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Rezension: Belletristik : Stilleben in Bewegung

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Noch in den neunziger Jahren schrieben viele Autoren aus den "neuen Bundesländern" noch deutlich von DDR-Gesinnung gesättigte Literatur. Jüngere wie Thomas Brussig und Ingo Schulze hatten großen Erfolg mit Büchern, die frei von dieser spezifischen Gesinnung waren, aber entschieden geprägt von den Erfahrungen der DDR und dem Übergang zum vereinigten Deutschland.

          Noch in den neunziger Jahren schrieben viele Autoren aus den "neuen Bundesländern" noch deutlich von DDR-Gesinnung gesättigte Literatur. Jüngere wie Thomas Brussig und Ingo Schulze hatten großen Erfolg mit Büchern, die frei von dieser spezifischen Gesinnung waren, aber entschieden geprägt von den Erfahrungen der DDR und dem Übergang zum vereinigten Deutschland. Der 1968 in Schwerin geborene Schriftsteller Gregor Sander gehört schon zu einer neuen Generation. Das literarische Erfahrungspotential, aus dem er schöpft, ist noch einen Schritt weiter auf dem Weg zu einem sich langsam entwickelnden Lebensgefühl, das die so unterschiedlichen Sozialisationen im Osten und im Westen in sich aufnimmt. Der Band "Ich aber bin hier geboren" versammelt Erzählungen, deren Stimmen zwar aus der Nachwendezeit stammen, aber die Probleme, von denen sie erzählen, sind solche, die an der Nordseeküste ebenso empfunden und behandelt werden wie an der Ostsee oder in südlicheren Provinzen.

          Vor allem geht es in Sanders Erzählungen um menschliche Beziehungen, um Freundschaften, Lieben, Ehen, Familien. Aber der Autor stellt sie in Räume, die oft als unwirklich empfunden werden - "unwirklicher als das, was man am Potsdamer Platz in Berlin gebaut hat und auch unwirklicher als die City Nord in Hamburg, in der es nachts keine Menschen gibt" ist zum Beispiel der kleine Ort der ersten, titelgebenden Geschichte: Da hat man den mitten im Ort liegenden Hafen zugeschüttet, "um einen Parkplatz darauf zu bauen", für "Tagestouristen aus dem Ruhrgebiet oder aus Bayern". Wo die Lebensräume so verändert werden, verändern sich auch die Menschen, gehen anders miteinander um.

          Gregor Sander erzählt in seinem bemerkenswerten Debüt neun solcher Beziehungsgeschichten aus unterschiedlichen Perspektiven: Männliche und weibliche Ich- und Er-Erzähler wechseln einander ebenso ab wie das Ambiente, in dem die Geschichten spielen. Dabei passiert gar nicht besonders viel. Bei Sander wird eher beobachtet und der Dinge geharrt, die da kommen - und immer geschieht irgend etwas, das alles irgendwie durcheinanderbringt und die Pläne stört oder zerstört. Alle Figuren schildern Verhältnisse, an denen sie zwar mehr oder weniger teilnehmen; aber sie sind nicht mit Leidenschaft daran beteiligt, sondern eher distanziert. Jedenfalls geben sie sich diesen Anschein.

          Dies gilt auch für die Geschichte von Hella und Thommy und ihren Freunden, die ihre Zeit damit verbringen, zu "warten, daß die Stütze kommt, dann trinken 'ne Woche und wieder warten, daß die Stütze kommt". Fast beiläufig verfallen sie auf die Idee, eine Bank auszurauben - aber dann beerbt Thommy einen reichen Onkel. Doch das ändert nichts, denn das Thema der Geschichte "Morgen" ist nicht die Armut, sondern die Lebensleere. Nur um für Abwechslung zu sorgen, sollte die Bank überfallen werden. In "Hier und Jetzt" füllt ein arbeitslos gewordener Mann seine Zeit mit einem persönlichen Rekordversuch: mehr als sechs Tage schweigend aufs Meer zu schauen. Bürgermeister und Presse wollen ihn zur konsumierbaren Volksattraktion machen, doch er entzieht sich in seine neue Normalität. Das Schweigen widersteht dem Lärm.

          Die Titelgeschichte aus einem kleinen Ort mit zubetoniertem Hafen erzählt von den beiden zugereisten Freunden Richard und Johannes, die ihre Abende regelmäßig in der Kneipe verbringen. Plötzlich erscheint eines Sommers Marlene, eine junge Schauspielschülerin, und das etwas bohemehafte, aber durchaus eingeschliffene Leben der Freunde gerät fast unmerklich durcheinander. Bis Marlene wieder verschwindet und zumindest an der Oberfläche alles wieder wird wie ehedem.

          Daß aber unter der Oberfläche nichts so bleibt, wie es einmal war, erzählt Sander in der Geschichte von Charly, der die dicke Betty besucht, die Frau eines Freundes, der plötzlich verschwunden ist. Charly, verheiratet, mag Betty nicht besonders, kennt sie kaum. Nichts Spektakuläres also wird da erzählt, und dennoch wird zum Schluß hin eine merkwürdige Spannung aufgebaut: "Es wurde immer dunkler, die Nacht kroch in den Raum. Es war sinnlos hier zu sitzen, es war sinnlos hierher zu kommen, und ich sollte eigentlich längst auf der Autobahn sein. Aber ich blieb dort sitzen. Mir gefiel es, Bettys Hand zu halten und in dieser Küche Bier zu trinken. Wir redeten nichts mehr. Betty sah unentwegt auf die Tischplatte und wischte mit ihrer freien Hand ganz langsam darüber, und ich sah über sie hinweg in die Dunkelheit." Und dann fällt der Satz, mit dem sich alle Geschichten Sanders charakterisieren lassen: "Es war wie der eingefrorene Moment auf einem Stilleben."

          Solche Momente beschreibt Sander, lakonisch, fast zeitlupenhaft. Seine Protagonisten nehmen die Ereignisse, die sie verändern, fast lautlos in sich auf und stoßen sie, nachdem diese scheinbar spurlos durch sie hindurchgegangen sind, ebenso leise wieder ab. Aber der Leser weiß, daß dieser Schein trügt, daß sich unter der Oberfläche dieser Existenzen das Leben verändert hat. Nicht Häutungen finden hier statt, sondern es entstehen unter der alten Haut andere Möglichkeiten des Seins. Gregor Sanders gelungene Erzählungen sind die Stilleben gefrorener Momente in orientierungslosen Leben einer haltlosen Zeit, gegen die der Autor sich behauptet mit seinem Satz: "Ich aber bin hier geboren."

          Gregor Sander: "Ich aber bin hier geboren". Erzählungen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002. 144 S., geb., 14,90 [Euro].

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