11.08.2001 · Was bleibt, wenn man die Summe eines Lebens zieht? Bei dem einen, bei Edmund Gern, eine kleine Todesanzeige, bei der anderen, Edmunds Ehefrau Susi, der Martin Walser seine Stimme leiht, ein manchmal großer, oft auch nur langer Roman mit einigen Durststrecken. Aber das Leben ist nun einmal ohne Durststrecken ...
Was bleibt, wenn man die Summe eines Lebens zieht? Bei dem einen, bei Edmund Gern, eine kleine Todesanzeige, bei der anderen, Edmunds Ehefrau Susi, der Martin Walser seine Stimme leiht, ein manchmal großer, oft auch nur langer Roman mit einigen Durststrecken. Aber das Leben ist nun einmal ohne Durststrecken nicht zu haben.
Das Leben von Susi Gern, Jahrgang 1931, ist dasjenige eines Sonntagskinds, dessen "Lebensgrundgefühl: Anspruch auf Glück" ist: Stoff für einen Katastrophenroman also. Dies Leben und damit der Inhalt des Romans lassen sich mit den wenigen Worten umreißen, mit denen die mittlerweile achtundsechzig Jahre alte Susi einem Schönheitschirurgen ihren Lebenslauf als denjenigen einer Frau erzählen möchte, "die, weil sie einen Mann, den sie liebt, nicht mit anderen teilen kann, ihren Mann verloren hat und seitdem auf der Reise von Mann zu Mann unterwegs ist zu einem, den sie für sich hat, und was für Probleme das produziert, wenn diese Männer immer jünger und noch jünger sein müssen".
Der Mann, den Susi Gern liebt und über vier Ehejahrzehnte hinweg zu lieben niemals aufhören wird, ist fatalerweise ihr Ehemann Edmund: ein hochintelligentes großes Kind, erotoman und bibliophil - eine an sich nicht unsympathische Mischung, die aber leider fürs Eheleben untauglich macht. Und so locken denn Edmund im Zeichen der neuen Üppigkeit des Wirtschaftswunders schon bald die Wonnen des Gruppensexes fort vom Brot der frühen Ehejahre, während Susi doch wirklich nur das eine will: treu und harmoniesüchtig lieben zu dürfen und den Geliebten mit niemandem teilen zu müssen. (Man sieht schon hier: Wer Material zur Geschichte bundesrepublikanischer Geschlechterstereotypen sammeln will, kann sich bei dieser Lektüre die Finger wund exzerpieren.)
Dennoch dauert diese Ehe auf wundersame Weise von den fünfziger bis in die neunziger Jahre fort, wobei Susi sich mehr oder weniger von ihrem Willen zum guten Ausgang leiten läßt beziehungsweise ihm zum Opfer fällt, während Edmund der Devise folgt, seiner "Schnucke" könne ohnehin keine andere das Wasser reichen. Über allem steht Edmunds Satz: "Mord ja, Scheidung nie. Und sie hätte ihn gern gestreichelt für diesen Satz. Hatte sie aber nicht."
Denn sie will ja selbst gestreichelt werden, und da von Edmund nichts mehr zu holen und nur noch wenig zu hoffen ist, holt sie sich's, auf dessen eigenes Anraten hin, eben von anderen Männern - Männern, die sie sich auf der Straße, in Bars, schließlich nur noch per Annonce sucht. So beginnt denn die Reise von Mann zu Mann, und da Susi, die große Liebende und Schenkende, der das Treusein Spaß macht, in den Nächten fortan damit beschäftigt ist, "es den Männern recht zu machen", liegt bei allem Jubel stets neuer Verliebtheit doch ein Grauschleier über den Geschichten, die Walser Susi mit ihren Liebhabern erleben läßt. Das hängt freilich auch damit zusammen, daß die Charaktere von Susis Liebhabern recht blaß bleiben, auch wenn oder gerade weil Walser ihnen gern exotische Hintergründe zuweist. Susis Wünsche und Sehnsüchte zielen ja ohnehin durch diese Annoncenmänner hindurch auf etwas ganz anderes: "Sie will überhaupt nirgendwohin als heim."
Das begreift der Leser leicht und bald und langweilt sich deshalb auch ein wenig mit all diesen Kläusen und Shankars und Dirks, zumal Walser die erotische Spannung in Susis Liebesbeziehungen erzählerisch weitgehend im dunkeln läßt. Irgendwo heißt es, Susi habe "von Anfang an gefunden, die Welt sei eher schrecklich. Die einzige Ausnahme: Das Geschlechtsleben. Das war anders als alles andere." Walser erzählt von diesem anderen des erotischen Glücks wenig und viel von der Suche danach. So fällt Susis Bilanz ihres Lebenslaufs der Liebe eher trist aus: "Wenn sie jetzt diese Glücksmomente aneinanderreihte, wie wenig kam da zusammen."
Ihre unbegrenzte Liebesfähigkeit allein reicht freilich nicht aus, um eine Figur über 520 Seiten hinweg interessant zu machen. Hier ist nun zu sagen, daß Walser mit der Wahl seiner Hauptfigur eine künstlerisch in höchstem Maße riskante Entscheidung gefällt hat. Es ist nicht jedermanns Sache, sich für eine Düsseldorferin mit Orthographieschwäche und fehlender Allgemeinbildung zu interessieren, die im pinkfarbenen Porsche beigesetzt zu werden wünscht, von Politik keinen blassen Schimmer hat und deren künstlerischer Sachverstand mit folgendem Satz hinreichend charakterisiert ist: "Sie selber hatte noch nie einen ganzen Roman gelesen." Warum also, bei solcher Einschränkung der intellektuellen Bandbreite und damit naturgemäß auch der Welthaltigkeit, Walsers Suse-Roman lesen?
Es fällt manchmal tatsächlich nicht leicht. Man verliert, sagen wir es frei heraus, denn doch gelegentlich die Geduld mit diesem nimmermüden Stehaufweibchen der Gefühle in seiner Naivität und Harmoniesucht, seiner Leichtgläubigkeit und jedesmal neu aufflammenden Hoffnung, seiner Anpassungsfreude und seinem "Trotzallemjubel": "Ihr Glück war immer, entsprechen zu können." Das Glück des Lesers fördert das nicht unbedingt, denn Susi Gern ist nun einmal in gewisser Hinsicht so wenig lernfähig wie die Tunichtguts im barocken Schelmenroman - Simplicissima und Mutter Courage zugleich -, und entsprechend repetitiv fallen die Männergeschichten in Susis Leben auch aus. Wenn sie diese im Grunde gleichgültigen Figuren liebhaben will, was geht es uns an? Sie könnte es längst besser wissen, und Walser könnte ohne nennenswerten Verlust kürzer davon erzählen. Vor Anflügen von Überdruß schützt den Leser auch nicht die Einsicht, daß in Susis mangelnder Lernfähigkeit auf dem Felde der Liebe gerade ihre besondere Stärke besteht.
Hinzu kommt, daß Walser in diesem Roman einer Neigung zum Überexpliziten nachgibt. Susi Gern ist eine Frau ohne Geheimnis, und wenn sie eins hätte: Walser würde es sofort ausplaudern. Er begibt sich so distanzlos in alle Winkel der Seele seiner Heldin, wie sonst nur der unlängst verstorbene Einar Schleef in diejenige seiner Gertrud, und so bleibt denn nichts unentdeckt und unausgesprochen. Die Kunst der Auslassung ist in diesem Roman Walsers Sache nicht, und so möchte der Leser auf vielen Seiten ungeduldig abwinken: Schon begriffen! Längst verstanden! Und dennoch. Dennoch schafft es Walser, den Leser mit dieser Blödesuse, Geilesuse, Heulsuse und Lachsuse in ihrer Lebensgier und Liebessehnsucht mitlieben und mitleiden, mithoffen und mitwarten zu lassen wie mit kaum einer anderen Frauengestalt in der jüngeren deutschen Literatur. Besonders mitwarten: Walser kann vom Warten erzählen, daß es dem Leser die Seele zerfetzt. Es gelingt ihm dies allein dadurch, daß er Susi Gern behandelt, wie sie behandelt zu werden wünscht: mit Respekt. Denn nur dies eine erträgt Susi nicht: wenn ihr Respekt verweigert wird. Den aber bringt ihr Walser so bedingungslos entgegen, wie Susi Gern liebt. Ob sie ihrer Sehnsucht nach "Pelzen, Porsche und Brillanten" oder ihrem Schal-, Handtaschen- und Schuhtick nachgibt, ob sie sich in ihrem empirieresistenten Glauben, daß es den Richtigen für sie gebe, in einen Kellner verknallt, ob sie die auf den Teppich gepflanzten Haufen ihrer Katzen aufwischt oder den Urin ihres von Prostata und Parkinson geplagten Edmund, mit keinem Wort denunziert Walser jemals seine Heldin, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen. Er will sie nicht anders, als sie ist, und gibt ihr damit in allem, was sie tut, eine große humane Würde. Martin Walsers Roman "Der Lebenslauf der Liebe" ist, mit einem Wort, ein verteufelt humanes Buch. Es setzt die Gefühle in ihrer Unbedingtheit gegen allen Realitätsdruck vollkommen in ihr Recht und verleiht damit seiner liebeswunden Heldin Anmut und Würde. Man mag Susi Gern am Anfang zum Teufel wünschen, am Ende wird man ihr den Respekt nicht versagen. Und vielleicht wird man sie sogar ein wenig lieben.
Denn was Walser seiner Heldin aufbürdet, was er sie alles mit Hilfe ihrer Liebesfähigkeit und Lebenssehnsucht bewältigen läßt, das ist nicht eben wenig. Da ist der priapeische Ehemann, der sich noch als Sabbergreis zur Weihnachtsmusik Pornovideos reinzieht und sich im übrigen in seinem letzten Lebensjahrzehnt damit beschäftigt, sein Millionenvermögen wegzuspekulieren, bis nur noch Schuldenmillionen und Sozialhilfe übrig bleiben. Da ist der mißratene Sohn Andreas, der ins Rotlichtmilieu absackt und am Ende nach Südamerika entschwinden muß, und da ist die geistig behinderte und doch merkwürdig gewitzte Tochter Conny, die immer an der Seite ihres "Muttertiers" bleiben wird. Susi und Conny, Mutter und Tochter: das ist die schönste und reinste Liebesgeschichte in diesem mit scheiternden Liebesgeschichten vollgestopften Buch, und in ihr hat der alte Meister Martin Walser seine ganze Lebensklugheit entfaltet; allein um ihretwillen lohnt sich unbedingt die Lektüre dieses Romans.
Am Ende aber belohnt Walser sein Sonntagskind für dessen unbeugsamen Willen zum guten Ausgang mit einem Ereignis, das einem Happy-End ziemlich ähnlich sieht. Da geht die nun fast siebzigjährige Susi nämlich eine Ehe mit einem vier Jahrzehnte jüngeren Marokkaner ein, und diese Harold and Maude-Story erweist sich als haltbar bis an die Grenzen des Romans und hoffentlich darüber hinaus. Wenn dies lebensgeschichtliche Wunder einem Happy-End nur ähnlich sieht, dann deshalb, weil Walser mit großer Eindringlichkeit die furchtbaren Ängste und Verletzungen erzählerisch vergegenwärtigt, mit denen ein auf solchen Asymmetrien beruhendes Glück erkauft werden muß.
Den Schluß aber bildet der 31. Dezember 1999, und da läßt Walser in einem Anfall von Hurenromantik eine Edelnutte den Satz sprechen: "Das Ende ist immer das Schönste." Er taucht damit das Ende seines eigenen Romans in ein ironisches Licht, denn es ist tatsächlich so schön, daß wir über seine Wahrheit lieber nicht nachdenken wollen. Hier nimmt der große Erzähler noch einmal furchtlos den Kampf mit der Sentimentalität auf und unterliegt als strahlender Verlierer. So nimmt man denn ungern Abschied von Susi Gern, über die man sich oft geärgert, mit der man sich nicht selten gelangweilt, mit der man gewartet, gehofft und geliebt hat: mit Respekt und Trotzallemjubel.
Martin Walser: "Der Lebenslauf der Liebe". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 527 S., geb., 49,80 DM.