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Rezension: Belletristik : Religion am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Jon Fosses Roman "Melancholia" / Von Thomas Irmer

          Der Dramatiker Jon Fosse nimmt gerade seinen Weg über die deutschsprachigen Bühnen. Es hat ein paar Jahre und einiges Geschick des Rowohlt-Theaterverlags gebraucht, ihn hier im richtigen Moment entdecken zu lassen. Denn Fosse bietet im leicht wiedererkennbaren Grundton seiner bislang zehn Stücke eine Alternative zu den überhitzt lauten und oft gewalttätigen Geschichten seiner britischen und deutschen Kollegen. Regisseure und Schauspieler sind fasziniert von der klaren Sprache, die mit ihren Wiederholungen und Pausen sehr musikalisch wirkt, und von der Rätselhaftigkeit seiner Bühnengeschichten, von denen "Der Name" derzeit am häufigsten inszeniert wird.

          Fosses Material entstammt seiner westnorwegischen Heimat mit ihren kleinen Gemeinden an abgelegenen Fjorden. Sein Thema ist jedoch universell: spirituelle Verlorenheit und Außenseitertum in scheinbar nestwarmen Gemeinschaften, von denen die Familie seit Ibsens Rückgriffen auf die Antike auch bei Fosse die dramatisch ergiebigste Konstellation für das Theater bleibt.

          Sein poetischer Minimalismus wurde mit der Formel "Ibsen, durch die Brille Becketts gesehen" geadelt und von begeisterten Theaterprofessionellen etwas voreilig als wegweisende Dramatik des einundzwanzigsten Jahrhunderts empfohlen. Kurios ist, daß der Erfolgsdramatiker zur Arbeit für die Bühne von einem Freund erst überredet werden mußte. Denn bevor im Jahre 1994 das Stück "Und wir werden uns niemals trennen" in Bergen von dem Regisseur Kai Johnsen uraufgeführt wurde, war Fosse in Norwegen vor allem als Lyriker und Prosaschriftsteller bekannt. Mit seinem ersten Roman "Rot, Schwarz" (1983) und nachfolgenden Essays hatte der damals 24 Jahre junge Autor sich von dem quasidokumentarischen Realismus, der in der norwegischen Gegenwartsliteratur vorherrschte, so weit weg geschrieben, daß die Kritik seine literarische Position als "scream of consciousness" bezeichnete. Die Dominanz der sprachlichen Gestaltung über eine äußerlich reduzierte Handlung und das Insistieren darauf, in erster Linie "Text zu schreiben" anstatt zu erzählen, irritierten zunächst ebenso wie das Umkreisen gnostischer Motive. Der in Bergen wohnende Autor galt als der erste "postmoderne" Schriftsteller Norwegens, und das ist - gerade bei allen stilistisch nur in etwa zutreffenden Vergleichen mit Thomas Bernhard - so stimmig wie ein Fjord als Freizeitbad.

          Seit 1990 hat Fosse beinahe jeden wichtigen Literaturpreis Norwegens erhalten, den für ihn als Dramatiker auch eine Art Erblast darstellenden Ibsen-Preis 1996 noch dazu. Kurios ist in diesem Zusammenhang auch, daß vor ein paar Jahren bereits ein Band mit Erzählungen in deutscher Übersetzung herauskam und praktisch unbeachtet blieb. Die vom Autor so genannten Hundemanuskripte "Von Kötern, Kläffern und feinen Hundedamen" erschienen, aufgemacht wie ein Kinderbuch, im Hamburger Carlsen Verlag und wurden von Internet-fähigen Dramaturgen erst geordert, als sie sich mit seinen Stücken zu beschäftigen begannen.

          "Melancholie" ist nun der große Auftritt des Dramatikers als Romancier, und wer ersteren auch nur ein bißchen kennt, wird sich in den anderen schnell vertiefen können und wollen. Eine Voraussetzung für diesen - auf den ersten Blick - Künstlerroman ist das freilich nicht, vielmehr eine Möglichkeit, die sich mit ihrer Verlorenheit quälenden Schriftstellerfiguren in "Der Name" und "Die Nacht singt ihre Lieder" mit der inneren Welt des Landschaftsmalers Lars Hertervig zu vergleichen.

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