Machfus-Preisträger wie der 1946 geborene Ibrahim Abdalmagid, sie alle meinen, Sadat und seine sogenannte "Öffnungspolitik" haben das Land wirtschaftlich und moralisch ruiniert.

Der 1981 ermordete Anwar as-Sadat, den man im Westen eher als mutigen und friedenswilligen Präsidenten kennt, hat es tatsächlich verstanden, sich bei einem Großteil seines Volkes unbeliebt zu machen. Zwar errang er im Oktoberkrieg von 1973 einen militärischen Teilerfolg gegen Israel, der noch heute, wo Sadat der Buhmann ist, regelmäßig mit großem Pomp kommemoriert wird, doch durch den anschließenden Separatfrieden mit dem einstigen Erzfeind verscherzte er sich die Sympathien. Noch schlimmer dürfte sich auf seinen Ruf die wirtschaftliche Liberalisierung ausgewirkt haben, die zu einer rapiden Verarmung des Mittelstandes führte und einen Wertewandel diktierte, der leicht als moralischer Verfall gedeutet werden konnte: Gefundenes Fressen für die Intellektuellen, die ihrerseits enttäuscht waren, weil ihre materielle Situation sich verschlechterte und die periodischen Verfolgungswellen nicht nur die Islamisten, sondern auch die Linken trafen.

"Der Tag, an dem der Führer ermordet wurde", wie der Titel des jetzt auf deutsch erschienenen Romans von Machfus wörtlich übersetzt lauten würde, dürfte also für viele ein Freudentag gewesen sein. Zu den stärksten Teilen des Buchs gehören die Szenen, in denen Machfus schildert, wie in dem berühmten Intellektuellencafé "Riche" (unverständlicherweise "Risch" transkribiert) die Nachricht vom Attentat aufgenommen wird. Als es im Radio heißt, der Präsident sei verletzt und liege im Krankenhaus, nachdem zuvor gemeldet wurde, er habe vorzeitig die Versammlung verlassen, frohlocken die Zuhörer: "Unsere Gesichter strahlen. Die Möglichkeit, daß sich etwas ändert, wird immer wahrscheinlicher. Die Zeit steht für einen Moment still. Doch dann - Koranverse!" Das bedeutet: Der Präsident ist tot.

Machfus' Roman hat drei Erzähler, die abwechselnd über ihre Sorgen berichten, den Großvater, den Enkel und dessen Verlobte. Es ist das ägyptische Kleinbürgertum, aus dem Machfus stets am liebsten seine Helden rekrutiert hat und das nun unter dem Druck der Inflation steht, die Sadats Perestrojka mit sich brachte. Die Gestalt des Großvaters ermöglicht eine historische Tiefenperspektive bis in die Anfangszeit der ägyptischen Unabhängigkeitsbewegung in den zwanziger Jahren.

Das Tragische und zugleich Heroische an Machfus' Figuren ist, daß sie trotz des enormen wirtschaftlichen Drucks den moralischen Anspruch, der ihnen von der islamischen Tradition vermacht wurde, nicht aufgeben wollen. Der Enkel Alwan löst seine langjährige Verlobung mit Randa, da er eine Familie unter den herrschenden Bedingungen nicht versorgen könnte und Randas Chancen auf einen anderen, solventeren Mann mit jedem Jahr, das sie wartet, geringer werden. Ihr traditionelles Ethos unterscheidet diese Kleinbürger von den Wendehälsen der Ära Sadat, als deren Repräsentant der Vorgesetzte der Liebenden erscheint. Doch die selbstlose Auflösung der Verlobung erweist sich als Dammbruch für die Moral: Randa heiratet den Vorgesetzten, der sie als Animierdame für seine Geschäftsfreunde mißbraucht, und Alwan freundet sich mit der viel älteren, aber reichen Schwester des Chefs an. Nun sind zwar die materiellen Probleme aus der Welt, aber glücklich ist doch keiner. Erst die Nachricht von der Ermordung des Präsidenten weckt die moralischen Geister erneut, und Alwan tötet aus Empörung seinen Vorgesetzten. Die Ehre ist wiederhergestellt, der Preis dafür lautet: Gefängnis.

Nagib Machfus ist ein taktisch denkender Schriftsteller. Er hat genügend Mitleid mit seinen Figuren, um mit Empathie von ihnen zu erzählen, aber er macht sich nie mit ihnen gemein. Ob das moralinsaure Gebaren seiner Helden töricht ist oder vorbildlich, geht aus dem Werk nicht hervor. Wenn sich der Großvater, der Alwan zur Auflösung der Hochzeit drängt, am Ende doch fragt, ob er des Enkels Glück verhindert habe, so ist damit angedeutet, daß ausgerechnet traditionelle Denkweisen das natürliche Moralempfinden des Individuums untergraben können. Daß aber nicht einmal für einen gemäßigten Individualismus Raum ist, sondern die Ägypter eingezwängt sind zwischen einem rücksichtslosen Neokapitalismus, verkörpert durch den Präsidenten, und der überkommenen Moral der Islamisten, die den Präsidenten ermorden, ist das bittere Fazit des Buchs. Es zeugt von seiner Qualität, daß man dem Altmeister Machfus, im Unterschied zu anderen ägyptischen Schriftstellern der Gegenwart, die literarische Verdammung der Ära Sadat ohne Vorbehalte abkauft.

Nagib Machfus: "Der letzte Tag des Präsidenten". Roman. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2001. 128 S., geb. 29,- DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2001, Nr. 250 / Seite V

 
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