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Veröffentlicht: 04.08.2001, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Neueste Nachrichten aus einer gefühllosen Welt

Mord auf allen Kanälen: Thomas Glavinic zeigt, warum Medienkritik immer auch Selbstkritik ist · Von Sebastian Domsch

Was gedruckt steht, ist sprichwörtlich immer schon gelogen. Die bewegten Bilder des Fernsehens dagegen stehen als Garant dafür, daß etwas wirklich passiert ist. Deswegen geht es in Thomas Glavinics so hervorragendem wie beklemmenden Buch "Der Kameramörder" nicht um einen Mord, sondern um die Kamera, die dabeigewesen ist, und deswegen ist die Geschichte da am nächsten an der Realität, wo diese sich in ihrer eigenen Spiegelung verliert.

"Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben." Wer die ersten Zeilen des von Glavinic selbst als Novelle bezeichneten Texts aufmerksam liest, für den gibt es am Ende keine Überraschung, sondern nur die Gewißheit, nicht die ganze Wahrheit zu erfahren. Denn die ist hinter ihrer eigenen Simulation längst verschwunden. Thomas Glavinic, Jahrgang 1972, gehört zur in jüngster Zeit vieldiskutierten jungen Generation deutschsprachiger realistischer Autoren. Doch wenn er gegen die verstiegene Avantgardesucht der österreichischen Literatur in Interviews gerne ein fast schon naiv realistisches Erzählen ins Feld führt, ist das nur ein Ablenkungsmanöver. Was man nach seinem Debütroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" noch für schlichten bis altmodischen Stil gehalten hat, entpuppt sich spätestens mit diesem, seinem dritten Buch als Teil eines komplexen und handwerklich meisterhaften Repertoires an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die mit dem jeweiligen Sujet untrennbar verbunden sind.

Denn was auf den ersten Satz folgt, ist der 150 Seiten lange absatz- und emotionslose Bericht eines Osterwochenendes, dessen akribische Detailtreue bis hin zur Unwahrscheinlichkeit reicht, beispielsweise in der Wiedergabe von Dialogen oder Federballspielständen, und dessen vollkommene Neutralität den Berichtenden noch die kleinste Nebensächlichkeit mit der gleichen Sorgfalt und Leidenschaftslosigkeit beschreiben läßt wie die Ausstrahlung eines Kindermords im Fernsehen.

Mit eiserner Konsequenz filtert Glavinic jedes Ereignis durch die umständliche Sprache des Erzählers, die sich auszeichnet durch den konsequenten Einsatz des Konjunktivs, altertümlichen Sprachgebrauch ("Ich willfahrte ihr") und merkwürdige Satzstellungen, die stark an Behördendeutsch erinnern. Eklatant wird die zur Gefühllosigkeit gesteigerte Objektivität beispielsweise bei der Wiedergabe humorvoller Situationen. An solchen Stellen heißt es dann: "Dies gab zu Heiterkeit Anlaß." Humor wird ebenso ausgeblendet wie Horror; beides läßt sich in dieser Welt der Inszenierung von Oberflächen durch erzählende Sprache nicht vermitteln. Diese Stringenz ergibt zwar keine leichte Lektüre, doch der namenlose Erzähler schlägt den Leser, der sich zuerst noch am betulichen Sprachfluß und übergroßen Detailreichtum stört, rasch in den Bann des Banalen. Denn hinter so viel Oberfläche, das ist bald klar, muß sich ein Abgrund auftun.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin ist der Erzähler über die Ostertage zu Gast bei einem befreundeten Ehepaar, den Stubenrauchs. Man sitzt zusammen, spielt Karten oder Federball und unterhält sich, bis eine Meldung aus dem Fernsehen die Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ein Mann hat drei Jungen in seine Gewalt gebracht und zwei von ihnen gezwungen, sich von einem Baum in den Tod zu stürzen. Seine Tat hat der Unbekannte auf Video aufgenommen.

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