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Rezension: Belletristik Triumph der Theorie

 ·  Sudhir Kakars Kamasutra-Roman über die Kunst des Begehrens

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Das Kamasutra, ein indischer "Leitfaden des Begehrens" aus dem dritten oder vierten Jahrhundert nach Christus, gehört zu den bekanntesten klassischen Werken der Sanskrit-Literatur. Auch ins Deutsche ist es mehrfach übersetzt worden und zur Zeit in einer hervorragenden, im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienenen Ausgabe greifbar. Das Kamasutra sowie die berühmten erotischen Skulpturen an den Tempeln von Khajuraho und Konarak repräsentieren eine Seite indischer Kultur - nämlich die liberale, dem sinnlichen Wohlleben zugeneigte. Sie wird über dem dominierenden Eindruck von Indien als dem Land der Askese im Land selbst und in Europa gern übersehen. Eine ideale Integration von Erotik und Askese hat etwa Hermann Hesse in seinem Indien-Roman "Siddhartha" darzustellen versucht, der deutlich vom Studium des Kamasutra profitiert hat.

Tatsächlich notiert die trocken-systematische Abhandlung über die Liebeskunst nicht etwa nur, wie gemeinhin angenommen, einige Dutzend Stellungen der sexuellen Vereinigung. Sie platziert die sexuelle Liebe in einen gesellschaftlichen und moralischen Kontext und balanciert behutsam zwischen persönlicher Erfüllung und dem Allgemeinwohl aus. Nach altindischer Lehre soll der Mensch nämlich nach drei Zielen streben: vor allem nach dem religiös und moralisch Guten (Dharma), dann nach dem materiell Nützlichen (Artha) und zuletzt auch nach dem sinnlich Begehrenswerten (Kama). Jedes Einzelne ist nur in Verbindung mit den beiden anderen Zielen erlaubt und wünschenswert.

Von den Lebensumständen des Kamasutra-Autors, Vatsyayana, ist nichts bekannt. Wie in Indien üblich, steht der Verfasser ganz hinter seinem Werk zurück. Darum konnte Sudhir Kakar, als er die Biographie von Vatsyayana schreiben wollte, seiner Phantasie freien Lauf lassen. Er siedelt Vatsyayana in der Nähe des nordindischen Pilgerortes Varansasi in einem Ashram (Einsiedelei) an. Dort führt er als alternder Lehrer der Liebeskunst kluge Gespräche mit seinen Schülern. Einer dieser Schüler ist der Ich-Erzähler des Romans, dem die Aufgabe zufällt, einen Kommentar zum Kamasutra und die Biographie seines Meisters zu schreiben. Also erzählt er dem Schüler aus seiner Jugend, von den Jahren am Fürstenhof und interpretiert dem Wissbegierigen die kryptischen Sentenzen seines Werkes.

Gleichzeitig verflechten sich die Lebensbahnen von Meister und Schüler miteinander. Der Jüngere wird der verstohlene Geliebte von Vatsyayanas Frau und lüftet das Geheimnis dieser Ehe: Der Meister der Liebeskunst lebt zölibatär. Sein Wissen ist folglich weitgehend theoretisch, sein Werk enzyklopädisch aus früheren Abhandlungen geschöpft. Diese spannende Ausgangssituation vermag der Autor jedoch nicht in einer bewegenden Romanhandlung zu entfalten.

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Kamasutra oder Die Kunst des Begehrens

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2000, Nr. 125 / Seite 50
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