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Rezension: Belletristik : Nachklänge der versunkenen Welt

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Vor fünfzig Jahren veröffentlichte Gertrud Fussenegger den Familienroman "Das Haus der dunklen Krüge". Als "böhmische Buddenbrooks" haben ihn Kritiker wie Werner Ross bezeichnet. Der Vergleich mit "Buddenbrooks" hat dem "Haus der dunklen Krüge" freilich eher geschadet als genützt. Seit langem ist es um dieses Haus recht still geworden.

          Vor fünfzig Jahren veröffentlichte Gertrud Fussenegger den Familienroman "Das Haus der dunklen Krüge". Als "böhmische Buddenbrooks" haben ihn Kritiker wie Werner Ross bezeichnet. Der Vergleich mit "Buddenbrooks" hat dem "Haus der dunklen Krüge" freilich eher geschadet als genützt. Seit langem ist es um dieses Haus recht still geworden. Das verwundert angesichts der erzählerischen Spannung des Romans, in dem die Seelengeschichte des Bürgertums im neunzehnten Jahrhundert in der Geschichte einer böhmischen Familie eingefangen, die Erstarrung und der Verfall ihres - von einem immer hohleren Ehrbegriff überwölbten - Wertekanons facettenreich gespiegelt wird.

          Die Vergegenwärtigungskunst der Autorin, welche Personen und Gegenstände stets präzise im Zeitmilieu ortet, weist eher zurück auf den französischen Gesellschaftsroman des neunzehnten Jahrhunderts als auf die spezifisch deutsche Romantradition. Was am "Haus der dunklen Krüge" heute mehr denn je bewegt, ist die tiefe Fremdheit zwischen den Geschlechtern, der Kreuzweg der Frau in der Geschichte der bürgerlichen Familie, die dauernde Verletzung ihrer Sensibilität in einer von männlicher Macht und spezifisch männlichen Wertvorstellungen geprägten Gesellschaft.

          Kaum zu fassen ist, daß die greise Autorin, die im Mai neunzig Jahre alt wird, sich entschlossen hat, ihr bedeutendstes Buch nach genau fünfzig Jahren fortzusetzen, die Geschichte der Familie Bourdanin zu Ende zu schreiben. Dieser Wunsch muß gewaltig in ihr gearbeitet haben, und das hat gewiß auch autobiographische Gründe, denn in dieser Fortsetzung wird es dem Leser recht deutlich gemacht - nicht immer zum ästhetischen Vorteil des Buches -, daß es die eigene Familie der Autorin ist, die sie da, wenn auch in fiktionalem Gewande, noch einmal beschwört. Und am Ende bringt sie sich gar selber - die Buchstaben des Vornamens verraten es - in die Geschichte ein: in der Gestalt Eggis, des jüngsten Familienmitgliedes, der angehenden Chronistin ihres Eltern- und Großelternhauses. Mit ihren Erinnerungen "Das alte Haus in Böhmen", die das Buch im Buch spiegeln, schließt der Roman und schließt sich der Kreis zum "Haus der dunklen Krüge".

          Noch einmal begegnen wir in "Bourdanins Kindern" dem nun mehr und mehr verfallenden und vereinsamenden Rittmeister Bourdanin und seiner - zunehmend aus seinem Schatten heraustretenden - zweiten Frau Marie, dem verblassenden familiären Umfeld der alten Generation und der nun heranwachsenden neuen, welche die Züge einer immer prosaischer werdenden, immer mehr an Farbe verlierenden Zeit trägt. Das "Haus der dunklen Krüge" begann im Jahre 1871, "Bourdanins Kinder" endet nach dem Zweiten Weltkrieg. Rittmeister Bourdanin versteht die neue Welt nicht mehr, die sein feudal-bürgerliches Wertesystem endgültig aus den Angeln hebt. "So ist es an der Zeit, die Zelte abzubrechen", sagt er, als er die inzwischen durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse verstreute Familie noch einmal zu einem Abschiedsmahl versammelt.

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