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Rezension: Belletristik Türchen auf, Türchen zu

 ·  Javier Marías kennt alle Dichterseelen und beschreibt sie auch

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Henry James verabscheute Flaubert, aber seine Begeisterung für Maupassant war und blieb grenzenlos, denn der hatte ihn einmal zum Lunch in der Gesellschaft einer nackten Dame eingeladen; angeblich kam sie sogar aus besseren Kreisen. Leo Tolstoi mißbilligte, daß Turgenjew Cancan tanzte und, als türkischer Sultan verkleidet, in Operetten auftrat, deren Libretto er selbst verfaßt hatte. James Joyce war, wen wundert's, pingelig und detailverliebt, außerdem aber ein Kotfetischist, der seiner Frau gebot, stets angeschmutzte Unterwäsche zu tragen. Robert Louis Stevenson hatte zwar einen Kannibalen zum Freund, aber seine besondere Vorliebe galt Schmelzkäse mit Opium. Für Yukio Mishima wiederum war Harakiri der höchste Genuß als definitive Form der Masturbation, nur daß sein etwas ängstlicher Gefährte, der ihm anschließend den Kopf abschlagen sollte, wie das guter japanischer Sitte entsprach, ihn bloß auf Schultern, Rücken und Hals traf, so daß kompetentere Hilfe geholt werden mußte, um das Werk zu vollenden.

Emily Brontë hingegen fand Vergnügen daran, ihrem Hund Pfeffer auf die Schnauze zu streuen oder ihm mit der Faust ins Gesicht und auf die Augen zu schlagen. Ada Menken, Grande dame des amerikanischen Theaters, Dichterin und kämpferische Feministin, begann ihre Karriere als Hure in Havanna, während Djuna Barnes, vielseitige amerikanische Autorin und Kritikerin, eine Affäre mit Putzi Hanfstaengl hatte, jenem bayrischen Halbamerikaner aus Hitlers früher Entourage, wodurch sie erfuhr, daß der Führer "in seiner Hose nicht einmal das habe, was einem Mäuserich zusteht". Auch Fürst Tomasi di Lampedusa soll impotent gewesen sein; er war mit einer Psychoanalytikerin verheiratet. Und über Violet Hunt schließlich, der Geliebten unter anderen von Ford Madox Ford, Somerset Maugham und Herbert George Wells, hören wir, daß sie stets über den neuesten Gesellschaftsklatsch unterrichtet gewesen sei. Nur Violet Hunt?

So viel süffisantes Interesse an den Schwächen, Verirrungen, Lastern und Lüsten von Dichterinnen, Dichtern sowie anderen Kulturschaffenden kann nur aus Kollegenkreisen kommen. Und in der Tat: Es ist der Spanier Javier Marías, Verfasser von brillanten und höchst erfolgreichen Romanen wie "Mein Herz so weiß" und "Am Morgen in der Schlacht denk an mich", der hier auf seine Art Literaturgeschichte betreibt. Marías hat Anglistik studiert, wie man aus seinem in Oxford spielenden Roman "Alle Seelen" weiß, und außerdem Laurence Sterne, Thomas Hardy, Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad, William Butler Yeats, William Faulkner und Vladimir Nabokov übersetzt, die denn auch Plätze in seiner Galerie scandaleuse erhalten haben. Aber die Auswahl dieser und anderer Namen bleibt subjektiv und allein von der Neigung des literarischen Galeriedirektors bestimmt. Das ist ihm schwerlich zum Vorwurf zu machen; es sorgt für Abwechslung.

Von Lampedusa heißt es an einer Stelle, er sei "ein zu Übertreibungen neigender Sonderling" gewesen "wie alle Schriftsteller". Daß die Künstler ein wunderliches, ichbesessenes, neurotisches, manchmal närrisches, manchmal trübsinniges, jedenfalls exzentrisches und von der eigenen Bedeutung bedingungslos überzeugtes Volk darstellen, sind Binsenweisheiten. Mit den Skurrilitäten ihrer Lebensführung ließen sich Bibliotheken füllen, besonders da sie selbst gern von sich zu berichten pflegen oder andere es aus Verehrung für sie tun. Die Frage ist nur, ob es wirklich zwischen den Eigenarten der Lebensführung und den Werken, für die allein die Dichter Aufmerksamkeit und Achtung verdienen, jene offenen oder geheimen Verbindungen gibt, die biographische Neugier rechtfertigen. Lampedusa, so schreibt Marías, habe sich für das Leben von Schriftstellern interessiert, weil er überzeugt gewesen sei, "daß darin beziehungsweise in ihren geheimsten Anekdoten der Schlüssel zu ihrem Werk liege". Wenn das nicht Marías eigene Überzeugung wäre, dann hätte er wenig Grund zu diesem Buch gehabt. Denn von den Werken seiner Heldinnen und Helden, vom "Leopard" oder "Ulysses", von "Sturmhöhe" oder "Schatzinsel" zum Beispiel, ist in den 26 Porträts nur wenig, ja meist gar nicht die Rede.

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Geschriebenes Leben

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2001, Nr. 67 / Seite 50
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