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Rezension: Belletristik : Verstörendes Glück

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Imre Kertész in der Schule des Grauens · Von Ulrich Weinzierl

          So viele Augenzeugenberichte über Auschwitz und den Holocaust es mittlerweile geben mag - niemand könnte behaupten, auch nur einer sei überflüssig. Doch sind literarische Wertungen von derlei Texten sinnvoll und zulässig? Merkwürdigerweise ja. Denn einige unter ihnen fallen deutlich aus dem Rahmen der historischen Schreckensdokumentation.

          Jean Amérys Essaysammlung "Jenseits von Schuld und Sühne" etwa, vergebliche "Bewältigungsversuche eines Überwältigten", oder Primo Levis Protokoll "Ist das ein Mensch?" gehören nicht zuletzt dank Reflexionsniveau und Sprachpräzision zu den unvergänglichen Anklageschriften in der europäischen Literatur unseres Jahrhunderts. Beide Autoren wurden späte Opfer des Nazi-Terrors, unter dem sie, geschunden an Leib und Seele, einst gelitten hatten: Die Last des Erlebten und des Überlebens im Vernichtungslager bedrückte sie noch lange danach in unerträglichem Maße. Sie endeten im Selbstmord.

          Daß der heute siebenundsechzigjährige Ungar Imre Kertész nicht diesen Weg ging, führt er selbst auf die Existenzbedingungen während der Herrschaft des Stalinismus zurück - sie hätten ihn vor der gefährlichen Illusion der Freiheit bewahrt, er blieb ein Gefangener, diesmal des realsozialistischen Käfigs. Losgelassen hat ihn all das Vergangene nie. Das beweist sein Ouvre auf ebenso beeindruckende wie beunruhigende Art: das "Galeerentagebuch" mit Aufzeichnungen aus drei Jahrzehnten nicht minder als die epische "Trilogie der Schicksallosigkeit". Sie umfaßt "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind", den bis dato unübersetzten Band "Fiasko" und schließlich, gleichsam als Grundstein, den "Roman eines Schicksallosen". 1975 in Ungarn nach beträchtlichen Schwierigkeiten veröffentlicht, war eine deutsche Version unter dem Titel "Mensch ohne Schicksal" bereits 1990 bei Rütten & Loening erschienen, ohne allzuviel Beachtung zu finden. Ginge es mit rechten Dingen zu, müßte der jetzigen Ausgabe in der neuen Übertragung von Christina Viragh jener Erfolg zuteil werden, den ein document humain von hohem ästhetischem Rang verdient.

          Imre Kertész erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines knapp fünfzehnjährigen Budapester Jungen, und die Geschichte von Köves György ist naturgemäß seine eigene. 1944, als die Maschinerie der "Endlösung" auch in Ungarn zu wüten anfing, hat man ihn aus einem Autobus geholt und nach Auschwitz verschleppt, von dort in die Lager Buchenwald und Zeitz. Was aber macht seine Darstellung so faszinierend und verstörend zugleich? Nicht die völlig unpathetisch geschilderten Bestialitäten und Erniedrigungen sind es, sondern - so unpassend das in dem Zusammenhang klingt - ein Kunstgriff, ein psychologischer Trick. Das Geschehen, der Abstieg ins Inferno, wird nämlich mit genau dem Wissen, mit der unbefangenen Naivität beschrieben, die für einen aufgeweckten Halbwüchsigen typisch sind: lauter Momentaufnahmen in der Belichtung von damals.

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