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Rezension: Belletristik Urlaub vom Gespensterleben

01.10.1996 ·  Hier hat einer Geschmack: Hanns Zischler begleitet Franz Kafka ins Kino / Von Peter Pfaff

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Erntemaschinen schneiden, dreschen, bündeln Stroh und speien Körner aus.

So bewegt sich die Wissenschaft über die Felder der Literatur, träge, gründlich, auf Nutzen bedacht. Manchmal schlendert zwischen staubwirbelnden Ungetümen ein Spaziergänger und pflückt von Wegrainen einen Strauß. Hanns Zischler ist ein solcher Spaziergänger, und über den kreuz und quer durchforschten Kafka hat er ein Buch geschrieben, das belehrt und gefällt.

Zischler ist bekannt, sogar sein Gesicht. Er war Schauspieler der späten Nouvelle Vague und des neuen deutschen Films; er hat später Regie geführt, Zeitschriften gegründet, Eigenes publiziert. Als ihm das Fernsehen ein Feature über Kafka auftrug, las er in dessen Tagebüchern, Briefen, Erzählungen, in Biographien und Psychographien zum Autor. Ihm fiel auf, daß dieser esoterischste unter den Schriftstellern zuweilen ins Kino ging, sich für Filme begeisterte und manchmal über rührende Geschichten weinte. Ob Kafka mehr als Entspannung bei der neuen Kunst fand, ob ihn die flimmernden Bilder und trivialen Handlungen nachhaltig beschäftigten, fragte Zischler. Anzeichen dafür gab es. Fotografien dienen in Kafkas Erzählungen als Requisiten. In den "Hochzeitsvorbereitungen", im "Verschollenen", in der "Verwandlung" werden sie vom Protagonisten treu verwahrt und erinnernd betrachtet. Und man denkt an Film und namentlich an eine Kamera-Totale, wenn Karl Rossmann (im Amerika-Roman) aus den Fenstern des Auswandererschiffs auf den bewegten Hafen vor der Stadtsilhouette New Yorks oder aus hochgelegenen Wohnungen in Straßenschluchten blickt. Nachgeforscht hatte jedoch noch niemand.

Zischler wollte es genauer wissen. Er sammelte Kafkas Bemerkungen über Kinobesuche, notierte die Filme, die Kafka erwähnte, ermittelte die alten Lichtspieltheater, ließ sich deren Geschichte erzählen. Er trieb Werbeplakate und Zeitungsannoncen auf, spürte in Filmarchiven den erhaltenen Filmen nach, und für die verlorenen besorgte er Verleihanzeigen oder zeitgenössische Rezensionen, fand Standfotos und Postkarten mit Filmmotiven. So ist sein Band zu einer opulenten Bildergeschichte der Kinematographie geworden, die den Leser überzeugt: Kafka war Cineast.

Aber den Augen darf man in Zischlers Buch nicht trauen. Der Essay dementiert, was man sieht. Denn "nur sehr sporadisch und kaum je systematisch" schrieb Kafka über seine Kinobesuche, und kaum einen Beleg gibt es dafür, daß in der erzählenden Prosa "die Kinematographie genutzt wird: weder als Technik noch als Bild". Also mag man fragen, warum Zischler Kafkas Kinogängen soviel Aufmerksamkeit zollt. Hat er sich verrannt? Nein, er hat sich gedacht, daß Enthaltungen so viel wie Vorlieben über einen Mann und Autor verraten. Überdies hat Kafka Film hinreichend oft zur Sprache gebracht, so daß die Gründe seiner Abkehr vom neuen Genre zu begreifen sind.

Ein Aperçu Kafkas gewährt Zischler Einblick. Da heißt es lakonisch im Tagebuch 1910: "Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt." Kino ist gemeint und Wesentliches bemerkt, nämlich: Film ist Bewegung. Gestik, Handlung, Schicksal erfolgen schnell. Schnitte und plötzliche Tempowechsel können tatsächlich erschrecken. Gegen derlei Gewalttätigkeit wider den Geist sträubte sich der Schriftsteller, der mit jedem einzelnen Satz etwas Sichtbares fest- und stillzustellen bemüht war und im ganzen Text keine andere Bewegung als die einer selbstbesonnenen Reflexion zuließ. "Grabmäßige Ruhe", schrieb Kafka in einer "Betrachtung", wünsche er, zu ihr wolle er sich zwingen und "vom Leben" nur "ein Gespenst noch übrig" lassen. Er litt an der Rasanz des Lebens, welche das Kino grotesk übertreibt. Aber er genoß auch den "gespenstigen" Film, weil die Leinwand seiner wirklichen Person nichts abverlangte. Kinematographie war also zweierlei: eine der vielen Diatriben gegen die ruhige Schrift und doch auch der Schein, der erspart, sich in den Wirbel der Welt einmischen zu müssen.

Im Aperçu hat Zischler den Schlüssel gefunden, der Kafkas zwiespältige Erfahrungen mit jeglicher Art von Kinesis (Bewegung) aufschließt. Zum Beispiel: Zugfahren - ein Spiel ohne Bedeutung - gefiel, obwohl Kafka ungern reiste. Doch Paris und seinem ununterbrochenen Verkehr entfloh Kafka, kehrte nach Prag an den Schreibtisch zurück, um stille Sätze zu reihen. Nicht anders war es mit Herzensbewegungen. Da sich Kafka 1912 leidenschaftlich in Felice Bauer verliebte, fürchtete er, in Vollzüge des Lebens hineingerissen zu werden. Er vermied es, ihr zu begegnen, und schrieb ihr Briefe, die auf das heftigste warben und abschreckten. Dieses Briefwerk vergleicht Zischler einer riesigen Leinwand, auf die Kafka sein Verlangen nach der Geliebten, seinen Entschluß zu menschenleerer Abgeschiedenheit, seine Skrupel über seine Verweigerung projizierte, als könne ein epistolarisches Schattenspiel ihn vom Zwang eines wirklichen Verhältnisses befreien.

Nun sind der Forschung solche komischen Kämpfe Kafkas gegen Leben, Liebe und Glück längst bekannt. Doch Zischler weist nach, daß in Kafkas Verteidigung seiner Gemüts- und Schreibruhe nicht gar so selten Aufnahmen aus Filmen zitiert werden. Er hat Beispiele. Einmal, auf einer Reise mit Max Brod, berührte Kafka unangenehm, wie der Freund eine im Coupé Mitreisende umwarb. Brod mußte sie dann doch am Bahnhof München verabschieden und in ein Taxi setzen. Im Tagebuch-Roman-Fragment "Richard und Samuel" stilisiert Kafka diesen Moment des Abschieds nach dem dänischen Film "Die weiße Sklavin". Darin zeigt ein Drei-Sekunden-"Take", wie zwei Zuhälter ein unschuldiges Mädchen in ein Fahrzeug nötigen und ins Bordell verschleppen. Zischler erklärt zum Filmzitat, es habe Kafka "durch diesen Kunstgriff der Übertragung der realen Scham" anläßlich Brods Zudringlichkeit "in die irreale Schamlosigkeit des Kinos abgestreift". Solche Möglichkeiten zur Übertreibung und Abführung von Gefühlen in den Schein bot also das Kino.

An psychologisch-ästhetischen Beobachtungen und Bemerkungen ist das Buch reich. Nie werden bloß wohlfeile Einfälle mitgeteilt. Zischler belegt durch Texte und Bilder, wann und wo Kafka welchen Film sah und in welcher Absicht er Kino berief.

Etwa: Albert Bassermanns Bühnen-Hamlet, den Kafka in Berlin sah, begeisterte ihn nicht weniger als Publikum und Kritik. Nun hatte sich Bassermann aber auch für eine Filmversion zur Verfügung gestellt. Als Plakate für den Film warben, war Kafka durch die tragische Grimasse Bassermanns fasziniert und abgeschreckt. Aber er neidete dem Schauspieler, der sich und sein Gesicht so geschmacklos verzerrt, daß er "als Bassermann und als keiner sonst" aus dem Atelier nach Hause gehen konnte. Kafka schreibt es an Felice und bedeutet ihr: Er, Kafka, dürfe sich keiner Bewegung des Lebens oder Gefühls ausliefern, denn anders als Bassermann riskiere er, sich im Spiel zu verlieren und niemals mehr zu sich selbst zurückzukehren.

Von seiner Sache überzeugt Zischler uns am meisten da, wo er Kafkas Bedürfnis nach einsamer Anschauung belegt. Kafka besuchte 1911 das Kaiserpanorama in Friedland, das Stadtansichten durch ein Stereoskop räumlich zu betrachten erlaubte. Er schrieb: Die Bilder des Panoramas sind "lebendiger als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die Ruhe des Blickes scheint wichtiger."

Damals sah er eine Fotografie des Inneren der Kirche Santa Anastasia in Verona. Auf ihr ist die Skulptur eines sitzenden Zwergs zu erkennen, der auf den Schultern ein Weihwasserbecken trägt. Das Gewicht drückt die Gestalt, aber der Zwerg leidet nicht darunter. 1913, auf einer Italien-Reise, steht Kafka vor diesem ganz und gar in sich gekehrten Zwerg, der sich nachdenklich an den Kopf faßt, und er stilisiert dessen "paradoxe Lebendigkeit" zum Sinnbild eines ruhig ertragenen Leidens am Wirklichen. Kein Film bot, was Kafka so rein als Gleichnis seiner selbst hat betrachten können.

Oder doch? Im Januar 1924 schrieb Kafka aus Berlin - einen Monat später erkrankte er auf den Tod -, es werde Chaplins "Kid" gezeigt. Chaplins Figur war ihm weitläufig wesensverwandt, und ihr Kampf gegen die Tücken der Welt hätte Kafka zu denken gegeben. Zischler kommentiert diesmal nicht, er stellt anheim. Denn er ist nicht nur der Kenner seiner subtilen Sache; er hat überdies Geschmack.

Hanns Zischler: "Kafka geht ins Kino". Rowohlt Verlag, Reinbek 1996. 166 S., Abb., br., 48,- DM.

Kafka geht ins Kino

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.1996, Nr. 229 / Seite L20
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