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Rezension: Belletristik : Stimmen aus der Hängematte

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Der Wind weht fern: Peter Voß dichtet gegen die Information

          Als Journalist, Professor, Rundfunk-Intendant und sogar Präsident der ARD für die nächsten zwei Jahre verfügt Peter Voß über die besten Tribünen, um sich seinen Zeitgenossen verständlich zu machen - und doch schreibt er Gedichte. 136 kleine Werke, alphabetisch geordnet, enthält das gar nicht so schmale Bändchen, das sich mit seinem Titel "Zwischen den Kratern" ansiedelt, also dort, wo es nicht oder noch nicht eingeschlagen hat!

          Vielleicht das beunruhigendste, aber auch fruchtbarste Motiv, das sich dieser bedrohten Perspektive verdankt, ist die Leere. In den hübschen drei Strophen mit dem Titel "Ausflug" wird ein Palmenstrand evoziert: "Wo aber hat / der Maler / uns beide / versteckt?" Die scheinbar idyllische Antwort, die nun folgt, kippt um: "Tief in den Dünen / zittern die Rispen, / in einer Mulde, / die keiner einsieht ..." - nein, auch dort hat der Maler "uns beide" nicht versteckt, sondern dort "... zappelt der Hase, / den schon die Schlange / verschlingt."

          Peter Voß ist ein Dichter, der gern "ich" sagt und immer mindestens auch versucht, sich zu meinen, wenn er diesen poetischen Proto-Topos aufs Papier bringt. Hermetisch wird er nirgends, aber seine Sprache und die mit ihr evozierte Welt ist überall sowohl geheimnisvoll als auch wunderbar durchsichtig. Da sind Gedichte, die man engagiert oder politisch nennen darf und die ironisch oder ein wenig indigniert in die Welt eingreifen (Exil II - Berlin 1990: "Ich gehe, um endlich / von außen zu sehen, / warum es sich lohnt, / hier zu leben"). Sie sind bemerkenswert und nicht weniger eindringlich als die Produktionen von Dichtern, die dieses Genus als Hausmarke pflegen, doch tiefer schürft er in den vielen anderen, welche das leisten, was man poetische Erkenntnis nennen muß.

          Öfter hört man deutlich eine poetische Referenz hindurch (Goethes Diwan, Eichendorff, Morgenstern, Arno Holz), einige Male mit Namen und sogar als Huldigung (Jandl, Wilhelm Busch, Sarah Kirsch, Rilke). Aber in vielen Gedichten geht die Erfahrung von dem aus, was man in der Poesie seit eh und je "Natur" genannt hat und das doch immer schon etwas anderes, etwas Menschliches war. Ein Barthold Hinrich Brockes kam in seinem aufklärerischen achtzehnten Jahrhundert so zur Gewißheit des Glaubens, bei ihm erstrahlte in der Kirschblüte und im Schnee ohne Umschweife das Ewige Licht. Peter Voß ergreift gern und immer wieder dieses Werkzeug, aber es führt ihn nicht denselben Weg: "Vollkommen dieses Weiß, / das ahnen läßt ein gleich / vollkommenes Schwarz, das ganz / entfärbte Nichts, das an / des Erdentages Ende / auf uns wartet."

          Die Spannung zwischen dem Ich der Poesie und dem Ich des Autors wird manchmal auf die Spitze getrieben. Denn der Dichter spürt, daß er über die Grenze dessen hinweggehen muß, was er selber mit seiner Person verantworten kann, wenn er mehr als Privates äußern will. Es gelingt ihm mit einem Effekt, der fast eine Pointe ist, in "Geständnis" (ich bin der Mörder des Kindes, das ich war), und es gelingt im Versuch der tragischen Selbstaussage: "Im dunklen Haus / denk ich an Menschen, / tote, noch nicht tote, / die ich verriet." Kein Trost ist daraus abzuleiten, aber so etwas wie eine endgültige Klarheit. Und es gelingt ihm immer wieder auch im Humor, jener Attitüde, die noch am ehesten "zwischen den Kratern" beheimatet ist: "Der Wind weht fern / ein Weinen her, / und leise winselt / sogar der Maler, der / das Ganze pinselt."

          Fast überrascht stellt er fest, daß das bedrohte Dasein sich in der Hängematte mindestens zeitweise auch einfach schwänzen läßt, und das reimt sich sogar. Die meisten Gedichte von Peter Voß sind dagegen in ziemlich kurzen freien Versen verfaßt. Sie unterstreichen die Syntax, unterstreichen und zerbrechen nicht das, was gesagt werden soll, und ringen dem Leser ob ihrer wie selbstverständlichen Vollkommenheit immer wieder Bewunderung ab. Zum Reim greift er nur gelegentlich: das Reimspiel "Untergang und Abgesang", neun Strophen auf einen einzigen Reim, erweist seine eigene Relevanz durch ein pedantisches Spiel. Die poetische Form kehrt da eine ihrer bedeutendsten Tugenden hervor: sie kann es rechtfertigen, überhaupt noch etwas zu sagen. Mit dem ähnlich seriellen "Schwind und süchtig" könnte der Dichter als Klassiker in die Lehrbücher des Deutschen als Fremdsprache einziehen und ungezählte Fortdichtungen produzieren helfen, die doch auch noch das erreichen würden, was als Programm auf dem Umschlag des Bändchens steht: ein Gegenpol zum dürren Code des Faktischen zu sein.

          HANS-HERBERT RÄKEL

          Peter Voß: "Zwischen den Kratern". Gedichte. Hohenheim Verlag, Stuttgart und Leipzig 2000. 160 S., geb., 29,80 DM.

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