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Rezension: Belletristik Raumgeist, mit den Orten im Bunde

18.04.1998 ·  Amulette gegen die Dämonen des Weltverlustes in der Literatur - Peter Handkes Diarium der achtziger Jahre · Von Lothar Müller

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Dieses Buch ähnelt einem Brief, den jemand vor geraumer Zeit geschrieben, dann liegengelassen und schließlich doch abgeschickt hat. Es enthält eine Auswahl der Aufzeichnungen, Skizzen und Reflexionen, die Peter Handke zwischen August 1982 und November 1987, in den letzten fünf seiner insgesamt acht in Salzburg verbrachten Jahre, in seine Notizbücher eingetragen hat. Drei Viertel der damaligen Notate hat er bei der Sichtung nach über zehn Jahren ausgeschieden.

Auf den verbliebenen gut fünfhundert Seiten ist dann und wann ein leises Echo Geschichte gewordener Ereignisse zu hören: des Falklandkrieges, der Debatten um Aufrüstung und Weltvernichtung, der Kontroversen um Kurt Waldheim. Aber das sind Nebengeräusche. Das Felsfenster am Salzburger "Mönchsberg", aus dem das Ich dieser Notate blickt, ist auf die "Zeit außerhalb der Geschichte" geöffnet. Über weite Strecken ist dieses Ich mit sich selbst allein. Nur schemenhaft tauchen Freunde, Nahestehende auf. Selbst die Tochter "A.", die eine deutschsprachige Schule besuchen soll und so den äußeren Anlaß für diese Jahre der Seßhaftigkeit liefert, verschwindet eher in ihrem "Kindsein", als daß sie individuelle Konturen gewönne. Es gibt knappe Eintragungen zu den Toden von Beuys und Tarkowski. Aber wenn dieses Ich überhaupt Zeitungen liest, dann mit dem gequält-widerstrebenden Gefühl dessen, der gegen alle Vorsätze einem Laster frönt, das er sich längst hatte abgewöhnen wollen.

Ebensoweit vom Journal intime wie von der Chronik der laufenden Ereignisse entfernt, stellen diese Notizen dem Zeitungsleser den besseren, den wahren Leser gegenüber: den Schriftsteller, der die Welt neu erfindet. Sie lassen sich als ein Kompendium der Quellen zu Peter Handkes Büchern aus den achtziger Jahren lesen. Ausführlich dokumentieren sie die Lektüre des Sohar, der Vorsokratiker und des römischen Autors Columella, des Verfassers jener Abhandlung zur Obstzucht, der eines der Motti des Buches "Die Wiederholung" (1986) entnommen ist. Goethes Tasso taucht auf, der die Genesungsgeschichte im "Nachmittag eines Schriftstellers" (1987) an die großen Traditionen des poetischen Enthusiasmus zurückbindet. Man begegnet jenem chinesischen "Buch vom südlichen Blumenland", aus dem das Motto zum Gegenwartsmärchen "Die Abwesenheit" (1987) entnommen ist. Zudem finden sich zahlreiche Selbstkommentare des Übersetzers, der René Char und Emmanuel Bove aus dem Französischen, Walker Percy aus dem Amerikanischen und den "Gefesselten Prometheus" des Aischylos aus dem Griechischen überträgt.

In die Selbstvergewisserungen des Lesers sind dann und wann Prosaminiaturen eingestreut. Eine verletzte Frau mit umstehenden Passanten, eine triste Gasthausszene, verstörende Begegnungen mit Wunderlichen und Wahnsinnigen, ein verträumter Nachmittag an einem See. Aber diese abbrechenden Anläufe und mehr oder weniger durchgearbeiteten Entwürfe sind nicht das Zentrum des Buches. Sein Zentrum sind die hartnäckigen, mit der Ausdauer strenger Minimal Music variierten Beschwörungen der heilenden und "heiligenden" Kraft des geglückten Erzählens.

Schon in den "Phantasien der Wiederholung" (1983), dem vorangegangenen, sehr viel schmaleren Notizheft, stand vor allem Kafka für die große Last, die Handke bei seiner Neuerfindung der Formen des Epos, der Erzählung und des Märchens glaubte abschütteln zu müssen: "Ich hasse Franz Kafka, den Ewigen Sohn." Nun wird Kafka zur faszinierenden, gleichwohl zu meidenden "Sumpfblüte" einer literarischen Epoche, die von der "Auflehnung und Empörung gegen das Geboren- und In-der-Welt-Sein" geprägt und von Ironie, Formzerstörung und Sprachskepsis getränkt war: "Knüpft endlich woanders an!"

Es gibt viele Sätze in diesem Buch, die um die Position des Schlüsselsatzes bei der Wiederentdeckung des einverständigen "Auf-der-Erde-Seins" der alten Epik konkurrieren. Einer ist als Widerruf einer Verszeile Rilkes konstruiert: "Keine Bange vor der Schönheit; sie will nur erforscht werden. Das Schöne ist nicht des Schrecklichen Anfang." Alle Bilder, in die Handke die Niveadose oder das Birkenkätzchen, das Sägemehl einer Unfallstelle oder die Fußstapfen im nassen Schnee bannt, sind magische Amulette gegen die Dämonen des Weltverlustes in der modernen Literatur.

Es ist etwas Obsessives, dem willentlichen Vergessenwollen Ähnliches in diesem entschlossenen Kreisen um die Utopie der absichtslos geglückten Anschauung. An den Rändern dieser Aufzeichnungen gibt es Rückblicke auf "die Zeit an der Sprachgrenze", eine verstörende Sprachkrise des Autors. Möglich, daß hier dem Zweifel an der Sprache, der alle Selbstgewißheit des Erzählens unterminiert, in der Weise die Tür verschlossen wird, wie man im Hause eines Rekonvaleszenten die eben überwundene Krankheit nicht erwähnen darf. Das absolute Sprachvertrauen ist zurückgekehrt, aus der prosaischen Muttersprache die überhöhte "Mutter Sprache" geworden.

Das Ich dieser Aufzeichnungen will zum Stifter einer neuen epischen Tradition werden, indem es die in der Literatur der Goethezeit, in der alten Epik und im Formenrepertoire des Mythos und der Religion vorgezeichneten Wege noch einmal geht. Sein Anspruch ist durchaus unbescheiden: "An meiner Sprache soll eine Nation erscheinen, eine nicht verwirklichte, außer eben durch meine Sprache." Das ist, anders als man Handke in den achtziger Jahren häufig vorwarf, das Programm nicht eines ins Abseits flüchtenden Träumers, sondern eines kulturellen Reformators. Die polemische Energie, die hier wie stets der reformatorischen entspricht, richtet sich vor allem gegen Thomas Bernhard. Ihn haßt Handke, ohne ihn einer näheren Betrachtung zu würdigen, als eine Figur der "Nicht-Literatur", deren "entschlossen-demagogisches Erzählen" leere Tirade, ja "form- und sittenverderbend" sei.

Bernhard ist aber nur der bestgehaßte Ausläufer einer Tradition der österreichischen Literatur, die Handke in diesen Aufzeichnungen insgesamt abweist: anders als Karl Kraus will er die Phrase nicht im Zitat vernichten, sondern durch Nichtachtung exorzieren; anders als Musil das Erzählen nicht im Bündnis mit den Wissenschaften, sondern gegen sie reformieren. Unter den Österreichern studiert er vor allem Grillparzer und Hofmannsthal, dem er freilich das Umtriebige und die "hauptstädtische" Lust am Anekdotischen nehmen muß, um nur noch den Anwalt des Gleichnishaften der Sprache zurückzubehalten. Denn je älter Handke wird, desto mehr soll, wovon er erzählt, nicht Ereignis, sondern Gleichnis sein. Er ist schon in diesem Journal auf der Suche nach seinem Altersstil. Doch wenn es ein Wort gibt, das ihm dabei zur Parole wird, dann ist es die "Kindlichkeit". Ohne sich durch die Amtsinhaber Goethe und Stifter irritieren zu lassen, begreift er es als Zustand innerweltlicher Gnade, "daß ich kein Amt habe und immer noch kindhaft bin".

Die "Wiederholung", um die Handkes Poetik kreist, ist als Wiedergewinnung der Kindheit gedacht. Sie folgt dem Modell der immer neuen Wiederkehr des Gleichen. Von allen negativen Beimischungen des Monotonen gereinigt, erscheint sie als Jungbrunnen der von ihren modernen Formexperimenten erschöpften Kunst. Mit erkennbarem Stolz heißt es einmal: "Mit der Vermeidung von Worten wie ,auf einmal', ,plötzlich' usw. erst war er Schriftsteller geworden." Der Unduldsamkeit gegenüber allem Synkopischen, die auch die Abwehr des Jazz einschließt, entspricht die Berufung auf das schlichte, kontinuitätssichernde "und", das im "Parzival" die Sätze verbindet.

Es gibt in Handkes neuem Reich des Erzählens die modernen Dinge und Figuren, die Unfälle und ihre Opfer, die Autobahnen und Vorstädte, die zersiedelten Landschaften und zerbrochenen Leben. Aber der davon erzählt, kommt aus einer anderen Welt. Wie die Mythologie ist er nicht mit der Zeit, sondern mit den Orten im Bund, sein Ideal ist das Verschwinden der Zeit im Raum: "Seid ihr der Zeitgeist - ich möchte der Raumgeist sein."

Mit ebenso beeindruckender wie befremdlicher Konsequenz hält Handke, wenn er den Talmud, die chassidischen Legenden, die Schriften der christlichen Mystiker und der Weisen des Ostens liest, daran fest, die "Schrift" als Sphäre der dauerhaften Rettung des Lebens ins Bild möglichst weit vom "tagtäglichen" flüchtigen Sprechen zu isolieren. Per Dekret setzt er fest: "Das Böse hat in der Schrift nichts zu suchen. Es muß daraus verjagt werden, ins bloße Sprechen." Dem Sprechen ordnen diese Aufzeichnungen die Ironie, dem Schreiben die Leidenschaft zu. Wortspiele, wie sie aus der Alltagssprache erwachsen, erscheinen als Zeichen von Schwäche. Sie gehören der Welt der Undeutlichkeit, des Geredes und der Zweideutigkeit an. Man muß sich das Rauschen des trüben Flusses der alltäglichen Rede im "Ulysses" oder in "Berlin Alexanderplatz" ans Ohr halten, um sich des anderen Jungbrunnens der modernen Epik zu erinnern, den sich Handke mit seiner Abdichtung der Sprache des Erzählers gegen das Sprechen verschließt.

"Ich bräuchte einen kritischen Freund; und da ich keinen habe, bin ich mir das selber." Dieser kritische Freund, den Handke selbst nicht ersetzen kann, fehlt diesem umfangreichen Buch. Er hätte das darin verborgene schmale poetische Brevier hervorziehen können. Er hätte eine Stimme des Überdenkens sein können und wäre dem Rühmen, Preisen und Lobsingen gelegentlich ins Wort gefallen, mit dem das Ich die "heiligende" Schrift wie mit einem Schutzwall umgibt. Er hätte allzu rasche Urteile und flache Lektüren erschwert, etwa die Abfertigung von Kant und Aristoteles als "dumm" wie überhaupt die Selbstgewißheit des Dichters im Umgang mit der Philosophie. Und er hätte den Liebhaber des Griechischen, des Lateinischen und des rhythmischen Periodenbaus davor gewarnt, die leibhaftige deutsche Sprache am Ende wie eine tote Sprache zu kultivieren, die nur noch in der Schrift und der Erinnerung lebt.

Im Jahrzehnt nach dem hier dokumentierten Aufbruch zur "Wiederholung" ist Peter Handke auf Reisen gegangen und hat, vor allem in den schlanken "Versuchen" über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag, die befreiende Wirkung der Entlastung von Kafka und den Dämonen der Moderne ausgekostet. Ein Freund würde dem Dichter raten, auch in seiner Poetik die Seßhaftigkeit zu meiden, statt sich in der "heiligenden" Schrift allzu häuslich einzurichten.

Peter Handke: "Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982-1987)". Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1998. 541 S., br., 58,- DM.

Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982-1987)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.1998, Nr. 90 / Seite V
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