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Rezension: Belletristik : Nicht allein gegen die Mafia

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Leonardo Sciascias Ermittlungen gegen das Schweigen

          Aufmerksame Beobachtung der Gegenwart, moralisches und gesellschaftliches Engagement, Freude am Erzählen und den kombinatorischen Kunstgriffen der Prosa, europäische Tradition und aufklärerische Vernunft kennzeichnen das literarische Werk des Sizilianers Leonardo Sciascia. Da es ihm darauf ankam, nicht nur zu erzählen, sondern auch zu argumentieren, mußte seine Prosa Strukturen des Essays übernehmen; da er die Wege des Verbrechens, der Mafia und des politischen Ränkespiels nachzeichnen wollte, war es naheliegend, sich der Formen des Kriminalromans, des "giallo", zu bedienen; und da ihm bei seinen mutigen Recherchen vor allem die Autoren der europäischen Aufklärung Wegweiser waren, mußten auch ihre Ideen einen Platz in seinen Werken finden.

          Beispielhaft umgesetzt wird das in den drei zwischen 1961 und 1971 veröffentlichten "Kriminalromanen" Sciascias, die unter dem Titel "Das Gesetz des Schweigens. Sizilianische Romane" nun erschienen sind. Es handelt sich um die Kurzromane "Il giorno della civetta" ("Der Tag der Eule") von 1961, "A ciascuno il suo" ("Jedem das Seine") von 1966 (beide übersetzt von Arianna Giachi) und "Il contesto. Una parodia" von 1971 ("Der Zusammenhang. Eine Parodie"; übersetzt von Helene Moser).

          "Der Tag der Eule" war Sciascias eigentliches literarisches Debüt. Dieses vom Autor als "Erzählung" eingeordnete Büchlein, 1963 mit dem Literaturpreis "Cortona" ausgezeichnet und von Damiani 1968 verfilmt, machte Sciascia berühmt und rückte, über Italien hinaus, das Problem der Mafia ins öffentliche Bewußtsein. Mit ihm avancierte Sciascia zum bekanntesten lebenden sizilianischen Schriftsteller, und er spielte fortan eine wichtige Rolle in den kulturellen und politischen Debatten Italiens, in die er mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Presseartikeln eingriff. "Der Tag der Eule", Nacherzählung eines Mafia-Verbrechens, zeigt in der Eingangsszene jene Technik, die Sciascia als Grundstruktur der von ihm entwickelten Form des Kriminalromans verstand: die "Zentrifugalität der Wirklichkeit". In den Morgenstunden wird an einer Bushaltestelle in einem sizilianischen Städtchen der Ex-Maurer und Bauunternehmer Salvatore Colasberna, im Begriff, auf den anfahrenden Bus aufzuspringen, mit zwei Schüssen von einem unsichtbaren Täter niedergestreckt. Unmittelbar darauf zieht sich der Pastetenverkäufer, der aus nächster Nähe alles beobachtete, unauffällig zurück; und nach einer Schrecksekunde verlassen die Fahrgäste den Bus und tauchen, in einer "Flucht in alle Himmelsrichtungen", in der Stadt unter. Der aus Parma stammende, gebildete Polizeihauptmann Bellodi, der aus tiefer Überzeugung für Gesetz, Recht und Demokratie kämpft, versucht, die vom Delikt wegführenden, zentrifugalen Spuren, Personen und Indizien zu erfassen, um sie in umgekehrter, zentripetaler Bewegung zu ihrem Ausgangspunkt zu führen und das Verbrechen aufzuklären. Das gelingt ihm nicht, und der Mord bleibt, unter einem Wirrwarr von Verschleierungen, falschen Zeugenaussagen und Alibis, ungelöst.

          Auch in "Jedem das Seine", der narrativ organisierten Enquête eines Kriminalfalles, bleibt das Verbrechen unaufgeklärt. Der Roman spielt in Sizilien in einer von den Gewalttaten der Mafia verdüsterten Atmosphäre. Während eines Jagdausflugs im Sommer 1964 werden der Apotheker Manno und der Arzt Roscio umgebracht. Aus Betroffenheit und intellektueller Neugierde unternimmt es der Gymnasialprofessor Laurana, den Fall zu untersuchen. Es gelingt ihm, die Spuren zurückzuverfolgen und den Täter ausfindig zu machen. Doch als er den Fall durchschaut, wird er von einem Mafiosi umgebracht und in eine Schwefelgrube geworfen.

          Die Kriminalerzählung "Der Zusammenhang" spielt in einem nicht näher bestimmten Land, das jedoch als Sizilien wiederzuerkennen ist. Hier werden kurz nacheinander der Staatsanwalt Varga und die Richter Sanza, Azar, Rasta und Calamo ermordet. Die Untersuchung wird Inspektor Rogas übertragen, einem scharfsinnigen Ermittler und (wie Bellodi und Laurana) literarisch gebildeten Mann. Er stößt auf zwielichtige Gestalten, erkennt die Komplizenschaften des Verbrechens und muß feststellen, daß auch Riches, der Präsident des Obersten Gerichtshofs, ein Freund der Mafiosi ist. Da Rogas zuviel weiß und ihm Ungeschicklichkeiten unterlaufen, wird er von unbekannter Hand getötet und somit Opfer einer degenerierten und korrumpierten Staatsgewalt.

          Mit diesem Roman verschiebt sich die Blickrichtung des Autors vom einzelnen Delikt weg auf den Staat, der in allen seinen Bereichen und Instituten als verbrecherischer "Zusammenhang" korrumpierter Seilschaften und mafioser Gruppierungen erscheint, ein Geflecht, in dem nur die eigennützige, gesetzlose Gewalt zählt. Das Buch soll, so der Autor in seinem Nachwort, "etwas über das Wesen der Macht aussagen, über die Macht, die immer undurchsichtigere Formen der Verflechtungen annimmt, wie sie in gewisser Weise für die Mafia eigentümlich sind".

          Sciascia war das Gewissen der italienischen Gesellschaft, wie auch sein Engagement in der "Affäre Moro" von 1978 zeigt. Als Schriftsteller entwickelte er eine neue Form von kritischem Realismus, die das Schreiben zu einer riskanten Begegnung mit der Welt machte. Sciascia hat die vor allem in den neunziger Jahren einsetzenden Erfolge des Staates im Kampf gegen die Mafia nicht mehr erlebt. MANFRED HARDT

          Leonardo Sciascia: "Das Gesetz des Schweigens". Sizilianische Romane. Aus dem Italienischen übersetzt von Arianna Giachi und Helene Moser. Zsolnay Verlag, Wien/München 1998. 368 S., geb., 45,- DM.

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