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Rezension: Belletristik : Schluck für Schluck

  • Aktualisiert am

A. F. Th. van der Heijden schenkt aus · Von Dirk Schümer

          Der Roman fängt mit einem Kater an und hört mit einem Besäufnis auf. A. F. Th. van der Heijden, könnte man meinen, nimmt es mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung nicht so genau. Wie dem Helden Ernst Quispel, der aus einer Art Alkoholvergiftung erwacht, wankt auch dem Leser von Beginn an der Boden unter den Füßen. Wer selbst zuweilen über den Durst trinkt, kennt das Gefühl: Irgend etwas Furchtbares ist geschehen, aber die Erinnerung ist gelöscht. "So naß er auch war, die Haut voll stinkendem Schweiß, so trocken schien er innerlich" - der Autor erspart uns kein Detail der Qualen des Entzugs: "Denn wenn er sich bis weit unterhalb seines Zwerchfells, bis tief in die Lungenspitzen hinein, ja sogar bis in die Därme zugekorkt fühlte, so kam das von seiner völlig ausgetrockneten Mundhöhle, die nicht beim Zäpfchen endete, sondern mit den Eingeweiden eins zu werden schien."

          Die folgenden 616 Seiten des Romans widmen sich der schicksalhaften Vorgeschichte dieses fürchterlichen Katers. Wer bis zum abschließenden Besäufnis dabeibleibt, wird die Beschreibungen jeder erdenklichen Sinneswahrnehmung lesen, die Alkohol im menschlichen Wahrnehmungsapparat auslösen kann - ein ähnlicher Text wäre entstanden, hätte Proust statt Tee und Madeleine russischen Wodka bevorzugt.

          Van der Heijden läßt sich viel Zeit mit der Exposition der Handlung: Der Amsterdamer Anwalt Ernst Quispel ist krank. Eine jährlich wiederkehrende Euphorie zwingt ihn dazu, drei Wochen wodkatrinkend und schwadronierend durch die Kneipen seiner Stadt zu ziehen, jeden Kontakt zu seiner bürgerlichen Existenz meidend und Unsummen verschleudernd. Sein jüngster Annualsuff fällt zusammen mit der Räumung eines von Punkern besetzten Untersuchungsgefängnisses; der linke Anwalt Quispel nahm - eine typisch niederländische Konstellation - die juristischen Interessen der Anarchisten wahr, was aber im Tumult der polizeilichen Räumung und im alkoholbedingten Gehirnschwurbel nicht recht gelingt. Als Quispel zu sich kommt, ist einer der Punker tot, gestorben in einer Polizeizelle. Die Hähne, so nennt der Volksmund die Jugendlichen mit dem gefärbten Haarkamm, fordern Vergeltung.

          Auf der äußerlichsten Ebene ist dieser vielschichtige Roman ein Thriller, dessen Handlung Licht in die Todesart des Punkers Kiliaan Noppen bringt. Quispel ist der Detektiv, wird mit Gefahren für Leib und Leben seiner Frau Zwanet, seiner kleinen Tochter bedroht, kann am Ende aber einen Mörder präsentieren. Über die versuchte Vertuschung der Angelegenheit stürzt die halbe Regierung. Van der Heijden hält die Spannung mit einem einfachen Trick aufrecht: Mit jedem Kapitel wechselt die erzählte Zeit; eine Hälfte des Buches zeigt die Ermittlungen nach der Tat, die andere führt bis zur Aufklärung auf sie zu.

          Doch der Krimi ist für van der Heijden nur ein Köder. Indem er von Quispels Odyssee (gab es nicht schon einmal einen Roman, der von den Erlebnissen eines Helden in den Kneipen einer europäischen Hauptstadt handelt?) - indem er also von Quispels Odyssee durch Amsterdam erzählt, schreibt er beiläufig den niederländischen Zeitroman. Wie viele aus der aufsässigen Generation der siebziger Jahre wird Quispel gut von der staatlichen Hand gefüttert, die er als linker Modeanwalt beißt: In einem Majestätsbeleidigungsprozeß verteidigt er einen Dramatiker, der später unter den Augen der Königin ein Libretto für die Einweihung des Amsterdamer Opernhauses liefert und mit der beleidigten Monarchin schlagfertig plaudert.

          Es gibt Drogenprozesse, Mordattacken auf Rechtsradikale - und doch führt der Bürgerschreck Quispel ein höchst bürgerliches Dasein in einer Jugendstilwohnung hinterm Rijksmuseum, mit gutem Essen und jährlichem Urlaub am Mittelmeer. Ohne je explizit zu werden, ironisiert van der Heijden in Gestalt Quispels, dieses glücklich verheirateten Schürzenjägers, des anarchischen Advokaten, des abstinenten Quartalssäufers, des hedonistischen Moralisten die Lebenslügen seiner Leserschaft.

          Im allgemeinen wie im besonderen hat van der Heijden das Schicksal Quispels mit der Zeitgeschichte aufs engste verwoben. Unbefangene deutsche Leser bekommen nicht mit, wie sehr das Buch streckenweise zum politischen Schlüsselroman mutiert. Der Amsterdamer Grachtengürtel mit seinen Buchverlagen, Zeitungsdredaktionen, Kanzleien, Politikern bedeutet das gesellschaftliche Parkett par excellence. Dieser Kosmos wird während seiner Anfälle zu Quispels "Totalkneipe". Niederländer können jede Anspielung auf Enthüllungsjournalismus, auf bestimmte Biersorten verstehen, sie kennen die soziale Färbung jeder Grachtenstraße. Und wenn Quispel am Schluß vor der Sucht auf die Nordseeinsel Schiermonnikoog flieht, dann weiß jeder Literaturliebhaber, daß mit dem alten Hotel Starkenborgh in Wahrheit das legendäre "Van der Werff" gemeint ist, in dem Hollands Kunst- und Kulturelite die Jahresfeste bei geselligem Trunk zu verbringen pflegt.

          Um die Virtuosität von van der Heijdens Wahrheitsstil durchschaubar zu machen, hätte man sich vom Verlag ein Glossar und am besten noch gleich einen Stadtplan gewünscht. Dann wüßte man gleich, daß mit "Arti" nicht der Amsterdamer Zoo gemeint ist, sondern der gleichnamige Künstlerclub "Arti et amicitiae", wo auch der echte van der Heijden dann und wann ein Gläschen trinkt.

          Die gelungene Mischung aus Krimi, Großstadtprosa und Zeitroman wäre für ein Buch schon viel. Doch ist van der Heijden nicht nur ein mit allen Feuerwassern der Romantheorie gewaschener Erzählkünstler, sondern vor allem ein genialer Beschreiber. Wie in der altniederländischen Malerei erweist sich seine Qualität erst an konkreten Gegenständen. Er ist ein Autor, der mit dem ganzen Körper schreibt, ob es um die Luftmischung im Magen eines Verkaterten geht oder um die Prügelszenen beim Straßenkampf. Ohne Eile nimmt van der Heijden immer wieder das Tempo aus seinem spannenden Plot und weiht sich den Details, läßt freien Assoziationen in Gedächtnis und Phantasie ihren Lauf, was vor allem den zahlreichen erotischen Passagen sehr zugute kommt.

          Leider, und das ist eine unerklärliche Schwäche bei einem Autor dieser Qualität, gibt es Frauen für van der Heijden nur als Kulisse. Seine wichtigste weibliche Gestalt ist ohne Charakter. Zwanet, die verständnisvolle Ehefrau Quispels, hat im ganzen Buch nichts anderes zu tun, als keine überflüssigen Fragen zu stellen, schön zu sein, den Kinderwagen zu schieben, zum Friseur zu gehen. Solche Frauen mag es ja geben, aber man versteht nicht, warum halb Amsterdam dieses Hascherl verehrt und warum sie die Macht haben soll, schließlich Quispels Schicksal zu besiegeln.

          Die niederländische Literatur - und das ist meist nicht von Übel - bevorzugt von jeher das calvinistisch schlichte, pointenlose Erzählen. Van der Heijden ist der einzige Gegenwartsautor, der in seiner Beschreibungslust mit den besten seiner ausländischen Kollegen - wie mit Nádas oder HØeg - wetteifern kann. Diese Prosa ist so sinnlich wie wahrhaftig. So wie die Krimi-Handlung am Ende souverän gelöst wird, so stimmt auch jedes atmosphärische Detail, souverän übertragen von Helga van Beuningen.

          Der Suff liefert nicht allein den Schlüssel für den Tod eines Punkers, er ruiniert letztlich auch das Leben des Anwalts. Es ist diese Stimmung der latenten Gefahr, des drohenden Absturzes aus gesicherten Verhältnissen, die aus dem "Anwalt der Hähne" ganz unaufdringlich ein sinnbildliches Werk macht; Symbole - man denke nur an die biblische Bedeutung des Hahns - leiten unmerklich die Erkenntnis. Während Quispel und mit ihm die Leser bald doppelt sehen, läßt sich der exakte van der Heijden kein bedeutungsvolles Detail der Sinnenwelt entgehen. Sogar die jährlichen Saufexzesse sind nur ein Gleichnis: Die wahre Angst ist die vor dem abstinenten Alltag, vor einem Luxustod zu Lebzeiten.

          Adornos Ahnung, daß die Dinge verschwinden, scheint van der Heijden zu teilen: "Wo war jetzt, da das Geld vorhanden war, um die alten Kulturdenkmäler zu besichtigen, das alte Europa geblieben, die Alte Welt? Und wo, nun, da ein teures Flugticket kein Problem mehr darstellte, die exotische Ferne?" Und doch widerlegt das ganze Buch die Botschaft von der "Ironie des Wohlstands". Aus der wattierten, geschmacklosen Welt ohne Tragik kann man immerhin noch in den Text flüchten, in dem der Wodka oder die Liebe wieder nach etwas schmecken. Das ist die versteckte Utopie, die dieses Buch bietet. Der Autor kommt am Ende also doch nicht darum herum, als niederländischer Moralist seine eigene Generation, "saturiert von einem Zuviel an Nichts", vor der Vanitas zu mahnen. Wohl deshalb hat er seinen vollständigen Romanzyklus "Die zahnlose Zeit" genannt; ihr fehlt der Biß, sie lullt uns ein und macht uns unglücklich.

          "Der Anwalt der Hähne" ist der dritte Band einer ehrgeizigen Tetralogie, deren vorläufiger Schlußteil in diesen Tagen in Amsterdam erscheint. Einigen der zahlreichen Nebenfiguren wird in den anderen Bänden ihr eigenes Universum ausgestaltet. Dann erst wird man van der Heijden mit derselben Hemmungslosigkeit genießen können, wie das die letzten Worte dem "Anwalt der Hähne" empfehlen: "Schluck für Schluck".

          Adrién Francis Theodor van der Heijden: "Der Anwalt der Hähne". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 619 S., geb., 58,- DM.

          Der Anwalt der Hähne

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1995, Nr. 293 / Seite B5

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