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Rezension: Belletristik : Neunzehn Münder

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Die Verhöre des António Lobo Antunes · Von Christoph Bartmann

          Schon lange hat der Minister niemanden mehr, der ihm schreibt. Verlassen liegt sein Landgut da, in dem ihn einst die Spitzen des Staates besuchten, leer das Schwimmbecken, zerbrochen die Statuen im Garten. Die Dachpfannen haben sich gelöst, es regnet in den Salon und auf das Piano mit dem signierten Foto der Königin. Mit einem Schwenk über die verwüstete Pracht eines portugiesischen Herrenhauses beginnt António Lobo Antunes' fulminanter - und von Maralde Meyer-Minnemann großartig übersetzter - Roman "Das Handbuch der Inquisitoren". Der Patriarch von Palmela, der nie den Hut abnahm, "damit klar ist, wer das Sagen hat", der vor feinen Leuten gern den Bauern herauskehrte, liegt verwirrt und gelähmt in einer Klinik und kann sein Wasser nicht mehr halten. Ein Bett weiter dämmert "der Major" vor sich hin, einstmals Direktor der politischen Polizei PIDE und enger Vertrauter des "Herrn Doktor", wie man den Minister üblicherweise titulierte. Der Herr Doktor ist am Ende. Und das nicht erst seit dem Umsturz vom 25. April 1974, sondern vielleicht schon seit jenem Tag, an dem ihm "der Admiral" eröffnete, daß ein anderer, "der Professor", Salazars Nachfolger werden sollte. Oder seit dem Tag, an dem ihn seine Frau verließ und der Major ihm nicht helfen wollte.

          Vom "Admiral", vom "Major" und all den anderen Würdenträgern im portugiesischen Ancien régime ist in diesem Roman ausführlich die Rede, doch das Wort ergreifen andere. Und auch der Herr Doktor kommt erst nach fast vierhundert Seiten mit seinem Bericht an die Reihe. Wie in früheren Romanen, aber noch virtuoser und konsequenter inszeniert Lobo Antunes im "Handbuch der Inquisitoren" ein Figuren- und Stimmengetümmel, in dem allem Anschein nach kein Erzähler Ordnung stiftet. Statt dessen sorgen neunzehn Münder für Verwirrung. In fünf "Berichten" und vierzehn "Kommentaren" entsteht das Porträt einer untergehenden Klasse. Doch geben diese Berichte und Kommentare das Geschehen weder linear noch einstimmig oder objektiv wieder. Diese beinahe beckettschen Monologe sind verspätete Lebensbeichten, verzweifelte Sprechkuren. Die Figuren werden heimgesucht von der Vergangenheit. In ihren uferlosen Reden kreuzen sich die Stimmen. Doch jede Rede entwirrt zugleich das vermeintliche Durcheinander, und am Ende hält der Leser alle Fäden in der Hand. Lobo Antunes ist ein Meister der Stimmen-Regie.

          Weil die Figuren immerfort reden und reden, beginnt der Roman bereits mit einem "Und". "Und als ich in Lissabon das Gericht betrat, dachte ich an das Landgut", so fängt der Bericht des Sohnes Joao an. In seine Erinnerung an die Kindheit in Palmela, an die gutsherrlichen Privilegien seines Vaters und die eigene klägliche Angst vor der Dunkelheit mischen sich die Wortwechsel der laufenden Scheidungsverhandlung, an deren Ende Joao, der "Trottel", seiner Exfrau eine Hypothek auf seinen Besitz überschreiben wird. Wo einmal das Gut war, wird nun eine Feriensiedlung mit Golfplatz "für die Engländer" entstehen.

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