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Rezension: Belletristik Schwarzfahren auf dem Kreuzweg

Andrzej Stasiuk war in frühen Jahren ein polnischer Punk. Dann wurde er ein Dichter. Sein neunter Roman heißt "Neun".

© Suhrkamp Vergrößern

Manche meinen, der Osten bebt. Blödsinn: Er lebt in Nöten. Gibt es keinen Ausweg als den Westen? Andrzej Stasiuk wußte einmal einen kleinen. Er war in frühen Jahren ein polnischer Punk. Dann wurde er ein Dichter. Das ist hart, aber romantisch. Er wurde 1960 geboren und wuchs in Warschau auf. Was das mit seiner Karriere als Schriftsteller zu tun hat, kann man in seinem Buch "Wie ich Schriftsteller wurde" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) nachlesen. Stasiuk lebt seit 1986 in einem Dorf in den Beskiden, hackt Holz und schreibt. Sein neuer Roman heißt "Neun". Es ist sein neunter. Die Leute auf dem Dorf nennen die Dinge beim Namen.

Die Leute in der Stadt sind komplizierter: In dem Roman kreuzen und verheddern sich die Lebensläufe von neun Menschen. Da sind: 1. Pawel, der trübe Geschäfte ohne Glück macht, 2. der kleine Dealer Jacek, 3. der große Dealer und Fettwanst Bolek mit seinem Kampfhund, 4. der Blonde, ein Schläger, 5. Packer, harmlos, 6. Boleks Betthase Syl, blond und jung, 7. die reife Prostituierte Irina, Boleks Traum, 8. Zosia, die Verkäuferin in Pawels Laden, sie lebt mit ihrem Kater zusammen, 9. Beata, Jaceks esoterische Freundin.

Vor zwei Jahren konnte man zum ersten Mal auf deutsch ein polnisches Wunder betrachten: Stasiuks Roman "Die Welt hinter Dukla". Mit "Neun" kehrt er nun in die Welt vor Dukla zurück. Hinter Dukla begann die Poesie fern der großen Städte. Stasiuk ging dort in den Ding-Gottesdienst des Ostens und wurde fündig. Er entdeckte das transzendentale Obdachlosenheim des Himmels und verwandelte den kleinen harten Flecken Erde darunter in einen Flohmarkt der Dinge, die an die Menschen erinnern: Alles bekam einen antiquarischen und also auch zukünftigen Wert, und wenn es nur Dosen und Plastikteile waren. Mit "Neun" geht Stasiuk in die Stadt, aus der er kommt, zurück. Das Buch ist Teil einer Erkundung des Ostens. Stasiuk ist nicht wehmütig, sondern wirklichkeitssüchtig. Er könnte den Osten hassen. Denn der Osten hat ihm das Leben schwergemacht. Aber er gibt den Osten nicht preis. Im Gegenteil: Leicht sei, so müssen wir Stasiuk verstehen, für lebendige Menschen gar nichts, nur der schnelle Tod.

Neun Menschen sitzen in ihrer Wohnung in Warschau, und die Geschäfte und der Zufall bringen sie zusammen. Nicht alle kommen mit heiler Haut davon. Stasiuk erzählt im ständigen Wechsel der Perspektiven. Pawel hat Schulden und wird deswegen verfolgt. Jacek dealt im falschen Revier und flüchtet vor Bolek und dem Blonden. Beata träumt. Bolek wirft Syl mit Packers Hilfe aus seiner Wohnung und rast in seinem BMW zur dunklen Irina, damit sie sein werde.

Nachdem er alle Farben und Stimmungen des Himmels über Warschau, wie es der Westler, der nur in die putzige Altstadt rennt, nicht kennt, beschrieben und nachdem er wahrscheinlich alle grauen und gruseligen Vororte und alle Straßenbahnlinien, die eisernen Schicksalslinien der Stadt, erwähnt hat, muß sich Stasiuk gesagt haben: Jetzt ist aber mal Schluß. Der Blonde nimmt Beata in die Mangel, was sie nicht überlebt. Pawel und Jacek rennen über die Dächer davon und kommen nicht wieder runter, weil sie keine Dachluke finden, die offensteht. Syl landet wieder im Hinterhof bei ihren Eltern, wo Katzen an Teppichstangen festgeknotet werden und Jugendlichen als strampelnder Zielkörper für ihre Luftpistolenübungen dienen. Packer geht einfach um die Ecke davon. Boleks rasanter BMW stößt auf einem Zebrastreifen mit Zosia und ihrem Kater zusammen. Irina ahnt davon nichts. Warschau ist groß, und jede Geschichte ist klein, wenn man sie dagegenhält. Das Leben rückt nur einige Felder weiter, und die Helden muß man deswegen nicht bis zu ihrem Tod begleiten. Alles ist schon jetzt gesagt.

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Veröffentlicht: 19.03.2002, 12:00 Uhr