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Rezension: Belletristik Thor Kunkel: Das Schwarzlicht-Terrarium

17.03.2002 ·  Es geht hinab, tief hinab, weiter, immer weiter, tiefer, ins Dunkle hinein, im Vergangenheitsraumschiff, im Elendsspacelab hinab ins große Dunkle, wo die Armut ist, die Erwartungslosigkeit, die Langeweile und das Nichts. Ende der siebziger Jahre, Stillstandszeit. Wir sind in "Kamerun", ärmster Teil ...

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Es geht hinab, tief hinab, weiter, immer weiter, tiefer, ins Dunkle hinein, im Vergangenheitsraumschiff, im Elendsspacelab hinab ins große Dunkle, wo die Armut ist, die Erwartungslosigkeit, die Langeweile und das Nichts. Ende der siebziger Jahre, Stillstandszeit. Wir sind in "Kamerun", ärmster Teil im äußersten Westen von Frankfurts Gallusviertel, elender Siedlungskomplex, dessen Häuser die Frankfurter auch "May-Löcher" nennen, Wohnmaschinen der frühesten Sachlichkeit, die selbst in Zeiten größter Wohnungsnot niemand beziehen wollte. Angstgegend, leere Fabrikhallen, Wellblechdepots, windige Parkflächen. "Endstation Kamerun; die Straßenbahn zieht eine Halteschleife, und die Milchstraße versickert hier irgendwo in der Gosse. Kommt selten vor, daß jemand hier die Fliege macht, es sei denn in einem Leichensack."

Hier wohnt Kuhlmann, seelenlose, amöbenhafte, eiskalte, aufs großartigste desillusionierte Existenz, einst Fernsehtechniker, jetzt Parkhauswächter. Und hier wohnt Fußmann, weltfremder Chemielaborant, der an der Befreiung der Menschheit mittels einer Wunderdroge arbeitet. Hier wohnt Eddi, der GI, Waffenhändler und verkannte Elvis-Nachfolger, und Sonny, muskulöser Winzling und sexbesessene Putzkraft in einem Bodybuilding-Center. Sie sind die Helden dieses großen Desillusionierungsromans aus der südhessischen Diaspora im Jahr 1979.

Das Jahr, über das die Smashing Pumpkins sangen: "and we don't know, just where our bones will rest, to dust I guess, forgotten and absorbed into the earth below", und in dem Christian Kracht später in einem Roman, der diese Jahreszahl im Titel trägt, seinen Helden in chinesischen Arbeitslagern ein Entsagungsglück und schließlich den Tod finden lassen wird.

Ende, Absturz, Tod. Was ging alles zu Ende im Jahr 1979? Erstens: Disco. Was war Disco? "Ein plumper Viervierteltakt, eine Hand voll abgegriffener Baßmuster, perkussiv gespielte Klampfen, ein paar Blechbläser." Aber es war auch Befreiung, Vergnügen, Tanzen um des Tanzens willen, Leben um des Lebens willen: "Born to be alive", DJ Sonnys Hymne und Lebensmottosong von Patrick Hernandez. Warum? "Wegen der Aussage."

Doch Disco geht, Rap kommt auf. Mit ihm kommt wieder Protest, kommt Wille zur Emanzipation, kommt Widerstand. Eine neue Zeit. Nichts für die Kameruner. Von Rap versprechen sie sich nichts. Von Politik versprechen sie sich nichts. Die achtziger Jahre, das Jahrzehnt der Politik, wird für sie ein verlorenes Jahrzehnt werden.

Sie sind, wenn auch mit begrenztem Wissen, Naturwissenschaftler, Vorträumer der neunziger Jahre, des Jahrzehnts der Naturwissenschaften, der Chemie, der Biologie. Ihre Hoffnung auf Erlösung aus der südhessischen Abgeschiedenheit liegt in diesem Jahr, 1979, noch weit entfernt, in den Sternen. Aber sie wissen, vermuten die Zukunft in der Chemie, in der Biologie, in der Astronomie. Erdenken Zukunftsmöglichkeiten, erfinden Drogen, erforschen die Sterne.

Und den Körper. Die Gegenwart ist zunächst nicht mehr als eine Reduktion alles Menschlichen auf seine Stoffwechselfunktionen, auf die dringendsten körperlichen Bedürfnisse, auf seine chemischen Bestandteile, auf seine Amöbenhaftigkeit. Die Desillusionierung ist komplett. Die Gesellschaft, der Mensch, haben ihre Möglichkeiten ausgeschöpft. Es gilt, die Welt neu zu denken.

"Das Schwarzlicht-Terrarium" ist zunächst einmal ein Loser-Roman, ein Roman der Versager und der Lebensverlierer, ein Amöbenroman, ein Enttarnungsroman, ein Discoroman, und es ist ein großer Hessen-Roman. Ist es nicht großartig, in einem tollen Buch auch noch die Worte "Kusseng" (das ist hessisch für Cousin), "eine Kiste Äppler", "Opel-Kreisel" und "Henninger-Pils" zu lesen?

Ja, das ist großartig, ist heimatlich und schön. Hessen als Hoffnung und Versprechen. Das Glück liegt in der Chemie, in der Computertechnik, und es liegt in Hessen. In Kamerun. Wo im Moment scheinbar das Unglück und der Stillstand wohnen. Doch bald . . .

"Das Leben! Kombination aus Chemie und Bestürzung . . ." Diese Weisheit von E. M. Cioran stellt Thor Kunkel seinem Kapitel "Disco, Staub und logischer Abschaum" als Motto voran. Die neue Zeit, das neue Jahrhundert, das hier noch so unendlich weit entfernt zu sein scheint, wird diese scheinbar unauflösbare Kombination endgültig lösen und das Regiment über das Leben der Chemie anvertrauen. Glaubt der Roman. Und Kunkel glaubt es auch.

Bestürzung war einmal. In einem elenden Stadtteil von Frankfurt, am Ende der siebziger Jahre, in einem längst vergangenen Jahrhundert. Thor Kunkel dichtete schon mal voran.

vw

Quelle: 17.03.2002, Nr. 11 / Seite 27
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