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Rezension: Belletristik : New Yorker Fassadensinfonie

  • Aktualisiert am

In seinen Bilderbüchern führt Peter Sis auf Traumpfaden in die Kindheit. Zugleich geht es immer an konkrete Orte. Diesmal nach New York, zu Madlenka, die wir schon aus einem ersten Band kennen. Das Mädchen aus dem Häuserblock, der die ganze Welt bedeutet und in Manhattan liegt, wünscht sich sehnlichst einen Hund. Wieder bricht sie zu einer Expedition in ihre Umgebung auf.

          In seinen Bilderbüchern führt Peter Sis auf Traumpfaden in die Kindheit. Zugleich geht es immer an konkrete Orte. Diesmal nach New York, zu Madlenka, die wir schon aus einem ersten Band kennen. Das Mädchen aus dem Häuserblock, der die ganze Welt bedeutet und in Manhattan liegt, wünscht sich sehnlichst einen Hund. Wieder bricht sie zu einer Expedition in ihre Umgebung auf. Unbeeindruckt von dem hoch in den Himmel ragenden Häuserkoloß, den Sis neben dem Mädchen auftürmt, bewegt sie sich innerhalb ihres kleinen Planquadrates. Madlenka mimt bei ihrer Blockumrundung eine Hundebesitzerin, wenn sie auch nur eine Leine mit sich zieht. Ihre Freundin, die Pferdeliebhaberin Cleopatra, longiert auf ebendiese Weise am Halfter ihren Wunschrappen. Die beiden geraten spielend immer tiefer hinein ins Imaginäre. Die Hausfassaden rutschen dabei an die Seiten. Steingrau umrahmen sie immer phantastischere Orte. Etwa das in zarte Farben getauchte mittelalterliche Reich der Einhörner und Drachen. Madlenka, flankiert von ihrem edlen Hund, und Cleopatra mit ihrem reich kostümierten Rappen, halten hier stolz hof. Auf dem nächsten  Bild in ganz ägyptischem Ambiente läßt sich das Häuserviertel nur mehr winzig am Horizont erkennen. Die großstädtische Umgebung verschwindet mehr und mehr, bis nur noch ein winziger Rest davon herauslugt. Ganz leise ist von dort zu hören: "Madlenka! Komm nach Hause."

          Nur ein paar Blocks weiter treffen wir auf "Rosie in New York". Das Bilderbuch beginnt mit einem Wiegenlied, das der Busfahrer leise auf seinem Weg nach Harlem summt, und die Fahrgäste summen mit. So eingestimmt, schaukelt man sanft hinein in die poetische Geschichte von Rosie. Mit ihr geht es von Harlem über Coney Island durch den Central Park, in die Park Avenue und bis in die Bronx. Ein regelrechter Parcours durch den Big Apple ist das, jedoch kein Reiseführer im üblichen Sinne. Hier wird die Karte von New York ausgebreitet, um davon zu erzählen, wie es ist, als Kind in dieser Stadt zu leben.

          Monika Helfer holt den Stoff für ihre sieben Geschichten direkt von den Rändern der Straßen. Rosie entdeckt sie bei ihren Stadtpassagen: den Obdachlosen im Königsmantel aus blauem Samt, die schwarze Nonne im blütenweißen Gewand, die alte Indianerfrau mit den fünf Nylontaschen, das litauische Mädchen Ruta, das aus Rosies Lieblingsbuch gestiegen ist, oder Loisl, den schwarzen Jungen mit den Rastalocken im schrägen Trachten-Outfit. - Sie alle tauchen wie im Vorübergehen auf, geraten plötzlich in den Mittelpunkt des kindlichen Blickes, erregen dessen Neugier und Interesse und verschwinden wieder, wie sie gekommen sind. Flüchtige Augenblicke erfaßt dieses Buch, intensiv und zugleich beiläufig geschehen die Dinge. Tempo und Perspektive der Großstadt prägen das Real-Unwirkliche, das alle Personen und Ereignisse in diesen Geschichten gleichermaßen umgibt.  Staunend verfolgt man die Reise. Birgitta Heiskels Bilder verfolgen und komplettieren den Wachtraum, den der Text gewoben hat. Als Hintergrund wählt sie warme und kontrastreiche Farben, dick aufgetragen und reizvoll changierend. Die Figuren wirken wie auf dicke Teppiche davor gestellt. Doch es fehlt ihnen nicht an Plastizität, sie scheinen so in ihrer eigenen Welt und Bildebene agieren zu können. Fundstücke von der Straße, Werbezettel und ähnliches, sind in Collagetechnik eingearbeitet. Gepreßte Blumen oder Dekomaterialien schmücken die Bilder ornamental aus. Die Perspektiven und Dimensionen rutschen bei der Gestaltung schräg gegeneinander. Mal hyperrealistisch, mal surreal erscheinen die Illustrationen, die durch ihre Intensität und Vitalität bestechen.  Kein Wiegenlied also, dafür eine Sinfonie phantastique auf New York - eine Hommage und eine Liebeserklärung. Und eine neue New Yorker Adresse auf dem literarischen Stadtplan.

          CAROLINE ROEDER.

          Peter Sis: "Ein Hund für Madlenka". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn. Carl Hanser Verlag, München 2002. 40 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 5 J.

          Monika Helfer: "Rosie in New York". Illustrationen von Birgitta Heiskel. NP Buchverlag,  St. Pölten 2002. 48 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 6 J.

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