Home
http://www.faz.net/-gr4-2dh0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Sehschule

Antonio Tabucchis Umkehrspiele · Von Winfried Wehle

Als Maria do Carmo starb, war der, der sich "ich" nennt, gerade im Prado in Madrid und prägte sich "Las Meninas" von Velázquez ein. Ohne es schon zu begreifen, trat er dabei ihr Vermächtnis an. "Der Schlüssel für dieses Gemälde liegt in der Figur des Hintergrundes", hatte sie ihm gesagt. Dass das zugleich allgemein gelten sollte, begriff er erst später. Warum, darauf brachte ihn dann ihr Testament, ein Abschiedsbrief. Er enthielt nur ein einziges Wort, unklar, befremdlich: "sever". Er erinnerte sich: Maria liebte als Kind das Umkehrspiel. Wer als Erster ein Wort von hinten aussprechen konnte, hatte gewonnen. So begann "sever" sich mitzuteilen: "revés", spanisch: "Kehrseite"! Darauf also kam es an. Wieder angewandt auf "sever" ergibt dies: "ver/se"; erst so ist (spanisch) "etwas zu sehen", eben die andere Seite. Und jetzt erklärt sich auch die Figur von Velázquez im Hintergrund. Von ihr aus betrachtet ist das Bild ein Bild dafür, wie es betrachtet sein will. Wer es verstehen möchte, darf sich in den Augen Marias nicht beim Vordergründigen aufhalten. Er hat, wie die Figur im Hintergrund, zugleich die Gegenansicht einzunehmen. Sie wendet sich dem "anderen" Bild zu, das der Maler anlegt und den Blicken, die von außen kommen, entzogen ist. Und auch dies gibt Maria zu bedenken: Für diese Umkehrung der Blickrichtung - dazu braucht es den Maler, die Kunst. Sie lehrt diese verkehrte Sicht der Dinge, die wahre.

Maria war eine kluge Frau; so sinnreich, wie nur jemand sein kann, der sein Leben Antonio Tabucchi verdankt. Er ist ein Meister solch intermittierender Botschaften. Und die Geschichte, die er sich von Maria erzählt, gibt nicht nur dem Buch den Titel, in dem sie vorkommt. Sie ist zugleich auch die Figur des Hintergrundes für die elf sehr ungleichen Erzählungen, die scheinbar willkürlich Stimmen mischen, Orte, Kontinente wechseln; keine Zeit einhalten, Personen unsituiert lassen. Zwar spielt vieles aufeinander an, wie in einem Musiksatz. Motive, Sätze, Villen, Namen, Mittagsstunden, Bahnhöfe kehren, Reprisen und Modulationen gleich, wieder. Dennoch ziehen sich die Geschichten an, weil sie alle nach derselben Melodie erzählt sind. Ein Brief, ein Schlager, Fotos lassen die Wände der Gegenwart brüchig werden und Erinnerung oft unvermittelt eindringen. Doch der, welcher sie vorträgt, lässt sie, so unterschiedlich, wie sie sind, ins gleiche Dilemma geraten, so dass sie sich überblenden und zuletzt auf ihren Beweger, den Erzähler, verweisen. Er ist sie alle.

Aber es wäre nicht Tabucchi, würde er sich mit dieser Lesart schon zufrieden geben. Das Autobiographische daran scheint nur ein Lockmittel. Denn er tut alles, um Autobiographie gerade nicht aufkommen zu lassen. Was daran eigener Lebensinhalt sein mag - er ist ausgelagert, abgeführt in fremde Geschichten. Wenn trotzdem etwas auf ihn zeigt, dann der Blickwinkel, das Prisma, nach dem er alles bricht, was er durch die Sprache leitet. Sein Element ist die Perspektive. Er hat sich der Wahrheit verschrieben, dass alles eine Sache der Wahrnehmung ist. Und zieht, für sich, daraus die Konsequenz, dass nichts so genommen werden muss, wie es erscheint. Aus diesem Grund schreibt er Geschichten. Sie eröffnen Mal um Mal eine sprachliche Sehschule, wo Unterricht in Mehransichtigkeit erteilt wird. Im gegebenen Fall: eine Einführung in den Umkehrblick.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausstellung in Amsterdam Rembrandt als Verführer

Im Amsterdamer Rijksmuseum ist das phantastische Spätwerk des niederländischen Meisters zu sehen: Bilder, in denen das Auge zum Mitspieler wird bei der Verzauberung der Welt. Mehr Von Andreas Kilb

21.02.2015, 20:00 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Die Haut, in der ich wohne

Pedro Almodóvars Film Die Haut, in der ich wohne erzählt in Märchenfarben eine abseitige Geschichte. Antonio Banderas spielt einen Chirurgen, der für die Wiederherstellung seiner verstorbenen Frau vor nichts zurückschreckt. Mehr Von Dietmar Dath

18.01.2015, 10:36 Uhr | Feuilleton
Academy Awards 2015 Alles wie immer bei den Oscars?

Wer räumt bei den 87. Academy Awards die meisten Preise ab? Fest steht bereits: Es werden vor allem weiße Männer sein. Doch zumindest einen Knalleffekt könnte es geben. Mehr Von Verena Lueken

21.02.2015, 16:10 Uhr | Feuilleton
Einstürzende Neubauten Weltkriegs-Perfomance Lament

Mit ihren Stahlklang-Arrangements haben die Einstürzenden Neubauten Weltruhm erlangt. Der Gedanke, etwas zu vertonen, dass als Stahlgewitter in die Geschichte eingegangen ist, liegt daher nicht so fern. 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat die Band eine Musik-Performance geschaffen, die an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts erinnert. Mehr

05.12.2014, 15:46 Uhr | Feuilleton
Überraschender Kofferfund Die Tote vom Straßenrand

1966 wurde ein Frankfurter Zimmermädchen unter mysteriösen Umständen ermordet. Der Fall hielt damals die Stadt in Atem. Bei einem Umbau ist jetzt ein Koffer der Frau aufgetaucht. Mehr Von Denise Peikert

20.02.2015, 11:40 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.06.2000, 12:00 Uhr