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Rezension: Belletristik : Täglich sieben trockene Martinis

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Alban Nikolai Herbst und der Frühling des Barockromans im Cyberspace / Von Friedmar Apel

          Der deutsche Roman des siebzehnten Jahrhunderts bedeutete in der Regel für den Leser harte Arbeit. Nicht nur waren - wie im Fall der "Römischen Octavia" des Anton Ulrich von Braunschweig - bis zu siebentausend Quartseiten zu bewältigen, es galt auch, Personenverzeichnisse und Diagramme anzufertigen, um in der Verschlingung der Schicksale der Gestalten nicht die Übersicht zu verlieren. Trotzdem soll es Leser und noch mehr Leserinnen gegeben haben, die über diesen trockenen geschriebenen Schwarten die schlimme Welt vergaßen und ihre Pflichten verabsäumten.

          Alban Nikolai Herbst, der 1995 den Grimmelshausen-Preis erhielt, scheint sich aufgerufen zu fühlen, das "literarische Ödland" (Richard Alewyn) des Barockromans für unsere Zeit wieder zu bestellen. Auf dessen Grund hat er eine Hybridkultur aufgezogen, eine wilde Mixtur der Formen der Desillusionsromantik, des trivialen Großstadtromans und der Kolportage des neunzehnten Jahrhunderts mit Science-fiction, Cyberspace und Phantastik, gedüngt mit einer Brühe aus griechischer Mythologie. Es hebt zeitkritisch und ziemlich gespreizt mit einem Blick auf das Trottoir moderner Großstädte an: "Ist diese, wie im Westen, uniform aufs Marktniveau gebracht, so ist die Stadt selbst nur Äquivalenz und sind es ihre Bewohner. Damit alle Fantasie perdu." Das soll offenbar irgendwie heißen, daß die Seele der Menschen vor ihrer Umwelt beeinflußt wird. Diese alte Einsicht scheint in Frankfurt und Berlin, wo der Autor lebt, derzeit brandaktuell zu sein. Schon Ingo Schramm hatte 1997 in "Aprilmechanik" das Bewußtsein der Bewohner der deutschen Hauptstadt aus der Textur der Stadtlandschaft heraus dargestellt.

          Herbsts Erzähler nimmt sich eingangs vor, in der Stadt den "Raum fürs Ungeheure" zu schaffen, und zwar "im Kopf". Die Konstruktion ist auch hybrid: Der Erzähler nennt seine Stadt Buenos Aires, aber nur, weil er es so will und um diese Stadt, die er im vertraulichen Briefstil duzt, "umzuerfinden". Im Mittelpunkt der dargestellten Welt liegt wie ein kultischer Ort und Mysterientempel das Café Samhain, das im diesseitigen Berlin Café Silberstein heißt. Die Basis der Konstruktion ist denn auch deutlich eine Vorstellung der im Erscheinungsbild noch immer zweigeteilten Metropole, jedoch werden diesem Elemente anderer Großstädte der Erde implementiert. Im Computer wird diese Hybride nun zum Cyberspace einer "Anderswelt" transzendiert. Einer Welt, in der die Fantasie herrscht, "gefühlsame Zeit", in der die uniforme Erfahrung der hiesigen keine Gültigkeit hat. Die ist im Kopf von Hans Deters, dem Erzähler, und soll ein Gegenbild werden zu dieser durch Technik und "Controlling" heruntergekommenen, vermüllten und verschrotteten Umwelt, der gegenüber Risse im Trottoir zum poetischen Text werden können.

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