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Rezension: Belletristik : Sträflinge auf dem Geisterschiff

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Voller Luftwurzeln: Antonio Tabucchis "Träume von Träumen"

          Der Schriftsteller Antonio Tabucchi bekannte sich einmal zu seiner "alten Sünde, die Dinge von der anderen Seite zu betrachten". Die Vorliebe des italienischen Übersetzers und Herausgebers der Werke von Fernando Pessoa für Rollenprosa und Anverwandlungen aller Art ist damit poetisch umschrieben. Viele seiner Erzählungen erinnern an Traumerlebnisse, weil die darin verwendeten Motive und Begebenheiten etwas Unbestimmtes, Flüchtiges an sich haben, das sie dem logischen Zugriff sanft entzieht, aber auch verhindert, daß die Geschichten im Gedächtnis des Lesers allzu tiefe Wurzeln schlagen. Der schmale Band "Träume von Träumen", vor sechs Jahren im italienischen Original erschienen, vereint diese Manier und Manie Tabucchis mit seinem Hang zur artistischen Spielerei. Zwanzig Capriccios im Miniaturformat geben Kunde von der Lust des Autors, in anderer Leute Nachtseele zu schlüpfen und in fremden Traumwelten zu wildern. "Künstler, die ich liebe", hat er sich laut Vorbemerkung dafür ausgesucht. Das sind überwiegend tote Dichter, außerdem drei Maler, ein Komponist, der mythische Flugtechniker Dädalus und der große Traumdeuter Sigmund Freud.

          Der wiederum wäre verwundert gewesen, wie klar strukturiert, intellektuell fundiert und jugendfrei Professore Tabucchi die Mehrzahl seiner Lieblingsgestalten träumen läßt. Mit so respektvoller Diskretion ist er den "nächtlichen Streifzügen ihres Geistes" gefolgt, daß er nun den Leser vorsorglich warnen muß, die daraus gewonnenen Erzählungen seien nichts als "blasse Illusionen, unglaubwürdige Substitute". Dabei ist es eher einem Übermaß an Glaubwürdigkeit zu verdanken, wenn hier so mancher Künstlertraum ein wenig farb- und harmlos anmutet. Der Wunschtraum des Henri de Toulouse-Lautrec etwa, zu normaler Größe heranzuwachsen und mit Jane Avril den Cancan zu tanzen, oder der Albtraum des Federico García Lorca, von seinen Henkern als "widerliches Weib" verspottet zu werden. Natürlich träumt François Rabelais zur Fastenzeit von einem Freßgelage mit Herrn Pantagruel, und Fernando Pessoa begegnet Alberto Caeiro, dem Meister seiner verschiedenen Dichter-Egos, der ihn prompt mit dem Befehl entläßt: "Sie sollen meiner Stimme folgen." Die luftige Eleganz, die den Erzählstil Antonio Tabucchis prägt, kann solche Anekdoten gerade noch retten, aber gleich um die Ecke lauert das literarische Kunstgewerbe.

          Wer zu Lebzeiten keine ganz reine Weste hatte, muß in Tabucchis Traumszenarien allerlei Heimsuchungen erdulden. Der sienesische Lästerer Cecco Angolieri wird als Kater mit Pech eingeschmiert und angezündet, der Übeltäter François Villon lauscht der Trauerballade eines Leprakranken im Wald der Gehenkten, den opiumsüchtigen Samuel Taylor Coleridge verschlägt es auf ein Geisterschiff, und Caravaggio wird vom Gottessohn mit unnachgiebig ausgestrecktem Zeigefinger zu der Strafarbeit verdonnert, sich selbst als Matthäus am Kneipenspieltisch zu malen. Das hat der Maler dann ja auch getan, folgsam wie Francisco Goya, der als Tabucchis Traumgeschöpf mehrfach "drohend seinen Pinsel" hebt, um nach Malerart seine Schreckensvisionen zu bannen, auch wenn er dabei etwas klischeehaft wirkt.

          Nicht einmal das bildungsbürgerliche Vergnügen, die Anspielungen auf Leben und Werk der Träumenden zu entschlüsseln, mag Tabucchi, der Portugiese unter den Toskanern, uns ungeschmälert gönnen: Jedem Kandidaten hat er eine Kurzbiographie beigegeben, die fast alle Rätsel löst. Freilich darf man Tabucchis Kunstgriff würdigen, bei äußerster Verknappung eine Wechselbeziehung zwischen Biographie und Traum herzustellen - "vita somnium breve", wörtlich genommen. Auch können wir uns an ein paar hintersinnigen Details und überraschenden Pointen schadlos halten: Auf den Wachsflügeln des Dädalus entkommt ein mondsüchtiger Minotaurus aus dem Labyrinth, der Dichter Ovid erfährt seine Metamorphose zum Schmetterling, und der tuberkulosekranke Robert Louis Stevenson findet in einem silbernen Tresor auf einer Südseeinsel sein eigenes Buch, das ihm wie reine Luft die Lungen füllt und die Seele weitet.

          Doktor Freud hätte die größte Freude wohl noch an seinem eigenen Traum gehabt, in dem er als Frau Dora mit ausgestopftem Busen durch das zerbombte Wien geht und von einem virilen Fleischergesellen bezichtigt wird, "zu viele sexuelle Phantasien" zu haben. Gefallen hätte ihm auch der Sommernachtstraum des Claude Debussy, der eine Flasche Champagner an einem toskanischen Badestrand vergräbt, beim Schwimmen im glitzernden Meer ans Komponieren denkt und schließlich "mit erigiertem Glied" auf Piniennadeln sitzt, um Faun und Nymphe beim Liebesakt zu beobachten, während eine zweite Nymphe ihm den Bauch streichelt. Unversehens kommt hier das surreale Element ins Spiel, das wir so gern mit Träumen in Verbindung bringen: Debussys Badenachmittag taucht im Inhaltsverzeichnis nicht auf, so daß wir am Ende des Büchleins zurückblättern müssen, um uns zu vergewissern, daß wir ihn nicht bloß geträumt haben. KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Antonio Tabucchi: "Träume von Träumen". Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Fleischanderl. Carl Hanser Verlag, München 1998. 96 S., geb., 24,- DM.

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