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Rezension: Belletristik Unverrückbar wie Weichkäse

Philipp Blom im Reich der Enzyklopädie Von Burkhard Spinnen

"P. Die Simmons-Papiere". Das ist eine Wissenschaftssatire: recht traditionell und ein wenig manieristisch kommt sie daher als das skurrile, postum aufgefundene (fiktive) Manuskript des nicht minder skurrilen (fiktiven) Oxford-Professors P.E.H. Simmons. Simmons (1901 bis 1989), so das Vorwort des (fiktiven) Herausgebers, ist Sprachphilosoph gewesen, als konservativ verschrieen inmitten von Postmodernisten und Empirikern; er sei depressiven Schüben ausgesetzt gewesen, und in denen habe er vermutlich jene Mischung aus Biographie, Traum, Parodie, Allegorie et cetera verfaßt: die Simmons-Papiere.

Das Ich dieser Papiere ist P. P ist Redakteur der "Definitiven Enzyklopädie unserer Sprache" und dort zuständig für - richtig geraten: den Buchstaben P. Der Verlag der Definitiven Enzyklopädie ist ein durch und durch kafkaeskes Institut mit greisem Portier in Waterloo-Uniform, mit Rohrpostanlage und natürlich mit einer undurchschaubaren Hierarchie, die sich nach oben hin ins Numinose auflöst.

P nun sammelt, was rechtens mit P beginnt. Und der Autor des "Ganzen" der (fiktive) Oxford-Student (P)hilipp Blom, läßt P in seiner Selberlebensbeschreibung beinahe alles vorführen, was sich an sprachphilosophischen Fragen, Problemen, Quisquilien, Antinomien und Aporien und Skrupeln um die Tätigkeit eines praktizierenden Enzyklopädisten rankt. Dabei ist P ebenso präzise wie penibel, pedantisch wie praxisbezogen, polemisch wie paranoid. In vielen kurzen, nicht ganz aus Zufall allesamt mit P beginnenden Kapiteln arbeitet er sich gewissermaßen durch den Reisberg seiner satirischen Typik. Er führt die solipsistischen Manieren eines einsamen Fachmannes vor, seine Eigenbrötlereien und eingeschliffenen Marotten. Zugleich aber präsentiert er ein Doppelfuder der ehrbarsten menschlichen Grundfragen, allesamt entwickelt aus seiner Sprachauffassung, nach der es einen abgeschlossenen Vorrat von Worten gibt, die überwiegend jedoch durch falschen Gebrauch ruiniert, verstellt oder schlichtweg vergessen sind.

Hier nun hat das heitere Büchlein seinen tiefernsten Kern. P lebt im Zeitalter eines postmodernen Beliebigkeitsfanatismus, quasi unter dem Regime einer allgemein herrschenden Sprachauffassung, nach der der Gebrauch eines Wortes seine Bedeutung bestimmt (vergleiche "geil", der Rez.). P und seine obskure Enzyklopädie verfechten hingegen einen Sprachursprungsglauben, wie er etwa in spätmittelalterlicher Mystik, in der Kabbala und zuletzt bei den deutsch-jüdischen Sprachphilosophen des zwanzigsten Jahrhunderts (Buber, Rosenzweig, Benjamin und anderen) seine stets etwas randständige Existenz gezeigt hat. Sache und Wort, so müßte es P in letzter Konsequenz formulieren, sind vom Ursprung her eins, "irgendwo" stehen die Bedeutungen fest - und die definitive Enzyklopädie wäre, so sie je fertig würde, identisch mit der Verfassung eines niemals endenden Reiches.

P lebt diesen Glauben, und er verzweifelt daran. Denn Blom und Simmons lassen ihn, zumindest der Tendenz nach, das traurige Beispiel eines undialektischen, statischen Sprachdenkers sein. P sind alle Bewegungen der Sprache ein Greuel, in jeder Bedeutungsverschiebung sieht er einen Schritt weg vom Ursprung. Daß Sprache Identitäten nicht bezeichnet, sondern stets aufs neue stiftet, will und kann er nicht denken; daß sie als dynamisches Prinzip (Humboldt) Leben immer neu ermöglicht und daß alle ihre Bewegung "vorwärts zum Ursprung" (Karl Kraus) geht, jagt ihm nur Schrecken ein. Denn Bewegung ist der Tod jeder Enzyklopädie als einer Festschreibung. Und so bleibt P im dauernden Kampf gegen die Wortneuschöpfungen, die verhaßten Neologismen, stecken, bleibt er eine sprachphilosophische Bürokratenexistenz, aus der er sich gelegentlich bloß durch die Schwärmerei für eine Kollegin reißen läßt, die er über den Hof hinweg in einem anderen Büro beobachtet. Und hier allein aktiviert er, freilich wie problematisch!, das kreative Potential der Sprache. Denn vielleicht ist ihm das Objekt seiner wortreichen Verehrung ja nur aus einem geblümten Vorhang und seiner Kurzsichtigkeit entstanden.

"Die Simmons-Papiere" also. Für Nicht-Sprachphilosophen die durchweg amüsante Aufbereitung einer durchaus nicht nebensächlichen Thematik. Wem hingegen die Materie nicht gänzlich fremd ist, der wünschte sich vielleicht im Zuge der Lektüre, daß das Buch seinem P, den es trotz oder besser: wegen aller Brechungen fest am ironischen Kanthaken hat, etwas mehr an, sagen wir einmal: Novellistischem zugestanden hätte. Es gibt wohl keinen Helden in der modernen Literatur, dessen Heldentum nicht auf die eine oder andere Art und Weise von seiner Sprachfähigkeit, seinem Sprachglauben und seinem Sprachgefühl abhinge. P nun birgt zwar viele dieser Helden in sich, leider läßt man ihn hinter Bürowänden wenig Risiko laufen. Und man wäre doch sehr gespannt zu sehen, wie es ist, wenn ein metaphysischer Enzyklopädist Hand an das Leben legt.

"P. Die Simmons-Papiere". Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Philipp Blom. Aus dem Englischen übersetzt und überarbeitet von Philipp Blom. Berlin Verlag, Berlin 1997. 119 S., geb., 32,- DM.

P. Die Simmons-Papiere

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.1997, Nr. 141 / Seite B5

 
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