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Sonntag, 19. Februar 2012
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Rezension: Belletristik Undines neue Kleider

11.03.2002 ·  Die Möwe gilt nicht eben als ein sonderlich poetischer Vogel. Heine sah sie "leichenwitternd", "die weiße, gespenstische Möwe". Storm immerhin ließ sie stimmungsvoll-düster ans Haff fliegen. Morgenstern dagegen behauptete: "Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen."Endlich wird dieser Vogel rehabilitiert.

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Die Möwe gilt nicht eben als ein sonderlich poetischer Vogel. Heine sah sie "leichenwitternd", "die weiße, gespenstische Möwe". Storm immerhin ließ sie stimmungsvoll-düster ans Haff fliegen. Morgenstern dagegen behauptete: "Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen."

Endlich wird dieser Vogel rehabilitiert. Und das zugleich keck und phantastisch. Silke Scheuermann, Jahrgang 1973, Trägerin des Leonce-und-Lena-Preises 2001, hat ihrem ersten Gedichtband den Titel gegeben: "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen". Mit Büchners Leonce weiß sie, daß die Nachtigall der Poesie den ganzen Tag über unserm Haupt schlägt, daß aber das Feinste zum Teufel geht, "bis wir ihr die Federn ausreißen und in die Tinte oder Farbe tauchen".

Hier also sind es Möwen-, nicht Nachtigallenfedern, die als Schreibwerkzeuge dienen. Die Tinte, in die sie getaucht werden, leuchtet, schimmert aber manchmal etwas zweideutig. Die Schriftzüge der Poetin sind zierlich, doch erstaunlich sicher. Man glaubt ihr selbt, was sie den Möwen andichtet: daß sie zweistimmig singt. Das erste der kurzen Kapitel versichert scheinheilig: "Es gilt natürlich an Tatsachen festzuhalten." Das verschafft der Autorin den Freibrief für ihre phantasievollen Ausflüge in Welt und Leben. Möwenflüge, möchte man sagen, mit Nah- und Fernblick. Möwenaugen, die das "Geriffel der Vogelzehspuren" wahrnehmen, ebenso wie die ganze Erde, um die sie sich sorgt.

Dennoch ist Apokalyptik nicht ihre Sache. Das "Requiem für einen gerade erst eroberten Planeten mit intensiver Strahlung" enthält sich des wohlfeilen Pathos. Es betrachtet unseren Stern als ein durchgesessenes Sofa. Auch die Kruditäten der Zeithistorie werden eher nüchtern und nebenher traktiert. Einmal freilich führt uns das Gedicht "weit weg zu den Grabgräbern Grabrednern / den Putschisten und Kämpfern in Grosny". Das ist das Äußerste an Aktualität. Der Text, der diese Zeilen enthält, brilliert mit der Überschrift: "Undine geht weil Hans ihre neuen Kleider nicht mehr bewundert." Ein witziger Hieb gegen Bachmanns berühmte Erzählung, aber auch nicht mehr.

Den phantasievollen Titeln, in denen Silke Scheuermann Meister ist, folgen zumeist auch ebensolche Gedichte. Oder aber Texte, die unsere Erwartung intelligent konterkarieren. Miniaturisierung ist dabei der entscheidende Kunstgriff. Der Storchschnabel Gedicht transponiert das Große ins Überschaubare, Anschauliche - und für die Sprache Faßbare. Exemplarisch dafür sind Titel wie "Gründlich formatierte Sterne grüßen dich" oder "Weltraumspaziergang an der Nabelschnur von Hieronymus Bosch". Daß selbst der Mikrokosmos unsere Erfahrungsmöglichkeit überschreiten kann, zeigen die Zeilen: "Eine einfache Stubenfliege / mit ihrem Facettenauge war / auf einmal sehr groß / zu groß / um sie im Ganzen zu besehen."

Vor dem kosmologischen Möglichkeitssinn dieser Poesie gerät das Private ins Hintertreffen. Die Poetin gibt sich diskret, antiautobiographisch, konfessionsunlustig. Beziehungskistenpoesie, wie sie von jungen Autoren so gern gebastelt wird, fehlt bei Silke Scheuermann völlig. Erotik ist allenfalls ein Randthema. "Liebesmaße" beginnt mit dem Zweifel, "als ob abgezirkelte Sätze in kleinem Radius / die Unruhe lindern könnten." Und fast wie zum Beweis, daß sie auch mal was Provokatives, Obszönes zustande bringt, liefert die Autorin einen Katalog der Obszönitäten und sexuellen Klischees, um unerschrocken zu replizieren: "und ich erschrecke nicht / ersticke nicht / Wenn du sprichst."

Silke Scheuermann ist etwas anders als die andern: eine unerschrockene Analytikerin mit dem "Sezierpapier", eine Forscherin auf dem "Vorstoß ins Unsichtbare". Dort heißt es: "Hat inwendige / Jahre gekostet / weil dieses Suchen / tief starten mußte / bis es äußerlich sichtbar war." Das klingt fast schon wieder pathetisch und will keine poetologische Selbstaussage sein. Doch man überträgt es gern auf das Training, das Silke Scheuermann absolvierte, um so glänzend starten zu können.

HARALD HARTUNG

Silke Scheuermann: "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 78 S., br., 6,50 .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2002, Nr. 59 / Seite 44
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