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Rezension: Belletristik : Nazis im Internet

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Schlimmes liegt in der Luft, meint Didier Daeninckx

          Schon der Titel ist ein Witz, leider ein unübersetzbarer. "Nazis dans le métro" reimt sich auf "Zazie dans le métro", das köstliche Buch von Raymond Queneau, das die Abenteuer der frechen Göre Zazie in Paris beschreibt und das von Louis Malle verfilmt worden ist. Aber die Nazis, die Daeninckx meint, sind gar nicht in der Metro zu finden. Gabriel Lecouvreur, der privatdetektivisch nach ihnen sucht, weil sie seinen Freund, den Schriftsteller Sloga, zusammengeschlagen haben, stößt erst nach langem Suchen auf ihren neuen Wirkungskreis, den Medienmarkt.

          Sie haben sich verschwörerisch mit der radikalen Linken zusammengetan und bedienen sich des Holocaust mit dem Argument, die Auschwitzlüge sei erfunden worden, um von den viel gigantischeren Verbrechen des Verschwörerpaares Israel-Amerika abzulenken. Daeninckx zählt kennerisch die Namen der französischen Linksradikalen auf, die in Vorkriegs- und Kriegszeiten von ganz links nach ganz rechts wanderten, und läßt zum Schluß einen solchen getarnten Nazi sogar Mitglied der Académie Française werden. Kurz und gut, es liegt Schlimmes in der Luft.

          Dieses Albtraum-Thema wird allerdings erst von Seite 90 an eingefädelt. Vorher haben wir es mit einem Krimi neuer Machart zu tun, wie sie Daeninckx schon mehrfach für die Série Noire des Verlages Gallimard angefertigt hat. Nicht nur das Zazie-Zitat beweist, daß er auf der Höhe der Zeit ist. Literarische Anspielungen, in Frankreich mehr geschätzt und leichter erkannt als bei uns, häufen sich, werden aber noch von einer betont zur Schau gestellten Kennerschaft auf gastronomischem Gebiet überholt. So bereitet Cheryl, des Privatdetektivs Lebensgefährtin, zum Beispiel "Reis auf Dichterart" (im deutschen Text: Reis à la Dichter) und hält zu diesem Zweck "dreimal die Dose mit Rosmarin, gemischten Kräutern, gemahlenem Knoblauch, Basilikum, Petersilie und Kräutern aus der Provence" über die Kasserolle. Beeindruckend ist auch die souveräne Kenntnis der Biersorten und Zigarettenmarken: François zum Beispiel steckt sich eine Celtique an und trinkt seinen Pelforth mit einem Schluck aus, "wie es sich für einen Mann gehört". Dem schließt sich zwanglos die Vertrautheit mit den Praktiken des Computerwesens an. Im Interesse des richtigen Benehmens wird auch das Wechseln der Wäsche notiert.

          So kann es nicht anders sein, als daß auch das Verbrechen sich so moderner Tricks wie des Einspritzens von Aidsviren durch eine rachsüchtige Krankenschwester bedient. Dies freilich geschieht auf dem Lande, das sich nach alter französischer Tradition gleichzeitig als höchst gemütlich und zutiefst verrucht erweist. Auch hier sind Scherzchen möglich und angebracht. Ein Senegalese, der sich dorthin verirrt hat, belehrt seine Zuhörer - und uns Leser - gern, daß eine Diskette am Senegal kein Instrument ist, sondern das, was in Paris Gisquette oder Minette heißt - ein leichtes Mädchen.

          Es versteht sich, daß ein so vom Lokalkolorit gesättigtes Buch einen Übersetzer braucht, der Bescheid weiß. Ronald Voullié ist im Technischen und Praktischen des französischen Lebensraumes ganz und gar zu Haus, nur sein Verhältnis zum Deutschen ist nicht zweifelsfrei. Er spricht von einer kurzsichtigen Brille, läßt Papierblätter fallen und jemanden, der sich bückt, sie zusammenfalten. Das sind kleine Unfälle in einem flott geschriebenen Text, der offenbar auch als Drehbuch gedacht ist.

          Am Schluß kommt es zu einer Verfolgungsjagd und einem Showdown. Dabei enthüllt sich der umgängliche und hochgebildete Privatdetektiv als ein ziemlich widerwärtiger Schläger, der einen in die Nazi-ffäre verwickelten Buchhändler so grausig zurichtet, wie es sonst nur die Mafiakerle tun. Es bleibt der fatale Gesamteindruck, daß es mit dem neuen Bündnis der urbösen Nazis und der in Sünde gefallenen Linken auch nicht viel schlimmer kommen kann, als es schon ist. WERNER ROSS

          Didier Daeninckx: "Nazis in der Metro". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Voullié. Transit Verlag, Berlin 1996. 160 S., geb., 28,- DM.

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