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Rezension: Belletristik : Niemand hat sie je gelesen

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Alle werden sie lesen: Ingrid Caven wird zur umjubelten französischen Romanfigur

          PARIS, im Oktober Als Rainer Werner Fassbinder starb, fand man neben seiner Leiche ein mit Kaffee- und Nikotinflecken beschmutztes Blatt Papier. Mit "gebrochener Schrift" hatte Fassbinder auf der Rückseite ein paar Stichworte zu Papier gebracht, numeriert von eins bis achtzehn - die letzten Aufzeichnungen des Sterbenden. Die einzelnen Punkte stehen für die Etappen einer Existenz, sie resümieren das Leben Ingrid Cavens. Sie hatte in seinen Filmen gespielt, mit ihr war er eine Zeitlang verheiratet gewesen.

          Die Notizen sind der erste Entwurf für ein Szenario: "Geburt + Haß der Mutter + Ausbruch der Allergie." Unter Punkt vier werden das Studium und die Entscheidung für eine Analyse aufgeführt. "Liebe mit dem Psychiater", Ende der Liebe. Siebter Punkt: "Kurze Zeit allein, mit vielen Männergeschichten." Erste Schritte auf dem Theater. Es folgen: "Heirat, Schrecken der Ehe, Scheidung." Afrika, die Politik, der wegweisende Auftritt im Pariser Pigall's. Szene dreizehn: "Jean-Jacques Schuhl und einige schlechte Filme."

          Tatsächlich lebt Ingrid Caven zum Zeitpunkt von Fassbinders Tod mit dem französischen Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl zusammen, einer Ausnahmeerscheinung seiner Generation. Den Mai '68 erlebte er nicht auf den Barrikaden - von seinem Balkon aus beobachtete er die Straßenschlachten. Die Wohnung verließ er nur, um seinen Stammnachtklub aufzusuchen. 1972 veröffentlichte er den Roman "Rose Poussière", vier Jahre später "Télex no 1". Sie vermitteln das Lebensgefühl der siebziger Jahre. Danach - während der ganzen Zeit an der Seite von Fassbinders geschiedener Witwe - schrieb Schuhl nichts mehr. Erst ein Vierteljahrhundert später bricht er sein Schweigen: mit einem Buch über seine Lebensgefährtin. Sein Titel ist ihr Name - "Ingrid Caven". Der Autor nennt es einen Roman. Zu seinen Höhepunkten gehört die Schilderung von Fassbinders Begräbnis, das mit einem leeren Sarg inszeniert wird. Denn die Polizei hatte die Leiche noch nicht freigegeben.

          Die Handlung beginnt mit einer Weihnachtsnacht im Kriegsjahr 1943. Auf einem Schlitten wird ein vierjähriges Mädchen zu den Soldaten gebracht. Mit wunderbarer Stimme singt es ihnen auf Wunsch des Vaters "Stille Nacht, Heilige Nacht". Die Flucht zurück erfolgte in einem Zug, der bei der Deportation zum Einsatz gelangt war. Es ist ein Chanson der Rita Mitsouko, das den unaufhaltbaren Fluß der Bilder aus dem Unterbewußtsein auslöst - "immer und immer wieder fuhr der Zug in meinem Erinnern".

          Der französische Schriftsteller schreibt einen deutschen Lebenslauf durch den Nachkrieg. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten . . ." hat Schuhl dem Roman als Motto vorangestellt und dazu ein Zitat aus Kleists Text über das Marionettentheater. Am Rande entsteht ein Porträt der frühen Bundesrepublik. Es folgen die Jahre des Protests und der bleiernen Zeit. Während einer Woche steckt jeden Tag ein Zettel unter dem Scheibenwischer von Fassbinders BMW: Ulrike Meinhof will ihn treffen. Die Aufforderungen werden immer drohender. Der Filmemacher hat Angst, er befürchtet eine Entführung. Ingrid Caven geht alleine hin: "Was wollt ihr von Rainer?" Der Verbindungsmann zückt eine Spritze. Auf ihren "etwas zu hohen Stöckelschuhen" rennt sie zum Auto. An diesem Abend schläft das Ehepaar nicht zu Hause, sondern in einem Münchner Hotel. Am nächsten Tag flüchten sie nach New York. Als 1977 eine im Flugplan nicht vorgesehene Lufthansa-Maschine in Mogadiscio landet, befindet sich Ingrid Caven bereits in Paris. Der Couturier Yves Saint-Laurent schneidert ihr ein Kleid mit der Schere hautnah auf den Körper. Die Schauspielerin und Sängerin hat ein neues Leben begonnen.

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