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Rezension: Belletristik : Niedergang im Hochgebirge

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Wiederaufgetaucht: Octave Mirbeaus fulminantes Sittengemälde

          Man weiß nicht, weshalb Georges Vasseur sich das alljährlich zumutet, denn eigentlich ist er ein recht unabhängiger Geist. Der seiner Zeit gemäßen Konvention der Sommerreise zum Kurort aber folgt auch er. Dabei ist ihm alles an dem Unternehmen zuwider: die Anreise, die Landschaft, der Kurort und die Leute - die besonders. Sie sieht er als "unerträgliche Kollektionen sämtlicher Vertreter der Menschheit" oder auch schon mal als "Kanaillen, deren Beschreibung ich jungen Mädchen kaum zur Lektüre empfehlen könnte".

          Georges Vasseur also kurt drei Wochen lang, und das in den Pyrenäen, wo der Gebirgsbach rauscht und ihn die 75 Beherbergungskästen des Ortes an Kasernen und Irrenhäuser erinnern. Die Pyrenäen hingegen erinnern ihn an Berge, auch etwas, dem er wenig abgewinnen kann, denn "was ich den Pyrenäen am meisten vorwerfe, ist, daß sie ein Gebirge sind". Der Kurbetrieb selbst stellt sich gravierend anders dar als der heutige mit seinem strengen Anwendungsreglement. Typisch sind hier vielmehr leichte Spaziergänge und der Verzehr schwerer Speisen, und beides gibt Anlaß und Gelegenheit zu Selbstdarstellung und Kommunikation.

          "Nie wieder Höhenluft" ist im Kern das Protokoll eines Lauschangriffs auf die Figuren, die sich Georges Vasseur aufdrängen, denn "mit jenen Seelen verkehre ich nicht. Ich begegne ihnen, was etwas ganz anderes ist." Diese distanzierende Klarstellung ist verständlich, denn bei "jenen Seelen" handelt es sich ganz überwiegend um skrupellose Besserverdienende, die bürgerliche Doppelmoral selbstbewußt bis hin zum Mord dehnen, und da ist ein demokratischer Moralist wie Vasseur definitiv in der falschen Gesellschaft.

          In der fühlt er sich aber nicht nur am Kurort, sondern auch generell, denn jenes Personal, das in den Pyrenäen das große Wort führt, hat für ihn auch sonst die Französische Republik in der Hand. Das fängt an mit dem Dauerminister Georges Leygues, der dröhnend seine Technik erläutert, einem jeden Kabinett, unabhängig von der sonstigen politischen Zusammensetzung, anzugehören - gegen Ende einer Suada zerbirst eine Victor-Hugo-Büste vor Lachen.

          Der historische Dauerminister gleichen Namens soll über diesen Teil des Buches eher nicht gelacht haben, der Sohn eines ebenfalls mit Klarnamen gewürdigten Advokaten hat den Autor gleich zum Duell gefordert. Und wo der Minister kritische Einwände Vasseurs gegen seine Strategie mit dem Hinweis auszuhebeln versucht, er müsse sich da in Mensch und Amtsinhaber teilen, denn "als Minister könnte ich diese Ansichten, die ich als Mensch vertrete, nicht befürworten, ich muß sie sogar bekämpfen", da sagt an anderer Stelle Père Plançon, zur Rede gestellt, was ihm einfiele, nach 42 Jahren als Theaterstatist bei seiner Abschiedsvorstellung einen Satz mehr als im Text vorgegeben zu sprechen: "Es gibt keine zweierlei Ehre. Es gibt nur anständige Menschen."

          Doch die sind schwer zu finden. Ein Herr aus deutlich besseren Kreisen, der ganz unverblümt am frühen Morgen Wohnungen ausraubt, hat sich, so führt er aus, als er wegen seines Tuns zur Rede gestellt wird, vordem in Handel, Finanzwelt, Politik und Journalismus umgetan. Abgestoßen vom dort jeweils herrschenden Geflecht von Betrug und Durchstecherei, will er jetzt den "Diebstahl wieder zu einem ehrenwerten und beneideten freien Berufe machen".

          Der Mann ist vielleicht auf einem Abweg, immerhin ist er ein Suchender, während sich das sonstige Personal offensichtlich komfortabel fühlt in einem Amalgam aus Größenwahn, Heimtücke, Geldgier, Narretei und reaktionärster Gesinnung. Da muß ein bretonischer Bürgermeister, der sonst im Schulterschluß mit dem Ortspriester die Bevölkerung ausplündert, seine Tatkraft durch den Kampf gegen eine von ihm fingierte Cholera-Epidemie beweisen, während der normannische Großgrundbesitzer Marquis de Portpierre es immer wieder mit der folgenlosen Annonce unmittelbar bevorstehender glücklicher Zeiten ins Parlament schafft. "Das Bewundernswerte an dem Funktionieren des allgemeinen Wahlrechts ist, daß man dem Volk Wohltaten versprechen kann, in deren Genuß es nie kommen wird", bemerkt Vasseur mit resignativem Unterton; sein Freund Roger Fresselou, früher ein hoffnungsfrohes Mitglied der literarischen Pariser Intelligenz, den er am letzten Kurtag in einem abgelegenen Bergdorf besucht, hat sich gleich ganz zurückgezogen: als wortkarger Nihilist, der schon lange nicht mehr daran glaubt, daß der gute oder widerständige Gedanke den miserablen Lauf der Dinge verändern könnte.

          Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß es sich bei dem Kurgast Vasseur um das Alter ego Octave Mirbeaus handelt, und der war um 1900 immerhin ein europäischer Großautor in den Bereichen Journalismus, Dramatik und Prosa. In seinen guten Zeiten war er von stupender Schaffenskraft. Was alles zusammenkommen mußte, um ihn fast vollständig aus dem literarischen Gedächtnis zu tilgen - mit Ausnahme seines zweifach verfilmten "Tagebuchs einer Kammerzofe" -, daran wird in Frankreich seit rund zehn Jahren geforscht.

          Daß im Zuge dieser Entwicklung nun dieses Buch auf deutsch erschien und dann noch in einer so eleganten Übersetzung wie der von Wieland Grommes, das kann man nur begrüßen, wenn nicht gar feiern. Ganz frisch steht es da, genau hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in unbekümmerter Modernität. Denn Mirbeau schert sich nicht um die Romangesetze, sondern verwirbelt bestrickend die literarischen Genres, die er von der Satire bis zum Sittenbild à la Dickens, von der einfühlsamen Erzählung bis zur Haudrauf-Theaterkritik souverän beherrscht, und transportiert darin widerborstig seine politische Agenda. Die Kritik wies einst darauf hin, daß er dabei auch reichlich schon an anderem Ort Publiziertes einer Zweitverwertung zugeführt habe. Uns als Nachgeborene muß das nicht im geringsten kümmern, und den zuständigen Fachkräften bietet es Raum für spannende Detektivarbeit.

          BURKHARD SCHERER

          Octave Mirbeau: "Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers". Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Wieland Grommes. Manholt Verlag, Bremen 2000. 399 S., geb., 45,- DM.

          Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2001, Nr. 108 / Seite 50

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