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Rezension: Belletristik : Türhüter trifft Terminator

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Bild: Eichborn Berlin

Schon mit dem ersten Band von "Hiobs Spiel" etabliert sich Tobias O. Meißner als eine wichtige Stimme der jüngeren deutschen Literatur.

          „Gebe der Himmel, daß der Leser, erkühnt und augenblicklich von grausamer Lust gepackt, gleich dem, was er liest, seinen steilen und wilden Weg durch die trostlosen Sümpfe dieser finsteren und gifterfüllten Seiten finde, ohne die Richtung zu verlieren; denn wofern er nicht mit unerbittlicher Logik und einer geistigen Spannung, die wenigstens seinen Argwohn aufwiegt, an diese Lektüre geht, werden die tödlichen Emanationen dieses Buches seine Seele durchtränken wie das Wasser den Zucker." Diese Sätze, die als Vorspruch über Tobias O. Meißners neuem Roman stehen könnten, sind über hundertdreißig Jahre alt. Es sind die Anfangssätze von Lautréamonts "Gesängen des Maldoror", eines der bösesten Bücher der Weltliteratur, diabolische Gegenschöpfung und sprachgewaltige Urzeugung der modernen Literatur, die den Zusammenhang des Schönen und des Guten für immer zerriß.

          Tobias O. Meißner ist ein ferner Nachfahre jenes Autors und seines blasphemischen Versuchs, mit den Mitteln der Kunst Gott und die Welt zu negieren. Doch im zwanzigsten Jahrhundert hat die Ästhetik des Schreckens nicht nur ihre Überbietung in der Wirklichkeit gefunden, sie ist zugleich zum unerschöpflichen Stoff der Populärkultur geworden, wurde in Groschenheftchen, Horrorfilmen, Comics und Rocksongs trivialisiert und unendlich verfeinert. Meißner, Jahrgang 1967, gehört einer Generation an, die mit all dem ganz selbstverständlich aufgewachsen ist. Sein Held Hiob Montag, Abkömmling einer langen literarisch-dämonologischen Ahnenreihe, weiß ebenfalls, daß er nicht der erste und auch nicht der letzte ist, der im Kampf zwischen Gut und Böse in vorderster Front steht. Seine Geschichte ist angesiedelt in einer naturalistisch-düsteren Welt, die vom Schattenreich der Popkultur überlagert ist.

          Hiob lebt als Künstler in Berlin, seine Bilder, in denen Kritiker nur Abstraktion, Eingeweihte jedoch sadistische Schreckensszenen erkennen, stellt er in einer kleinen Galerie aus. Doch sein Teufelspakt dient nicht wie der von Manns Leverkühn der Befeuerung künstlerischer Innovationskraft, sondern ist ein Unterfangen von endzeitlicher Dimension. Hiob hat sich selbst zur Spielfigur in einer Partie gemacht, deren Regeln die höchste Macht des Bösen bestimmt, hier NuNdUuN genannt. Hiob muß mit bescheidenen übersinnlichen Kräften immer schwierigere Aufgaben lösen und teuflische Gegner vernichten, wofür er nach einem obskuren Punktesystem belohnt wird.

          Das erste "Prognosticon" - so heißen die leichten Gegner - spürt Hiob in der kolumbianischen Hafenstadt Barranquilla während des Karnevals auf, wo in einer psychiatrischen Anstalt massenhaft Menschen auf grausamste Weise ermordet werden. Mit Hilfe einer aidskranken deutschen Studentin, die das Bacchanal nutzen will, um möglichst viele Männer zu infizieren, dringt Hiob in die Todesfabrik ein und befreit die vegetierenden Insassen. Die folgenden Aufgaben führen Hiob in die Death Row eines amerikanischen Hochsicherheitsgefängnisses, wo er sich auf dem elektrischen Stuhl grillen lassen muß, um eine bei der Exekution ins Stromnetz eingedrungene Mörderseele einzufangen, und ins Bayern der zwanziger Jahre, wo der Geist eines gefallenen Soldaten die Familie seiner Verlobten mit der Axt auslöscht. Schließlich muß Hiob noch Jagd auf ein Rudel selbsternannter Vampire im Berlin der Neunziger machen, um sie sachgerecht mit Holzpflock, Knoblauch und Sonnenlicht aus ihrem abartigen Verkehr zu ziehen.

          Die Grausamkeiten einzeln aufzuzählen wäre müßig: Da werden Kinder geschlachtet und Mädchen geschändet, Menschen gequält und lebendigen Leibes verbrannt, Knochen freigelegt, Geschlechtsteile abgeschnitten, Blutorgien gefeiert - schließlich wird als höllischer Höhepunkt die Hirnmasse eines lebenden Säuglings ausgeschlürft (auch das eine Lautréamont-Anspielung). Die detaillierten Schilderungen sexueller Perversionen und grausamer Rituale, die an Sade, aber auch an Burroughs oder Easton Ellis erinnern, lassen jede Bewährung Hiobs zugleich zur Prüfung für empfindliche Leser werden, die als die eigentlichen Mitspieler NuNdUuNs erscheinen.

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