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Rezension: Belletristik Monsieur liebt einen Bullen

19.04.1997 ·  Lebenslust statt Logik: Daniel Pennac verklärt die Unübersichtlichkeit der Vorstädte · Von Wolfgang Steuhl

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Wird das Fazit eines Romans gegen Ende desselben so unumwunden gezogen wie in "Monsieur Malaussène", so darf man es getrost zu Beginn einer Rezension zitieren: "Der Gute war gerettet, die Trottel und die Bösewichte waren zum Teufel geschickt." So wollte es Daniel Pennac, ein 1944 in Casablanca geborener Französischlehrer, der in Frankreich mittlerweile das ist, was man hierzulande wohl einen Kultautor nennen würde. Pennac lebt am Schauplatz vieler seiner Geschichten, nämlich in Belleville im Norden von Paris, also in einem Stadtteil, dessen Leben und Erscheinungsbild durch das geprägt sind, was man heutzutage als multikulturell bezeichnet.

Dies und die Tatsache, daß in "Monsieur Malaussène" von Anfang an viel von einer bunt gemischten Stadtteiltruppe in Belleville die Rede ist (wenngleich das gesamte Hauptpersonal schließlich doch aus weißen Europäern besteht), legt die Vermutung nahe, hier solle die Erwartungshaltung eines Lesepublikums bedient werden, welches vor allem zeitgeistkonforme Visionen eines großen Miteinanders der Kulturen bestätigt sehen möchte. Aber Pennac gehört unter den Schriftstellern mit linksliberalem Programm unzweifelhaft zu den knapp gesäten wirklichen Erzähltalenten. "Monsieur Malaussène" zeigt, nach eher schleppendem und geschwätzigem Beginn, doch noch vieles von dem, was einen guten Roman ausmacht; und das vielleicht gerade deshalb, weil seine tragenden Elemente ein gerüttelt Maß an ironischer Übertreibung enthalten: die auch in der deutschen Übersetzung frische und weitgehend klischeefreie, mitunter wagemutige bis halsbrecherische Sprache, eine leidlich spannend konstruierte Handlung sowie Figuren, die so rund sind, wie man das von literarischen Kunstgestalten erwarten kann.

Insbesondere wegen der Kurzweiligkeit der Story wird die Frage zweitrangig, ob man denn glauben soll, was dem Unterschichthelden Benjamin Malaussène, von seinem Erfinder als gleichsam archetypischer Sündenbock konzipiert, im Verlauf der Geschichte widerfährt beziehungsweise an Untaten in die Schuhe geschoben wird. All das, so wird dem Leser suggeriert, ergibt sich unmittelbar oder mittelbar aus Leidenschaften, die in der hier vorgestellten Urgewalt gleichwohl zurechtgekünstelt anmuten: aus der bis zum Mord reichenden Neigung dekadenter und rachsüchtiger Bürgerunholde zu ausgefallenen Tätowierungen auf Pariser Prostituierten; aus der Passion zweier hochabsonderlicher Alterchen für die Filmkunst.

Hinzu kommt, daß Malaussène sowie seine Familienangehörigen und multikulturellen Gefährten die hier geschilderten Abenteuer zusammen mit weiteren Bedrohungen durchstehen müssen; denn der Staat unterstützt abrißwütige Unternehmer, die am liebsten das gesamte Viertel mitsamt dem zentralen Treffpunkt, einem Kino, aus Spekulationsgründen plattmachen wollen, und immerzu werden Wohnungen armer Schuldner tagsüber von einem beflissenen Gerichtsvollzieher und dessen Helfershelfern ausgeräumt. Weil sich aber einer von ihnen alsbald als Kollaborateur der Armen entpuppt, erfährt man, daß die gepfändeten Sachen normalerweise des Nachts und durchaus illegal an ihre angestammten Plätze zurückgebracht werden. Zu Kriminalfällen und sozialer Bedrängnis gesellen sich noch die privaten Schwierigkeiten des Helden, denn die von diesem mitgezeugte Leibesfrucht seiner Lebensgefährtin, einer Journalistin, wird Gegenstand einer wahrlich spektakulären Manipulation.

Weil zu der über dem Roman schwebenden Ironie auch das oben zitierte Fazit gehört, erübrigt es sich an dieser Stelle ganz besonders, Einzelheiten zu verraten - der Leser weiß ja, daß alles gut ausgeht. Für den Fall aber, daß man dem Autor dessen mitunter etwas sprunghafte und das übliche Maß an Unglaubwürdigkeit sprengende Erzählweise vorhält, hat Pennac vorgesorgt. "Sehr viele ehrbare Leute", so meint sein Antiheld Malaussène gegen Ende, leiden "an einem rasenden Bedürfnis nach Kohärenz." Und so wie es einst für Walt Whitman geboten schien, den "gelehrten Astronomen" allein wegen dessen wissenschaftlich-systematischer Weltbetrachtung zu verachten, denunziert Pennacs Romanvölkchen durch die bloße Art seines Existierens Übersichtlichkeit und "Kohärenz" und verklärt statt dessen Lebenslust, Liebe und logische Sprünge.

Sein Verhältnis zu einem Chefpolizisten etwa veranlaßt Malaussène zu folgender Anwandlung: "Schande auf meinem Haupt, Freude in meinem Herzen: Ich habe einen Bullen geliebt! Was beweist, daß es keine widernatürliche Liebe gibt." Anrührend mag das klingen, und sogar in einem allgemeinen Sinne wahr mag es sein, so wie das Ganze obendrein recht unterhaltend ist - aber es erweckt immer aufs neue den Verdacht, daß da auf wohlkalkulierte Weise ein spezielles Gefühlsphilistertum gefeiert werden soll, nämlich der letzten Endes überraschungsfreie Komment all derer, die sich selber für ganz und gar unkonventionell halten.

Daniel Pennac: "Monsieur Malaussène". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Eveline Passet. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997. 608 S., geb., 45,- DM.

Monsieur Malaussène

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.1997, Nr. 91 / Seite B5
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