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Rezension: Belletristik : Sehschule

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Antonio Tabucchis Umkehrspiele · Von Winfried Wehle

          Als Maria do Carmo starb, war der, der sich "ich" nennt, gerade im Prado in Madrid und prägte sich "Las Meninas" von Velázquez ein. Ohne es schon zu begreifen, trat er dabei ihr Vermächtnis an. "Der Schlüssel für dieses Gemälde liegt in der Figur des Hintergrundes", hatte sie ihm gesagt. Dass das zugleich allgemein gelten sollte, begriff er erst später. Warum, darauf brachte ihn dann ihr Testament, ein Abschiedsbrief. Er enthielt nur ein einziges Wort, unklar, befremdlich: "sever". Er erinnerte sich: Maria liebte als Kind das Umkehrspiel. Wer als Erster ein Wort von hinten aussprechen konnte, hatte gewonnen. So begann "sever" sich mitzuteilen: "revés", spanisch: "Kehrseite"! Darauf also kam es an. Wieder angewandt auf "sever" ergibt dies: "ver/se"; erst so ist (spanisch) "etwas zu sehen", eben die andere Seite. Und jetzt erklärt sich auch die Figur von Velázquez im Hintergrund. Von ihr aus betrachtet ist das Bild ein Bild dafür, wie es betrachtet sein will. Wer es verstehen möchte, darf sich in den Augen Marias nicht beim Vordergründigen aufhalten. Er hat, wie die Figur im Hintergrund, zugleich die Gegenansicht einzunehmen. Sie wendet sich dem "anderen" Bild zu, das der Maler anlegt und den Blicken, die von außen kommen, entzogen ist. Und auch dies gibt Maria zu bedenken: Für diese Umkehrung der Blickrichtung - dazu braucht es den Maler, die Kunst. Sie lehrt diese verkehrte Sicht der Dinge, die wahre.

          Maria war eine kluge Frau; so sinnreich, wie nur jemand sein kann, der sein Leben Antonio Tabucchi verdankt. Er ist ein Meister solch intermittierender Botschaften. Und die Geschichte, die er sich von Maria erzählt, gibt nicht nur dem Buch den Titel, in dem sie vorkommt. Sie ist zugleich auch die Figur des Hintergrundes für die elf sehr ungleichen Erzählungen, die scheinbar willkürlich Stimmen mischen, Orte, Kontinente wechseln; keine Zeit einhalten, Personen unsituiert lassen. Zwar spielt vieles aufeinander an, wie in einem Musiksatz. Motive, Sätze, Villen, Namen, Mittagsstunden, Bahnhöfe kehren, Reprisen und Modulationen gleich, wieder. Dennoch ziehen sich die Geschichten an, weil sie alle nach derselben Melodie erzählt sind. Ein Brief, ein Schlager, Fotos lassen die Wände der Gegenwart brüchig werden und Erinnerung oft unvermittelt eindringen. Doch der, welcher sie vorträgt, lässt sie, so unterschiedlich, wie sie sind, ins gleiche Dilemma geraten, so dass sie sich überblenden und zuletzt auf ihren Beweger, den Erzähler, verweisen. Er ist sie alle.

          Aber es wäre nicht Tabucchi, würde er sich mit dieser Lesart schon zufrieden geben. Das Autobiographische daran scheint nur ein Lockmittel. Denn er tut alles, um Autobiographie gerade nicht aufkommen zu lassen. Was daran eigener Lebensinhalt sein mag - er ist ausgelagert, abgeführt in fremde Geschichten. Wenn trotzdem etwas auf ihn zeigt, dann der Blickwinkel, das Prisma, nach dem er alles bricht, was er durch die Sprache leitet. Sein Element ist die Perspektive. Er hat sich der Wahrheit verschrieben, dass alles eine Sache der Wahrnehmung ist. Und zieht, für sich, daraus die Konsequenz, dass nichts so genommen werden muss, wie es erscheint. Aus diesem Grund schreibt er Geschichten. Sie eröffnen Mal um Mal eine sprachliche Sehschule, wo Unterricht in Mehransichtigkeit erteilt wird. Im gegebenen Fall: eine Einführung in den Umkehrblick.

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