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Rezension: Belletristik : Verwegen kurvt ein Russe durch Berlin

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Wladimir Kaminer tröstet / Von Alexander Honold

          Satt und sinnlich prangt der Rote Stern vor nachtblauem Grund. Die Fingerkuppen ertasten seine Glätte und minimale Erhabenheit auf dem Einbandpapier. Ein schönes Buch. Mit schwarzer Lederjacke und dunklen, tiefernst heruntergezogenen Augenbrauen gewappnet, blickt Wladimir Kaminer seinen Lesern entgegen. Der Mann, der da frech und ungeniert den exportfähigen postsowjetischen Russen-Schick bedient, ist längst kein Szene-Geheimtip mehr. Seine an verschiedenen Orten erschienenen Geschichten und Glossen sind jetzt zu einem Buch geworden, das auch Orts- und Milieufremden, je ferner, desto glänzender, das neue Berlin und seine quirligen Lebenskünstler leuchten läßt.

          Dieser Wladimir Kaminer muß ein glücklicher Mensch sein. Da gab es einmal eine winzige Lücke im Weltlauf der Regelungen und Besitzstandswahrungen, und er hat sie gefunden. In jener Zeit, als der DDR durch das rapide Dahinschwinden ihrer staatlichen Ordnungskräfte das Kunststück gelang, auf ihre letzten Tage fast noch beliebt zu werden, bot sich für russische Juden die Chance zur Übersiedlung nach Ost-Berlin. Das Häuflein der Kurzentschlossenen, unter denen sich Kaminer befand, absolvierte den Spießrutenlauf durch die Ausländerbehörden in rekordverdächtigem Slalomstil. Die deutsche Einheit im Oktober 1990, nach zehn langen Jahren ein Anlaß gequälter Feierlichkeit, war für manchen Zugereisten tatsächlich eine Sternstunde, der Beginn einer temporeichen, wunderbaren Gründerzeit. Für die Underdogs und Außenseiter der deutschen Hauptstadt ist es die Zeit halsbrecherischer Improvisationen, in denen niemand bleibt, was er war, und keiner macht, was er gelernt hat. Bulgaren eröffnen türkische Kebabstände, in der Sushibar auf der Oranienburger Straße bedient ein Mädchen aus Burjatien. Die Russen lassen sich beschneiden, nehmen Fahrstunden oder lernen ihren "ersten Franzosen" kennen. Folklore statt Integration.

          Wer mit so gut wie nichts in Deutschland ankommt, fällt, wenn wir Kaminers Geschichten glauben, durchaus nicht ins Bodenlose. Er (erst recht aber "sie") muß seine Haut nur zu ungünstigerem Kurs verkaufen als andere. Nicht fehlen dürfen die Stichworte Russenmafia und Rotlicht, die uns bei Kaminer wie wehmütig begrüßte alte Bekannte erwarten. Einer auf dem Gebiet des russischen Telefonsex in Berlin tätigen Dame legt Kaminer die etwas konstruiert wirkende Stöhnfloskel in den Mund: "Mach deine Hose auf, wir nostalgieren zusammen." In der Geschichte "Nur die Liebe sprengt die Welt" erzählt er von einer Bekannten aus Weißrußland, die in einem Berliner Bordell arbeitet und voller Verzweiflung einen Freier aus Spandau heiratet. Nicht etwa, damit er sie aus dem finsteren Schuppen heraushole, wie wir romantischerweise vermuten könnten, sondern weil das Bordell leider bankrott geht.

          In Kaminers Miniaturen setzt der knapp und trocken gehaltene Erzählton beim Lesen eine sofort lösliche Komik frei. Sie verdankt sich hauptsächlich den skurrilen Lebensbedingungen jener "displaced persons", von denen Berlin nur so zu wimmeln scheint. Auf wen auch immer Kaminers Blick trifft, stets sind es die Falschen am richtigen Platz oder umgekehrt. Der russische Archäologe, der sich als Schneider durchschlägt: nun ja, eben ein Emigrantenschicksal. Aber auch die smarte deutsche Anlageberaterin und der korrekte Mann vom Arbeitsamt sind nicht mehr dieselben, wenn ihnen Kaminer im Tanztheater und in der Schwulenbar wiederbegegnet.

          Woraus keine anderen Schlüsse zu ziehen sind als der, es nicht so genau zu nehmen. Auch dann nicht, wenn der Protagonist die Chronik seiner Erfolge ausbreitet. Mühelos findet er eine Wohnung am Prenzlauer Berg, kann ohne Störfeuer der Bürokratie seine Eltern nachholen und lernt seine spätere Frau kennen. Das milde Klima und angenehme Leben seiner Wahlheimat lassen ihm Berlin als einen "Kurort" erscheinen. Sollte der Held der Russendisko es wagen, die Stadt, die ihn ans Herz drückt, am Ende zu verhöhnen? Er geht mit ihren deutschen Bewohnern nicht spöttischer um als mit seinen lieben Landsleuten. Auf der Insel Sachalin beispielsweise, von wo seine Frau stammt, gibt es nur zwei Jahreszeiten. Dort freuen sich die Menschen auf den Herbst, mit dem Ende Juli eine kurzzeitige Schneeschmelze einsetzt. Dieses schmale Fleckchen Sommer, mit dem die genügsamen Familien der Erdölarbeiter auskommen müssen, ausgerechnet "Herbst" zu nennen, mag zwar meteorologisch korrekt sein - psychologisch gesehen aber ist es schlechterdings infam.

          Auf Beschönigungen zu verzichten, um noch die schlimmste Wendung der Dinge für die Komik einzuspannen: darin liegt das Betriebsgeheimnis von Kaminers Geschichten. Der Mann, von dem sie erzählen, hat wirklich Glück. Während seine russischen Freunde binnen kurzer Zeit die teuersten Autos fahren, mehrere Lebensmittelgeschäfte betreiben oder längst den Sprung nach Amerika geschafft haben, muß er sich weiterhin als Statist in Jean-Jacques Annauds Stalingrad-Film und mit anderen Gelegenheitsjobs durchschlagen. Sein Einbürgerungsantrag fällt mitsamt handgeschriebenem Lebenslauf und Auskünften des Antragstellers über sein Verhältnis zu Deutschland in eine schlammgefüllte Baugrube - so wird er jedenfalls nicht abgelehnt. Die weniger amtlichen Bekenntnisse des Autors haben das bessere Ende für sich.

          Wladimir Kaminer: "Russendisko". Erzählungen. Goldmann Verlag, München 2000. 192 S., geb., 36,- DM.

          Russendisko

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000, Nr. 241 / Seite L16

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