http://www.faz.net/-gr3-2o4e

Rezension: Belletristik : Niedergang im Hochgebirge

  • Aktualisiert am

Wiederaufgetaucht: Octave Mirbeaus fulminantes Sittengemälde

          Man weiß nicht, weshalb Georges Vasseur sich das alljährlich zumutet, denn eigentlich ist er ein recht unabhängiger Geist. Der seiner Zeit gemäßen Konvention der Sommerreise zum Kurort aber folgt auch er. Dabei ist ihm alles an dem Unternehmen zuwider: die Anreise, die Landschaft, der Kurort und die Leute - die besonders. Sie sieht er als "unerträgliche Kollektionen sämtlicher Vertreter der Menschheit" oder auch schon mal als "Kanaillen, deren Beschreibung ich jungen Mädchen kaum zur Lektüre empfehlen könnte".

          Georges Vasseur also kurt drei Wochen lang, und das in den Pyrenäen, wo der Gebirgsbach rauscht und ihn die 75 Beherbergungskästen des Ortes an Kasernen und Irrenhäuser erinnern. Die Pyrenäen hingegen erinnern ihn an Berge, auch etwas, dem er wenig abgewinnen kann, denn "was ich den Pyrenäen am meisten vorwerfe, ist, daß sie ein Gebirge sind". Der Kurbetrieb selbst stellt sich gravierend anders dar als der heutige mit seinem strengen Anwendungsreglement. Typisch sind hier vielmehr leichte Spaziergänge und der Verzehr schwerer Speisen, und beides gibt Anlaß und Gelegenheit zu Selbstdarstellung und Kommunikation.

          "Nie wieder Höhenluft" ist im Kern das Protokoll eines Lauschangriffs auf die Figuren, die sich Georges Vasseur aufdrängen, denn "mit jenen Seelen verkehre ich nicht. Ich begegne ihnen, was etwas ganz anderes ist." Diese distanzierende Klarstellung ist verständlich, denn bei "jenen Seelen" handelt es sich ganz überwiegend um skrupellose Besserverdienende, die bürgerliche Doppelmoral selbstbewußt bis hin zum Mord dehnen, und da ist ein demokratischer Moralist wie Vasseur definitiv in der falschen Gesellschaft.

          In der fühlt er sich aber nicht nur am Kurort, sondern auch generell, denn jenes Personal, das in den Pyrenäen das große Wort führt, hat für ihn auch sonst die Französische Republik in der Hand. Das fängt an mit dem Dauerminister Georges Leygues, der dröhnend seine Technik erläutert, einem jeden Kabinett, unabhängig von der sonstigen politischen Zusammensetzung, anzugehören - gegen Ende einer Suada zerbirst eine Victor-Hugo-Büste vor Lachen.

          Der historische Dauerminister gleichen Namens soll über diesen Teil des Buches eher nicht gelacht haben, der Sohn eines ebenfalls mit Klarnamen gewürdigten Advokaten hat den Autor gleich zum Duell gefordert. Und wo der Minister kritische Einwände Vasseurs gegen seine Strategie mit dem Hinweis auszuhebeln versucht, er müsse sich da in Mensch und Amtsinhaber teilen, denn "als Minister könnte ich diese Ansichten, die ich als Mensch vertrete, nicht befürworten, ich muß sie sogar bekämpfen", da sagt an anderer Stelle Père Plançon, zur Rede gestellt, was ihm einfiele, nach 42 Jahren als Theaterstatist bei seiner Abschiedsvorstellung einen Satz mehr als im Text vorgegeben zu sprechen: "Es gibt keine zweierlei Ehre. Es gibt nur anständige Menschen."

          Weitere Themen

          Ein Blick in die Zukunft Video-Seite öffnen

          Die „me Convention 2017“ : Ein Blick in die Zukunft

          Die „me Convention 2017“ in Frankfurt hat den Besuchern einen vielfältigen und bunten Einblick die Zukunft gewährt. Dabei sind die Veranstalter ihrem Kredo treu geblieben: Convention ohne Konventionen.

          Topmeldungen

          Sorge um Iran-Atomabkommen : „Große Konflikte und Gefahren“

          Weil die Amerikaner als einzige nicht zufrieden sind, könnte das Iran-Abkommen „zerstört“ werden, warnt Außenminister Sigmar Gabriel. Angesichts der Atomkrise mit Nordkorea brauche man keine weitere, hieß es nach einer Sechserrunde in New York.
          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Sprachkenntnisse lassen sich im Aus- oder im Inland erwerben. Was ist sinnvoller?

          Nachzug von Ehepartnern : Viele scheitern am Deutschtest im Ausland

          Viele Ausländer, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, müssen Deutschkenntnisse nachweisen – und zwar schon vor der Einreise. Kritiker finden das unsinnig. Für Flüchtlinge gilt die Regel ohnehin nicht.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des „Islamischen Staats“ in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.