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Rezension: Belletristik : Professorenbüste im Sturzflug

  • Aktualisiert am

Stilfrage: Gilbert Adair verschlüsselt Paul de Man

          Bislang waren Romane wie Boutiquen, die eine bestimmte Ware verkauften: Abenteuer, Sex and Crime, romantische Liebe, historische Sujets. Nicht nur die Boutiquen überwinden ihre ökonomische Krise, indem sie sich zum Warenhaus wandeln. Auch der Roman will seine Chancen beim Publikum erhöhen, indem er sein Angebot an Motiven erweitert. Gilbert Adair jedenfalls verbindet drei zur Zeit beliebte Sujets, den Universitätsroman, das Thema des Faschismus und den Kriminalfall.

          Sein Professor Sfax hat eine Biographie, die deutlich an die des Literaturwissenschaftlers Paul de Man (1919 bis 1984) erinnert. Nicht nur hat Sfax während der deutschen Besatzung mehr aus jugendlicher Schreiblust denn aus Überzeugung antisemitische Artikel für eine Zeitung in Frankreich (bei de Man: Belgien) geschrieben, die mit den Deutschen kollaborierte; nicht nur lehrt er in New Harbour, was so ähnlich klingt wie de Mans New Haven, und zählt Harold Bloom zu seinen Kollegen. Auch die Theorien des Professors Sfax werden in diesem Schlüsselroman, an dem nichts zu entschlüsseln ist, lang und breit referiert, wobei fraglich bleibt, ob selbst akademische Leser an diesen Passagen das wahre Vergnügen finden werden.

          Das Referat der Theorie, die ja kaum zu poetisieren ist, gibt die auch gegen de Man mehrfach vorgebrachte Deutung wieder, daß seine Gedanken als Literaturwissenschaftler das Ziel hatten, seinen politischen Fehltritt zu vertuschen, daß seine von Foucault übernommene These vom "Tod des Autors" ihn aus der Verantwortung für das eigene Frühwerk habe entlassen sollen. Die Wahrheit seines Lebens tritt Sfax in Gestalt einer intelligenten Studentin entgegen, die durch seine faszinierende Persönlichkeit dazu angeregt wurde, seine Biographie zu schreiben. Der Text, den der Leser vor sich hat, ist jedoch nicht der der jungen Frau, die Autorin werden will. Es sind tagebuchartige Notizen, von denen zunächst anzunehmen ist, daß sie Sfax selbst verfaßt hat. Daraus erfährt man dessen Vergangenheit und ahnt die Peinlichkeit, die Sfax durch die Absicht der Studentin bereitet wird, seine bislang verschollene Jugend wiederaufzudecken.

          Am Ende des kurzen Buches häufen sich Mord und Totschlag: Die Biographin wird von einer Büste des Professors, die sie selbst modelliert hat, erschlagen, er selbst wird erschossen. Seine Aufzeichnungen erweisen sich als Fälschungen eines Betrügers, der postum die Bekenntnisse seines Opfers in den Computer eingegeben hat, der keine Handschrift und also auch keinen individuellen Autor mehr kennt. Dadurch versucht er, den Verdacht von sich auf Sfax zu lenken, so als habe dieser die Morde begangen, um seine Vergangenheit weiterhin im dunkeln zu lassen.

          Der Autor Gilbert Adair will mit dieser Taktik dem Hauptvorwurf entgehen, der gegen sein Buch zu erheben wäre: daß ein Mensch, der solch intelligente Theorien entwirft wie sein Professor Sfax, niemals derart naiv über sich selbst schreiben würde. Nicht an der Handschrift, sondern am schlechten Stil wird der betrügerische Verfasser und Mörder des Professors erkannt. Der Tod des Professors (Sfax' oder de Mans) ist die Auferstehung des Autors (Sfax' oder de Mans). "Le style, c'est l'homme", beweist Gilbert Adairs Buch. Der Professor kann sterben, aber nicht untergehen, weil sein Stil ihn verrät, so daß er als Autor überlebt. HANNELORE SCHLAFFER

          Gilbert Adair: "Der Tod des Autors". Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 1997. 154 S., geb., 38,- DM.

          Der Tod des Autors

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.1997, Nr. 268 / Seite 44

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